Jürgen Link - Hölderlins Fluchtlinie Griechenland

Buchcover: Jürgen Link: Hölderlins Fluchtlinie Griechenland

Jürgen Link - Hölderlins Fluchtlinie Griechenland

Von Ulrich Grober

Rückkehr zur Natur und zur direkten Demokratie: Jürgen Links Studie erschließt überraschend aktuelle Zugänge zum Kosmos des großen deutschen Dichters Hölderlin.

Jürgen Link: Hölderlins Fluchtlinie Griechenland
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020.
273 Seiten, 40 Euro.

Verschiedene "Behälter" und Zellen

Fluchtlinie – die Kategorie hat Jürgen Link von den französischen Theoretikern Gilles Deleuze und Felix Guattari entlehnt. Es geht dabei keineswegs um einen simplen Eskapismus.

"Fluchtlinie meint sowohl den Weg einer realen befreienden Flucht wie die – wenn man will: utopische - perspektivische Aussicht auf einen unbekannte freien Raum. Hölderlins berühmter Vers: „Komm! Ins Offene, Freund!“ gewinnt seine Energie aus diesem doppelten Aspekt."

Was den Ausgangspol dieser Fluchtlinie angeht, so spricht Link von einem "klaustrophobischen Komplex" Hölderlins. Er verweist auf eine Äußerung des Dichters, in der das christliche Begräbnis gegen die altgriechische Feuerbestattung gestellt wird. Dabei wird der Sarg zum Symbol aller gefängnisartigen Zellen. Die Serie der "Behälter" verläuft dabei von der Familie über die Klosterschule, die lakaienhafte Hofmeisterexistenz und das isolierte bürgerliche Individuum bis hin zum Kleinstaat Württemberg und zur "zerrissenen" deutschen Nation. Die utopische Aussicht richtet sich dem entgegen "ins Offene" - in ein komplex imaginiertes Griechenland.

Gegen das Klischee

Link erhebt Einspruch gegen das tradierte Klischee von der naiven "Antiken-Schwärmerei" Hölderlins. Der Dichter interessierte sich keineswegs nur für das antike Griechenland, sondern auch für das zeitgenössische. Er hatte griechische Emigranten in seinem Stuttgarter Bekanntenkreis. Seine Griechenland-Kenntnis beruhte zudem auf einem intensiven Studium zeitgenössischer Reiseberichte. Dieser biographische Kontext ermöglicht Link eine neue Lektüre der berühmten "Deutschenschelte" im Briefroman Hyperion. Die Tragödie Neugriechenlands ist eine Spiegelung der deutschen Misere, und Hyperion ist eine Spiegelfigur seines Autors. Beiden ging es um die Wiedererweckung der altgriechischen Polis-Demokratie, um das einfache Leben, um eine naturbezogene Kunst und Philosophie.

"Es gehört zur Komplexität von Hölderlins Fluchtlinie, dass die Attraktivität Neugriechenlands nicht zuletzt in der noch mit Altgriechenland identischen Naturbasis besteht. Darunter ist zunächst die Identität von gemäßigt solarem Klima, Geographie und Geologie - Meer und Inseln - Vegetation - Oliven -  und einer ambivalenten 'Armut' der Bewohner zu verstehen."

Das Konzept der Fluchtlinie erlaubt überraschend präzise und originelle Lektüren der großen Gedichte Brot und Wein, Der Archipelagus, Patmos, Die Wanderung. Dabei erweist sich die strukturelle Einheit von Griechenland-Konzepten und dem Wunder eines "gräzisierten" Rhythmus und Wohlklangs der deutschen Sprache. Hölderlin sprach vom "heroisch-idealischen Ton". Dafür gebe es, sagt Link, allenfalls bei Beethovens Musik Analogien. Die Ästhetik dieses mitreißenden Sounds beschreibt er prägnant und einfühlsam.

Hölderlins Bezug zu Rousseau

Zurück zur Natur! Diese Parole war zur Zeit Hölderlins mit dem Namen Rousseaus verbunden. Link zeigt, wie Hölderlin den Genfer "Vagabunden-Philosophen" als "Halbgott" der Moderne poetisierte. Der Dichter habe so den Fortschrittsbegriff der Aufklärung den Bedingungen der Naturverträglichkeit unterwerfen wollen. Die Analogien zwischen Rousseaus Biographie und Episoden von Hölderlins Empedokles- Drama sind wirklich frappierend.

Das bis heute ein wenig bizarr wirkende Motiv des Ätnasprungs erweist sich als "mehrstimmiges" Symbol der "Rückkehr zur Natur": Es verweist auf eine spirituelle Liebe zur Natur und zu den Pflanzen, auf die Einsamkeit des "Eremiten in Griechenland" und nicht zuletzt auf eine Rückkehr zur direkten griechischen Demokratie. Hölderlin sah sie in den zeitgenössischen revolutionären Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit widergespiegelt.

Jürgen Links Hölderlin-Studie ist gewiss anspruchsvoll. Man muss sich einlassen auf die Tools, die der Autor aus dem Werkzeugkasten der Diskursanalyse holt. Und man sollte beim Lesen tunlichst eine Hölderlin-Ausgabe griffbereit halten. Dann aber kann etwas Überraschendes geschehen: Von einer avancierten Position der Hölderlin-Forschung aus erschließen sich neue, begehbare Zugänge zum Kosmos dieses großen deutschen Dichters. Auch für Leserinnen und Leser, die ihn  erst für sich entdecken möchten. In dieser  - noch ein geflügeltes Wort aus der Feder Hölderlins - "bleiernen Zeit".

Stand: 03.09.2020, 15:01