"Die Freiheit einer Frau" von Édouard Louis

Buchcover: "Die Freiheit einer Frau" von Edouard Louis

"Die Freiheit einer Frau" von Édouard Louis

Dass Édouard Louis die immer selben Erinnerungen neu modelliert, ist nicht nur ein literarisches, sondern auch ein politisches Programm: Es schafft eine Intimität zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten, die einander sonst nur mit Argwohn begegnen. Eine Rezension von Hannah Rau.

Édouard Louis: Die Freiheit einer Frau
Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2021.
96 Seiten, 17 Euro.

"Die Freiheit einer Frau" von Édouard Louis

Lesestoff – neue Bücher 10.11.2021 05:22 Min. Verfügbar bis 10.11.2022 WDR Online Von Hannah Rau


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Herkunft als literarischer Antrieb

Natürlich spricht die Mutter nicht selbst, wie sollte sie? Monique Bellegueule ist 17, als sie ihr erstes Kind erwartet. "Ein Kind erwarten", das ist unter diesen Umständen purer Euphemismus, bedeutet es doch, die Ausbildung abzubrechen, einen Mann zu heiraten, der sie verabscheut, herumhurt und trinkt. Ein weiteres Kind zu bekommen, den Mann zu verlassen, einen neuen zu finden, der sie verabscheut und trinkt. Und noch ein Kind und noch einmal schwanger und dieses Mal Zwillinge. Solche Frauen schreiben keine Bücher. Auch nicht deren Söhne. Üblicherweise. Eddy Bellegueule schon. Eddy ist Édouard Louis und seine Herkunft ist sein literarischer Antrieb. Sein einziger.

"Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals versuchen, die Wirklichkeit zu erklären, sondern sie nur illustrieren, aber ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu erklären und zu verstehen. Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe sich niemals wiederholen, aber ich will immer nur dieselbe Geschichte erzählen, immer wieder darauf zurückkommen, bis sie Fragmente ihrer Wahrheit durchscheinen lässt[.]"

Bücher als Hilfe im Kampfgegen soziale Ungerechtigkeit

Louis begreift und verurteilt die Literatur als Instrument der Herrschenden, doch letztlich dienen seine Bücher ihm im Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit. Er schafft Nähe zwischen Menschen, die einander im echten Leben fremd sind. Das gelingt ihm, indem er dieselben Erinnerungen in unterschiedlichen Büchern neu modelliert.

Schon in seinem Debütroman "Das Ende von Eddy" hat er sich seines familiären und sozialen Umfelds angenommen, dieses prekären Arbeitermilieus in einem nordfranzösischen Dorf. Die darin geschilderten Verhältnisse waren beides – ihm nah und fremd zugleich. Louis kannte sie, war Teil davon und doch nie zugehörig. Seine derben Eltern waren ihm, dem homosexuellen Schöngeist, feindlich gesinnt und so war er es ihnen. Das hat sich gewandelt. Louis‘ Blick ist sanfter geworden, selbstkritisch – soziologisch geschult.

"In Schilderungen des Übergangs aus einer gesellschaftlichen Klasse in eine andere geht es meist um die Gewalt, die die Betreffenden dabei erlebt haben – wegen Unangepasstheit, Unkenntnis der Codes der Welt, in die sie eintraten. Ich erinnere mich vor allem an die Gewalt, die ich selbst ausübte. Ich wollte mein neues Leben als Rache für meine Kindheit verwenden, für all die vielen Male, da ihr beide, mein Vater und du, mir klargemacht hattet, dass ich nicht der Sohn war, den ihr euch gewünscht hattet. Ich wurde zum Klassenflüchtling aus Rache, und diese Gewalt gesellte sich zu all den Gewalterfahrungen, die du bereits hattest machen müssen."

Eine Entschuldigung für die Mutter

Louis wendet sich in "Die Freiheit einer Frau" einmal direkt an die Mutter, im nächsten Moment nimmt er ganz ihre Perspektive ein, dann wieder schreibt er über sie in der dritten Person. Er entschuldigt sich bei ihr dafür, dass er sich ihrer schämte, dafür dass er sich – einmal Gymnasiast – für etwas Besseres hielt, dafür, dass er sie aufgegeben hatte.

"Das Hin und Her zum und vom Lebensmittelladen des Dorfs, die Zubereitung der Mahlzeiten, dass ihre Kinder ihr eigenes Leben nachlebten, die Ödnis des Landlebens, die Gemeinheiten meines Vaters ihr gegenüber. Sie war erst um die vierzig, aber es sollte nichts Neues mehr kommen. Und genau in dem Moment, als ich innerlich diesen Gedanken formulierte, änderte sich alles."

Monique Bellegueule verlässt ihren zweiten Mann. Was Édouard Louis sein Soziologiestudium war, wird der Mutter die Arbeit als Haushaltskraft. Sie putzt nun nicht mehr dem alkoholkranken Mann hinterher, sondern als unabhängige Frau.

Ein intensives und glaubwürdiges Werk

Zweifelnd fragt Louis, ob er als Mann das Leben einer von Männern dominierten Frau verstehen kann und beschreiben darf. Und seine Antwort, nämlich dass ihm seine männliche Identität doch auch nur aufgezwungen worden sei, überzeugt nicht ganz. Überzeugend aber ist das Ergebnis.

Sehr wahrscheinlich kann Louis besser über seine Mutter schreiben, als sie es selbst könnte. Und zwar nicht (oder nicht nur) deswegen, weil er anders als sie eine akademische Bildung genossen hat, sondern weil es – wie die britische Schriftstellerin Zadie Smith in einem Essay über Fiktion und kulturelle Aneignung formuliert hat – Dinge gibt, für die die Subjektivität blind ist. So schonungslos und zart wie Louis seine Mutter porträtiert, betrachtet sich niemand selbst. Gerade diese Mischung aber macht "Die Freiheit einer Frau" so intensiv und glaubwürdig.

Stand: 06.11.2021, 13:27