Stefan Frankenberger, Lise Meitner, Elisabeth Orth - ...Deine Lise. Die Physikerin Lise Meitner im Exil

Stefan Frankenberger, Lise Meitner, Elisabeth Orth - ...Deine Lise. Die Physikerin Lise Meitner im Exil

Stefan Frankenberger, Lise Meitner, Elisabeth Orth - ...Deine Lise. Die Physikerin Lise Meitner im Exil

Von Anja Hirsch

Die Physikerin Lise Meitner, die aus einer jüdischen Familie stammt, in Berlin forschte und lehrte, überlebte die Nazizeit in Stockholm. Was das privat und beruflich für sie bedeutete, dokumentiert ein neues Hörbuch mit Briefen und Musik.

Stefan Frankenberger, Lise Meitner, Elisabeth Orth
...Deine Lise. Die Physikerin Lise Meitner im Exil

Mit Elisabeth Orth, Till Firit, Paul Matić u.a.
Musik: Isabelle Duthoit, Klarinette und Gesang
Franz Hautzinger, Trompete
Lukas Lauermann, Violoncello
und Stefan Frankenberger
Zwei Audio-CDs Buchfunk Verlag, Leipzig 2018
ISBN 978-3-86847-423-7

Die Physikerin Lise Meitner, geboren 1876 in Wien, 30 Jahre lang am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut tätig, ist berühmt für ihre Forschungen im Bereich Radioaktivität. Zusammen mit dem Chemiker Otto Hahn stand sie kurz vor der Entdeckung der Möglichkeit radioaktiven Kernzerfalls, als sie 1938 Deutschland verlassen musste. , Denn sie kam aus einer jüdischen Familie. Meitner pflegte mit Kollegen, Familie und Freunden eine leidenschaftliche Korrespondenz und starb 1968, mit fast neunzig Jahren, in Cambridge. Ein neues Hörbuch dokumentiert jetzt anhand von Briefen Lise Meitners Exil. Autor ist Stefan Frankenberger. Er verbindet die Briefe mit Musik und Geräuschen. "...Deine Lise. Die Physikerin Lise Meitner im Exil" ist der Titel.

13. Juli 1938

Elisabeth Orth

Elisabeth Orth

Lise Meitner, gesprochen von Elisabeth Orth

"Abschied früh von Hahn. Treffe Costa am Bahnhof in Neu-Schanz. Zollbeamte informiert. Acht Uhr abends Groningen.."

Am 13. Juli 1938 verlässt die Physikerin Lise Meitner, die einer jüdischen Familie entstammt, Berlin. Nachts wird sie zum Bahnhof gebracht. Über die Niederlande gelangt sie nach Stockholm, wo sie am Nobel-Institut arbeitet.

Lise Meitner
"Nichts liegt vor mir, alles hinter mir. Meine lieben Freunde verhalfen mir in die Freiheit, wohlwissend, dass sie mich unfrei machen wird."

Briefe aus dem Exil

Welch tiefen Schnitt das Exil in ihr Leben reißt, dokumentieren die Briefe, die sie an die Zurückgebliebenen schreibt; viele davon an ihren Freund und engsten Kollegen, den Chemiker Otto Hahn, der auch nach ihrer Flucht in regen Kontakt mit ihr bleibt;

Till Firit

Till Firit

- hier gesprochen vom Schauspieler Till Firit.

"29.8.1938. Heute nun war Laborbeginn. Ich holte gleich nach 9 Uhr Philipp und Erbacher zu mir, berichtete und las Deinen Brief vor. Sie nahmen es wohl sicher mit einer gewissen Bewegung auf, sprachen aber nichts. Um 11 Uhr versammelte ich dann das ganze Labor, ohne Lehrjungen, las die allgemein wichtigen Stellen aus Deinem Brief vor und gab einen Überblick über unsere fast 31jährige Zusammenarbeit."

Glückwünsche zum 60. Geburtstag

Schon 1933 wird Lise Meitner, die seit 1907 am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut tätig ist, mit Berufsverbot belegt, kann aber noch forschen.

Lise Meitner, 1959

Lise Meitner, 1959

Mit dem sogenannten "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland fallen auch für sie letzte Schutzmauern. Im Stockholmer Exil erreichen sie Glückwünsche zum 60. Geburtstag.

"Man blickt ja an seinem 60. Geburtstag schon etwas auf sein Leben zurück. Sie können es mit Stolz tun. - Kopf hoch!
Wir sind alle dankbar für Ihre Arbeiten, die unsere Wissenschaft und damit unser ganzes Leben so sehr bereichert haben! Dafür, dass Sie diese Arbeiten in Deutschland gemacht haben und für alles, was Sie für die deutsche Physik getan haben. Herzlichst, Ihr Werner Heisenberg."

Im neutralen Schweden

Dramaturgisch klug aneinandergereiht, vermitteln die Briefstellen Meitners unwürdige Situation. Im neutralen Schweden ist sie zwar sicher, aber auf einem Randplatz. Sie leidet privat wie beruflich. Die Burgschauspielerin Elisabeth Orth, selbst 82 Jahre alt, transportiert Verletzlichkeit. Sie liest Meitners Briefe nüchtern, doch mit vielen sprechenden Pausen.

Lise Meitner
"Man ist sehr einsam geworden. Wissenschaftlich lebe ich wie ein Robinson auf einer Insel. In meinem Alter eine sehr hoffnungslose Tatsache. Es ist die Musik, die einem so viel schenken kann und dem bittersten Alltag den Trost unzerstörbarer Werte gibt."

Musik und Atmosphäre

Auch im Hörbuch erzeugt die Musik Atmosphäre, oft düster und dramatisch. Stefan Frankenberger und sein Ensemble improvisieren mit Stimme und Geräuschen, mit Klarinette oder Cello.

Lise Meitner
"Ich kriege gerade so viel, dass ich bei wirklich großer Sparsamkeit mein Zimmer, Essen und die kleinen Tagesausgaben, Omnibus, Porto ect. zahlen kann."

Aus der Ferne

In Stockholm fehlen Geräte zum Experimentieren. Im Berliner Labor dagegen tut sich Weltveränderndes. Lise Meitner hat das nicht nur mit vorbereitet. Sie begleitet und kommentiert es aus der Ferne auch weiterhin.

Otto Hahn und Lise Meitner, 1910

Otto Hahn und Lise Meitner, 1910

Otto Hahn
"Es ist jetzt gleich 11 Uhr abends. Um viertel 12 will Straßmann wiederkommen, so dass ich nach Hause kann allmählich. Es ist nämlich etwas bei den Radium-Isotopen, was so merkwürdig ist, dass wir es vorerst nur Dir sagen."

Rasch wechselnde Depeschen dokumentieren, wie eng Lise Meitner in die Vorgänge eingebunden und wie stark sie von Wissensdurst geprägt war.

Otto Hahn
"Vielleicht kannst du irgendeine fantastische Erklärung vorschlagen? Wir wissen dabei selbst, dass es eigentlich nicht in Barium zerplatzen kann. Alles recht heikle Versuche. Aber wir müssen doch klar werden!"

Die Konkurrenz schläft nicht

Ein Wettrennen kommt in Gang - galt der Atomkern bislang doch als unspaltbar.

Lise Meitner
"Eure Radium-Resultate sind sehr verblüffend... Aber wir haben in der Kernphysik so viele Überraschungen erlebt, dass man auf nichts ohne Weiteres sagen kann, es ist unmöglich."

Schwarzweiß-Foto: Lise Meitner im Gespräch mit Otto Hahn.

Lise Meitner arbeitete 1908 bis 1938 an Otto Hahns Seite

Suggestive Klänge ziehen einen auch ohne Fachwissen in diesen Wissenschaftskrimi hinein. Das Booklet bringt auf 46 Seiten Essays und ein spannendes Gespräch zur Positionsbestimmung der Physikerin, aber auch zu ethischen und philosophischen Fragen. Die klaren Worte, die Lise Meitner zu Kriegsende aus Schweden schreibt, zeugen von ihrer Persönlichkeit, die viele faszinierte.

Lise Meitner
"Ihr habt nicht sehen wollen. Es war zu unbequem."

Entehrungen

Über vierzig Mal wurde Lise Meitner wegen ihrer zahlreichen Publikationen auch in anderen Gebieten als der Kernspaltung für den Nobelpreis vorgeschlagen. Sie erhielt ihn nie. Es wäre ein Zeichen gewesen gegen die Entehrungen, die sie im Krieg erlitt.

Die Physikerin Lise Meitner im Exil (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 13.12.2018 05:44 Min. Verfügbar bis 13.12.2019 WDR 3

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Stand: 10.12.2018, 18:47