Christian Linker - Toxische Macht

Buchcover: "Toxische Macht" von Christian Linker

Christian Linker - Toxische Macht

Von Dina Netz

Was wäre, wenn die Corona-Krise einen wirklichen politischen Neuanfang hervorgebracht hätte? Christian Linker spielt diese Idee in seinem neuen, packenden Roman durch.

Christian Linker: Toxische Macht
dtv, München 2021.
334 Seiten, 15 Euro.

Christian Linker: "Toxische Macht"

WDR 3 Buchkritik 28.07.2021 03:10 Min. Verfügbar bis 28.07.2022 WDR 3


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Das Gesicht der Zukunft

Coco und Maikel, Studenten in Köln, begegnen sich im ersten Corona-Lockdown bei der Planung eines Klimastreiks. Sie werden ein Paar, und Coco bewundert Maikels politisches Engagement. Sie begleitet ihn zum Sommercamp einer neuen Partei, die sich in Großbuchstaben "FUTURE" nennt. Unversehens wird aber Coco zum Gesicht dieser Partei, weil sie genau im richtigen Moment die richtigen Sätze in eine ZDF-Kamera sagt:

"Ich wünschte, wir könnten diese neue Entschleunigung hinüberretten in die Post-Corona-Zeit. Weniger Autofahren, weniger Fleisch essen, all das – es darf nicht als Bedrohung rüberkommen, sondern wir müssen die Leute dafür begeistern, dass wir durch Verzicht freier werden können, dass Langsamkeit glücklich macht und dass alle mitgenommen werden können, egal ob alt oder jung, ob in der Stadt oder auf dem Land."

Kandidatin für das Bundeskanzleramt

Coco war nie besonders ernsthaft politisch engagiert. Aber gerade diese Nonchalance, mit der sie spricht, mit der sie sich Maikels Strohhut aufsetzt, der zu ihrem Markenzeichen wird – diese lässige Natürlichkeit lässt sie zum Aushängeschild von FUTURE werden. Für sich selbst überraschend wird sie zur Vorsitzenden gewählt.

Zwei Jahre später wird sie die Kandidatin der Partei für das Bundeskanzleramt sein – eine charismatische junge Frau, Mitte 20, die ihren Master noch nicht abgeschlossen hat. Was für eine schöne Utopie!

Vom Politikbetrieb verschlungen

Für ihre Berühmtheit zahlt Coco bald aber auch einen hohen Preis. Sie eilt von einer Versammlung zum nächsten Interview, sitzt in Zügen, schläft auf Isomatten. Für Maikel hat sie kaum noch Zeit. Kurz vor der Bundestagswahl steht sie vor dem Zusammenbruch:

"'Die Politik frisst mich auf', flüstert sie. 'Sie hat mich beinahe schon komplett verschlungen, nur ein winziges Stückchen guckt noch raus. Wenn ich ehrlich bin, geht es mir total beschissen mit all dem. Manchmal werde ich morgens wach und kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Da sind ganz viele Wörter in meinem Kopf, aber sie ergeben keinen Sinn, sie passen nicht zusammen.'"

Christian Linker beschreibt kenntnisreich und überzeugend, wie der Politikbetrieb einen jungen Menschen mit Idealen verschleißt.

Das gekränkte Ego des Partners

Maikel wiederum, der sich wissenschaftlich mit toxischer Männlichkeit auseinandersetzt, kommt mit seiner Rolle an der Seite einer berühmten Politikerin nicht klar. Sein Ego ist so gekränkt, dass er sogar mit einem rechten Verein namens "Abendland Akademie Zscheproda" anbändelt und sich erschreckend tief in dessen Gedankengut verstrickt.

"Toxische Macht" hat eine Rahmenhandlung, in der man schon am Anfang erfährt, dass Maikel von dieser Abendland Akademie den Auftrag erhalten wird, einen Giftanschlag auf Coco zu verüben. Die Frage, ob er tatsächlich so weit gehen wird, hält die Spannung bis zum Finale.

Ernüchterung und Hoffnung

Christian Linkers Roman ist also ein aufregender Thriller. Vor allem aber bietet das Buch einen luziden Einblick in den Politikbetrieb und dessen Mechanismen. Das ist ernüchternd, aber seine Beschreibung einer neuen Partei mit jungen, engagierten Menschen macht zugleich Hoffnung auf Veränderung.

Stand: 25.07.2021, 19:45