Lukas Bärfuss - Hagard

Lukas Bärfuss - Hagard

Lukas Bärfuss - Hagard

Von Holger Heimann

Nebenwirkungen einer Obsession: Lukas Bärfuss erzählt von einem Stalker, dem sein bisheriges Leben komplett abhanden kommt. 2017 war Bärfuss mit diesem Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2019 bekommt er nun den Georg-Büchner-Preis.

Lukas Bärfuss
Hagard
Wallstein Verlag, 2017
174 Seiten
19,90 Euro

Getrieben

Was bringt einen Menschen dazu, die eigene gesicherte Existenz aufs Spiel zu setzen? Warum schert einer plötzlich aus? Philip weiß selbst nicht, was ihn treibt. Der Mann, Ende vierzig, ist ein recht erfolgreicher Immobilienmakler, das Geschäft läuft gut, auf den Kanaren erwartet ihn ein großer Deal. Kaufen und verkaufen – das ist sein Job. Große Überraschungen gibt es nicht im Alltag des alleinerziehenden Familienvaters. Das Leben ist ein sanfter, manchmal vielleicht ein bisschen seichter Fluss. Die großen Katastrophen ereignen sich anderswo. Es ist ein Tag wie jeder andere in Zürich, an dem Philip die Routine plötzlich hinter sich lässt. Während er auf einen verspäteten Kunden wartet, bleibt sein Blick an einer schemenhaften Gestalt in pflaumenblauen Ballerinas hängen.

"Die Frau, die sich einen Weg durch die Menge suchte, blieb unsichtbar. Philip drehte seinen Kopf, um mehr von ihr zu erkennen. Für einen Augenblick erschien ihre Gestalt, klein, zierlich, verletzlich. Er schätzte sie auf Mitte zwanzig. .... Und als sie sich aus dem Pulk gelöst hatte, meinte Philip eine Geste ihrer Hand oder ihres Kopfes zu erkennen, eine Bewegung, die ihn lockte, aufforderte, ihr zu folgen, was nichts als eine Illusion sein konnte, denn bestimmt hatte sie ihn nicht bemerkt. Doch für Philip bestand kein Zweifel: Sie meinte ihn, sie schickte ihm ein Zeichen."

Obsession

Philip ignoriert die Verpflichtungen des Alltags. Er folgt der Unbekannten durch die Straßen und weiter mit einem Zug in eine unwirtliche Stadtrandsiedlung. Vor einem Wohnblock bezieht er Stellung und wartet. Worauf? Er will die Frau nicht erobern. Nie nähert er sich ihr ganz oder versucht auch nur, ihr Gesicht zu sehen. Denn er ahnt, der Zauber könnte sogleich verfliegen. Und trotzdem wird der Stalker immer mehr selbst zum Opfer seiner Obsession. Die Kontrolle über das eigene Leben entgleitet ihm. Auf der Flucht vor Fahrkartenkontrolleuren verliert er einen Schuh, nachdem der Telefon-Akku aufgebraucht ist, gänzlich den Kontakt zu seiner bisherigen Welt. Innerhalb weniger Stunden wird aus dem Immobilienmakler ein haltloser Streuner ohne Geld. Doch eine unerklärliche Lust treibt ihn immer weiter.

"Er hatte nicht das Gefühl, einen Fehler zu machen. Er folgte einem merkwürdigen, vielleicht unheilvollen Plan, dessen Ziel niemand verstehen musste. Er war dem Augenblick ausgesetzt, nur der zählte. .... Er verbrauchte seine Energie, und er verbrauchte sie schrankenlos, ohne Zurückhaltung, mit der totalen Präsenz."

Philip und der Erzähler

 Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss

Man kann über diesen rätselhaft schillernden Roman nicht sprechen, ohne über den Erzähler zu reden. Dieser kann sich Philips Abdriften selbst nicht erklären. Doch gerade deswegen bleibt er ihm umso neugieriger und nachdrücklicher auf der Spur.
Der enorme Reiz des neuen Romans von Lukas Bärfuss, den er mehrmals umgeschrieben hat, liegt auch darin, dass er die Unsicherheit seines Erzählers zum Thema macht. Mal kommt dieser Philips Motiven vermeintlich näher, dann verwirft er die Erklärungen wieder.

"Lange stand dieser Zug auf dem Gleis und fuhr nicht ab, den ganzen Frühling bis weit in den Sommer. Bevor ich verstand, was Philip in jenem Moment trieb, konnte ich ihn nicht gehen lassen. Er brachte sich in Schwierigkeiten, handelte gegen sich selbst, gegen seine Interessen, gegen alles, was er in den letzten Jahren aufgebaut hatte."

Absage an die Normalität

Lukas Bärfuss hat sich schon immer für drastische Absagen an die Normalität interessiert. Auch Philips Ausbruch lässt sich als ein Aufstand gegen die Anforderungen der Leistungsgesellschaft interpretieren, eine Abkehr vom Diktat der Tüchtigkeit. Aber ist seine Revolte nicht lächerlich, eine kitschige Sehnsucht? Wäre es nicht besser, etwas gegen die bestehende Ordnung zu unternehmen? War Philip bloß ein sentimentaler Kleinbürger, der kurz aufbegehrt? So forscht der Erzähler – immer weiter, immer tiefer – und stößt doch nur auf neue Fragen. Das Nachdenken über Philip wird zum Nachdenken über die eigene Existenz:

"Mit jedem Tag versuchte ich, in allem ein bisschen besser zu werden, meine Energien zu bündeln und keine Zeit zu vertun. Ich war mein eigener Zuchtmeister, und da ich gelernt hatte, zu allen Dingen eine gewisse Distanz einzunehmen, zwar vollen Einsatz, aber keine wirkliche Beteiligung zu schenken, auch nicht meinen Ertüchtigungen, schmunzelte ich über meine Methoden, schmunzelte über alles und jedes. In allem war ein Lächeln, das jedes Lachen fernhielt."

Verstörung

"Hagard" – das französische Wort bedeutet Verstörung – ist ein klug komponierter, gedankenreicher Roman über ein Leiden an der Wirklichkeit und den Preis des Aufbegehrens. Doch Lukas Bärfuss schreibt keine Bücher, in denen die Rätselhaftigkeit unserer Existenz aufgelöst wird. "Die literarische Auseinandersetzung mit einem Thema vertieft die Wunden und vergrößert die Fragen", hat er einmal gesagt. So ist es bei diesem großartigen Erzähler. Wer sich auf sein Nachsinnen einlässt, wird selbst die Fragen nicht mehr los.

Lukas Bärfuss - Hagard

WDR 3 Buchrezension 10.07.2019 05:09 Min. Verfügbar bis 08.07.2020 WDR 3

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Lukas Bärfuss erhält den Georg-Büchner-Preis 2019

WDR 3 Kultur am Mittag 09.07.2019 08:33 Min. Verfügbar bis 08.07.2020 WDR 3

Stand: 09.07.2019, 14:15