Lorenz Wagner - Der Junge, der zu viel fühlte

Cover von Lorenz Wagner: Der Junge, der zu viel fühlte

WDR 2 Buchtipp

Lorenz Wagner - Der Junge, der zu viel fühlte

Von Christine Westermann

Autisten fühlen nicht zu wenig, sondern zu viel - zu dieser Erkenntnis gelangt der Hirnforscher Henry Markram, Vater eines autistischen Sohnes. Lorenz Wagner hat die beiden über Monate begleitet und eine bewegende Vater-Sohn-Geschichte geschrieben.

Die Handlung

Vorn, auf dem Buch-Umschlag ein Foto, Mann und Kind, irgendwo am Meer, beide zeigen der Kamera ein scheues Lächeln, der Kleine hängt irgendwie schief im Arm des Vaters.

Könnte sein, dass der Vater den Jungen gebeten hat , doch mal stillzustehen, während das Foto gemacht wird. Stillstehen ist für einen Jungen wie Kai nicht so einfach. Das Rauschen des Meeres, die Helligkeit der Sonne, das Glitzern des Wassers, das ist viel für seine Augen, Ohren, seine Sinne. Zuviel.

Der Mann, der den Jungen im Arm hat, ist Henry Markram, einer der berühmtesten Hirnforscher der Welt. Sein Sohn Kai wird die Forschungsergebnisse des Vaters und das was, man bislang über Autismus wusste, für immer verändern. Kai hat von allem zu viel. Zuviel Hilfsbereitschaft, zuviel Zuneigung, zuviel Neugier, zuviel Unruhe.

Die Bewertung

Christine Westermann vor einem Bücherregal

WDR 2 Literaturkritikerin Christine Westermann

Autistische Menschen fühlen zu wenig, ist die gängige Lehrmeinung. Kai zeigt seinem Vater im täglichen Leben, wie weit sich die Wissenschaft vom richtigen Leben entfernt hat.  Autistische Menschen kapseln sich ab, weil sie ZUVIEL fühlen. Sie können das Feuerwerk, das Sehen, Hören, Fühlen in ihrem Kopf auslöst, sonst nicht aushalten. Wie Kai die Forschungsergebnisse des Vaters über den Haufen wirft, ihn neu denken lässt, ist hoch emotional. Am Ende steht die überraschende Erkenntnis: Autisten fehlt es nicht an Empathie. Nein, uns fehlt sie. Für die Autisten. Dieses Buch bringt sie zurück. Der Autor dieser bewegenden und ungemein spannenden Vater-Sohn-Geschichte ist der Journalist Lorenz Wagner. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung hat keine Geschichte die Leser so bewegt wie die über Kai und seinen Vater. Wenn man das Buch liest, weiß man, warum. Der Autor hat Kai und seine Familie über Monate begleitet, hat Entwicklungen verdichtet, konzentriert. Er tut das, ohne je tränendrüsig zu werden.

Ein Buch, mit dem man die Welt anders sieht. Mit den Augen eines Autisten.

Der Autor

Lorenz Wagner ist einer der angesehensten Journalisten Deutschlands, seine Geschichten als Reporter der Süddeutschen Zeitung wurden mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet. In diesem Jahr bekam er den renommierten Theodor-Wolff -Preis.

Lorenz Wagner - Der Junge, der zu viel fühlte

WDR 2 Bücher 25.11.2018 05:09 Min. WDR 2

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Lorenz Wagner
Der Junge, der zu viel fühlte
Verlag: Europa Verlag
ISBN: 9783958902299
Preis: 18,90 Euro

Stand: 25.11.2018, 00:00