António Lobo Antunes - Für jene, die im Dunklen sitzt und auf mich wartet

António Lobo Antunes - Für jene, die im Dunklen sitzt und auf mich wartet

António Lobo Antunes - Für jene, die im Dunklen sitzt und auf mich wartet

Von Nicole Strecker

Der neue Roman des großen portugiesischen Autors António Lobo Antunes erzählt so virtuos wie quälend vom letzten Stadium der Alterskrankheit Demenz.

António Lobo Antunes
Für jene, die im Dunklen sitzt und auf mich wartet

Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann
Luchterhand, München 2019
432 Seiten
24,00 Euro

Gefangen im eigenen Körper, gefangen im eigenen Kopf.

Es ist ein grausamer Zustand, in den Antonio Lobo Antunes in diesem Roman seine Hauptfigur versetzt: Gefangen im eigenen Körper, gefangen im eigenen Kopf. Sie kann weder Leib noch Gedanken kontrollieren, kann sich ihrer Umwelt gegenüber nicht wirklich verständlich machen. Nicht lange, und sie verliert ihr Sprachvermögen komplett. Die Ich-Erzählerin quält das derzeit am häufigsten literarisierte Schreckgespenst des Alters: die Demenz.

"Für jemanden mit ihrer Erkrankung geht es ihr ausgezeichnet.
Aber was für eine Erkrankung, Herr Doktor, ich bin nicht einmal alt, mit achtundsiebzig Jahren ist niemand alt, was heißt hier alt, ich bin eine Schauspielerin, die bei diesem Stück pausiert, um, wie der Theaterdirektor sagt, im nächsten in einer mir angemessenen Rolle aufzutreten, der Salta Pocinhas zu mir als Kind
Du wirst Zuschauerräume füllen ...
werde ich selbstverständlich Zuschauerräume füllen, und der Neffe meines Mannes, der Arzt und die alte Frau sitzen im Publikum
Bravo
während ich versuche, die Tablette zu schlucken."

Antonio Lobo Antunes: "Für jene, die im Dunkeln sitzt"

WDR 3 Buchkritik 24.02.2020 06:06 Min. Verfügbar bis 23.02.2021 WDR 3

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Im Kopf einer ehemaligen Schauspielerin

Wir sind mit diesem Buch also im Kopf einer ehemaligen Schauspielerin, für die Vergangenheit und Gegenwart, reale Außenwelt und imaginiertes Innenleben immerzu ineinanderfließen. Antonio Lobo Antunes macht das großartig. Auch in Deutschland gibt es gelungene Beschreibungen von Demenz - man denke nur an Arno Geigers ergreifendes Vater-Porträt "Der alte König in seinem Exil". Doch kein anderer Autor dürfte so prädestiniert sein, die Gehirn-Erkrankung literarisch abzubilden, wie der Meister der anarchisch mäandernden Bewusstseinsströme. Rund 30 Romane hat der portugiesische Schriftsteller und Psychiater verfasst. Darin wechseln die Zeiten, auch die Erzählfiguren ohne Übergang und der Leser hat oft Mühe sich zu orientieren. Literarisch hochvirtuose, polyphone Kompositionen. Diesmal ist es ein bisschen leichter: Es sind fast durchgängig die mahlenden, kreiselnden, hüpfenden Gedanken der Demenzkranken, die immer wieder zu - vor allem - einer Person zurückkehren: dem geliebten Vater.

"Er, der nur Charlie Chaplin war, wenn sie miteinander spazieren gingen, und obwohl er sie nicht trug, erkannte man die Stiefel an den kleinen schnellen Schritten, ich wollte Vater sagen, dass er zurückkommen und bei mir bleiben sollte, aber ich habe keine Stimme mehr, die Kehle hat aufgegeben, ich sah meine Eltern noch in der Tür, dann verlor ich sie."

Die Literarisierung eines Tochter-Begehrens

António Lobo Antunes

António Lobo Antunes

Der Vater als hüftwackelnder, heiterer Charlie Chaplin, die zärtliche Erinnerung einer Tochter - das klingt harmonischer als es ist. Denn bei Lobo Antunes gibt es nun mal keine romantisch-reine, sondern nur neurotische Liebe. Sein Roman ist die Literarisierung des von Sigmund Freud beschriebenen Tochter-Begehrens: erotische Besitzansprüche an den Vater, Eifersucht auf die Mutter. Die Vorstellung, dass die eigenen Eltern Sex haben, dürfte für die meisten unangenehm sein. Für die Ich-Erzählerin wird die Vorstellung regelrecht zur Obsession. Ein Kruzifix, das gegen den Bettkopf schlägt - das ist das sarkastische Sprachbild, für den elterlichen Frevel. Der Halbsatz durchzieht als Leitmotiv den Roman, wie etwa auch

"der kleine Motor, der so lange vibriert, bis das Schwanzende ist"

als Metapher für eine Katze, deren Gegenwart die demente Frau tröstet. Oder die Worte

"Sag „Liebling“, sag es"

Als Ausdruck für die späteren, verzweifelten Ehemänner, die diese vaterfixierte Frau stets auf Distanz hält. Die Körper der Männer ekeln sie. Über ihren frühen Tod kann sie nicht trauern. Auch bei allen anderen Paaren in Lobo Antunes' Roman ist die Ehe vor allem eine Hassgemeinschaft: Verbale Brutalitäten, fremdgehende Männer, schlecht alternde Frauen.

"was ist aus meinen Hüften geworden, mein Gott, nimm mir meine Hüften nicht, wie lächerlich sie sind, wenn sie im Trainingsanzug, in Sneakers, mit einem Haarreif zum Festhalten der Haare ins Fitnessstudio gehen, das am Morgen, und sie schauen uns dabei stinksauer an, wieso guckst du mich an, siehst du mich zum ersten Mal, und tatsächlich haben wir sie so wie jetzt noch nie gesehen, wir antworten beinahe, wie die Zeit dich zerstört hat, und halten die Worte gerade eben, bevor sie herauskommen, zurück, weil wir denken und wie sehe ich wohl aus, die Knochen ähnlich denen uralter Tiere, die man, Gott sei Dank, nur aus den Enzyklopädien kennt, absurde Skelette, übergroße Schädel, unwahrscheinliche Füße"

Der Skandal des Alterns

So deklamieren Antonio Lobo Antunes' Figuren mit galligem Humor - also: deutlich mehr Galle, als Humor - über den Skandal des Alterns. In seitenlangen verschlungenen Sätzen, die kaum mal einem Punkt begegnen und in denen das Komma unbekümmert durch die Zeilen tanzt. Als Leser läuft man immer wieder Gefahr, ins Delirium zu fallen, so sehr wirbelt und wogt dieser Gedankenstrom, drehen die Redundanzen Pirouetten und flattern immer nur Fetzen von Anekdoten auf. Eine mental zerrüttende Qual - eben: Sprache gewordene Demenz. Am Ende: der Todeskampf. Ergreifend, wie sich dann die Gedanken der Ich-Erzählerin noch einmal beschleunigen, die ungelösten Konflikte ihres Lebens sie bedrängen. Aus den Kommentaren der anderen Figuren erschließt sich, wie der Körper der Ich-Erzählerin sich aufbäumt, der Atem aussetzt, wie sie weint und ein letztes Wort wispert: Liebling. Dann, nach 400 Seiten Trostlosigkeit, Sehnsucht und Zorn, machen sich die Gedanken der Ich-Erzählerin auf zu einem letzten gemeinsamen Spaziergang mit ihrem Vater.

"Vergiss nicht den Hut aufzusetzen hake mich bei ihm ein, wenn er sagt Komm meine Süße antworte ich mit einer Verbeugung, und wir machen uns zusammen auf den Weg, wackeln dabei mit den Hüften und grüßen die Leute, bis wir uns im Licht auflösen."

Stand: 23.02.2020, 16:56