Merethe Lindstrøm - Tage in der Geschichte der Stille

Merethe Lindstrøm - Tage in der Geschichte der Stille

Merethe Lindstrøm - Tage in der Geschichte der Stille

Von Dorothea Breit

Erstmals auf Deutsch zu lesen: Ein leiser Roman der norwegischen Schriftstellerin Merethe Lindstrøm über das Trauma des Zweiten Weltkriegs und die zerstörerischen Energien von Familiengeheimnissen.

Merethe Lindstrøm
Tage in der Geschichte der Stille

Aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger
Matthes & Seitz, Berlin 2019
221 Seiten
22 Euro

Merethe Lindstrøm : "Tage in der Geschichte der Stille"

WDR 3 Mosaik 18.11.2019 05:39 Min. Verfügbar bis 17.11.2020 WDR 3

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Es ist still geworden

Der erste Eindruck täuscht. Aber es liegt kein Grauschleier über dieser Geschichte. Die Bilder erscheinen klar und deutlich vor dem inneren Auge der Leserin, jedoch - egal ob es stürmt, regnet oder die Sonne scheint - in gedämpften feinen Graunuancen: Das kleine Familienhaus mit Garten am Waldrand in einer namenslosen Stadt. Die Bewohner, ein Ehepaar im Pensionsalter: Eva, die Studienrätin unterrichtete einst Literatur, Simon war ein angesehener Arzt. Es ist still geworden in Evas und Simons Leben. Die drei Töchter sind ausgezogen, außer Helena, der Jüngsten, besucht sie keiner mehr. Und nun kommt auch die lettische Putzhilfe Marjia nicht mehr zu ihnen.

"Ja, ich vermisse Marjia. Es wäre eine Lüge zu sagen, dass ich sie nicht vermisse, ich würde sie fragen, was sie denkt. […] über dieses neue Schweigen, Simons Schweigen. Gleichwohl besteht ein Zusammenhang zwischen dem Schweigen und Marjias Abwesenheit. Wäre Marjia nicht gegangen, wäre alles noch wie früher."

Sie hatten zu schweigen

"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" lautet ein bekanntes Sprichwort. In dem Roman "Tage in der Geschichte der Stille" der norwegischen Schriftstellerin Merethe Lindstrøm verkehrt es sich jedoch zunehmend ins Gegenteil. Obwohl das Schweigen Simon als Kind einst das Leben gerettet hat. Die jüdische Familie überlebte den Naziterror des Zweiten Weltkriegs in einem engen Versteck.

"Während dieses besser als Gefangenschaft bezeichneten Lebens hieß es still zu sein, erzählte mir Simon. Sie hatten zu schweigen, er, der Bruder, die Eltern, und die anderen zwei, die noch dort waren. Ihre Körper gewöhnten sich schnell an eine gedämpfte Art, sich zu bewegen, die auch später nie verschwand, sondern Teil von ihnen, ihrer Körpersprache wurde."

Wenn die Brüder sich zankten, wütend waren und losbrüllten, wurde ihnen ein Handtuch auf den Mund gepresst.

"Simon erzählte mir, dass er noch heute manchmal mit dem Gefühl aufwache, unter diesem Handtuch zu stecken, das seinen Mund bedeckte oder als Knebel benutzt wurde."

Im Laufe der Jahrzehnte

Merethe Lindstrøm

Merethe Lindstrøm

Merethe Lindstrøm lässt Eva den Roman aus der subjektiven Ich-Perspektive erzählen. Eva beobachtet den schweigenden alten Mann an ihrer Seite und seine Veränderung. Sie sucht Erklärungen, reflektiert, grübelt, resümiert, wie es kommen konnte. Erinnert sich an den lebensfrohen Medizinstudenten im norwegischen Exil, in den sie sich verliebte und den sie bis heute liebt. Das Trauma des Holocaust schien damals vergessen. Im Laufe der Jahrzehnte jedoch holen ihn die Bilder des Eingesperrt-Seins wieder ein, die Erinnerungen an andere Familienmitglieder und Verwandte, die ermordet wurden.

Eine Depression, von der er sich aber wieder erholt. Danach macht er sich auf die Suche nach überlebenden Verwandten. Und Eva? Er versteht nicht, warum sie ihm nie von ihrem Sohn erzählt hat, den sie als 17-jährige gebar und zur Adoption weggab. Wie konnte sie so etwas tun?

"Seiner Ansicht nach war es unnatürlich. Das war das Wort, das er gebrauchte. Unnatürlich. Eine Frau gab ihr Kind nicht weg, und wenn doch, dann spürte sie immer Sehnsucht, und diese Sehnsucht fände auch einen Ausdruck, in Reue oder dem Versuch, das Kind wiederzubekommen."

Der richtige Moment

Eva verspürt nichts dergleichen. Ihre drei Töchter dagegen liebt sie über alles. Helena, die jüngste steht ihr am nächsten und versucht sie zu überreden, Simon in eine Seniorenpflegestätte zu geben. Doch Eva zögert. Die Töchter wissen nichts von Simons jüdischer Vergangenheit, ebenso wenig von Evas Sohn. Die Eltern verschwiegen es vor den Kindern, wollten sie nicht damit belasten; später finden sie nie mehr den richtigen Moment dazu. Eine Feigheit, wie Eva durchaus selbstkritisch erkennt. So erfahren die Töchter auch nicht, warum die Eltern der selbstbewussten lettischen Putzhilfe Marjia, die doch zur Freundin geworden war, so plötzlich gekündigt haben. Irgendetwas muss doch vorgefallen sein?
Die Töchter vergelten Eva und Simon das Schweigen über Marjia, indem sie der Gartenparty zu ihrem Hochzeitstag fern bleiben.

"Ich wollte so gerne etwas sagen, das Schmerzhafte etwas lindern. Er brauche nicht alles jetzt zu machen, manches könne bis morgen warten, sagte ich. Ich weiß, antwortete er. Seine Hände zitterten, er räumte das Festtagsgeschirr weg. Um es nicht morgen nach dem Aufstehen sehen zu müssen, als Manifestation der Enttäuschung."

Spannend bis zur letzten Seite

Der Rhythmus der einfachen, klaren Sprache des Romans folgt in der Übertragung des Norwegischen ins Deutsche von Eva Ranzinger einfühlsam den Denkbewegungen der Ich-Erzählerin. Wie Köder wirft die Romanautorin Merethe Lindstrøm die Fragmente von Evas Erinnerungen ins vage Ungefähre ihres Pensionärsdaseins in der Gegenwart eines scheinbar banalen Alltags. Peu à peu verknüpft Eva die Puzzleteile ihres Lebens mit Simon, der zunehmend im Schweigen verschwindet, zu einem Bild. Die Leserin ahnt allmählich. Aber das Verschweigen hat Methode, dient zugleich als literarisches Stilmittel in diesem kleinen feinen Roman, der bis zur letzten Seite spannend bleibt.

Stand: 16.11.2019, 21:42