Valeria Parrella - Liebe wird überschätzt

Valeria Parrella - Liebe wird überschätzt

Valeria Parrella - Liebe wird überschätzt

Von Tobias Eisermann

Prägnant und lässig Geschichten von Liebe und Tod erzählen: die Neapolitanerin Valeria Parrella schreibt sich endgültig ein in die Riege der erstklassigen italienischen Erzähler.

Valeria Parrella
Liebe wird überschätzt.
Erzählungen

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Hanser, 2017
144 Seiten
18, 00 Euro

Erklär mir, Liebe

So dichtete Ingeborg Bachmann vor mehr als einem halben Jahrhundert. Die Bachmann war bekanntlich eine Hauptvertreterin der neuromantischen deutschen Italiensehnsucht. Jetzt hallt es aus dem Land, wo die Zitronen blühn, noch einmal halb zynisch halb poetisch zurück: „Liebe wird überschätzt.“ So lautet der Titel von Valeria Parrellas drittem Erzählband, der soeben bei Hanser erschien. Vorzüglich ins Deutsche gebracht von Annette Kopetzki. Mehr noch als in ihren Romanen findet die Neapolitanerin in den Erzählungen ihre Bestform. Das gilt für die Anlage der Geschichten und den Erzählton und macht sie zu einer Meisterin der erzählerischen Kurzstrecke. Parrella ist gelernte Gebärdensprachendolmetscherin und Linguistin. Das muss kein Vorteil sein. In ihrem Fall ist es einer. Man spürt sofort: Sie weiß Lebenssituationen ins Bild zu setzen. Sie kann einen Augenblick aus dem Alltag ihrer Figuren prägnant und doch lässig in Worte fassen. Im Nu, in zwei, drei Sätzen entsteht eine Atmosphäre, dann nimmt eine Handlung Fahrt auf, die muss nicht dramatisch sein, aber sie packt uns, nimmt uns mit an Bord. So in der Titelgeschichte gleich zu Beginn. Federica fährt mit Mann und Tochter in Urlaub, im Nachtzug von Neapel nach Wien. Sie nimmt ein Beruhigungsmittel, lehnt sich an ihr Kissen und klappt den Laptop auf: Eine andere Welt erscheint. Es ist die Welt ihres Doppellebens, ihrer Affäre mit Simone, die seit Jahren andauert. Federica ist Sportreporterin, Simone ein Weltklassefechter. Mit der linken Hand zwingt er seine Gegner, ihre Stellung aufzugeben, damit sie das Gleichgewicht verlieren, dieselbe vertraute Hand berührt Federica zärtlich und zieht ihr den Slip herunter. Co-Protagonist ist Giorgio, Federicas Ehemann. Er ist Chirurg. Es ist nicht so, dass sie sich gar nicht mehr lieben würden. Aber Liebe wird eben überschätzt – das gilt hier für beide Paare in der Dreiecksgeschichte. Mit ein paar Pinselstrichen wirft Parrella den außerehelichen Part von Giorgios Liebesleben aufs Papier:

"In Wirklichkeit hatte Giorgio andere Frauen gehabt, aber sie waren nutzlos gewesen. Weder hatte er sich je wieder in eine Frau verliebt, noch konnten ihn die empfangenen Freundlichkeiten für das Abdriften seiner Frau entschädigen, denn seine Frau behandelte ihn sogar freundlich. Giorgio verliebte sich in sich selbst, wenn er sich von intelligenten Frauen beachtet fühlte. Das war alles. Doch dann ermüdete es ihn. Und er fühlte sich schon schuldig genug, wenn er die Erwartungen der anderen nicht erfüllen konnte."

Überraschungseffekte und sanfte Verrückungen

Valeria Parrella

Valeria Parrella

Was später im Urlaub der Kleinfamilie geschieht, wenn die Tochter beim Abendessen die Brühe lautstark vom Löffel schlürft, soll nicht verraten werden. Zu stark ist die Schockwirkung, die den Leser trifft, wie wenn die gegnerische Mannschaft in der Schlussphase mit zwei, drei grandiosen Kontertoren das Spiel herumreißt. Solche Überraschungseffekte gibt es des Öfteren in den acht Erzählungen verschiedener Länge. Manchmal wird der Leser eine ganze Weile auf einem Auge blind belassen, bis die Geschichte durch eine sanfte Verrückung der Perspektive eine entscheidende Wendung erhält. Einmal ist eine Nonne die Protagonistin, welche sich ihren straffen Körper durch rhythmische Gymnastik bewahrt und ihren wachen Geist durch den Glauben an Gott.

"Als sie zwanzig war, da geschah es, gerade bog sie in die letzte Kurve auf der Straße zur Amalfitanischen Küste hinunter auf dem Motorroller, als Jesus sie zu sich rief. Wirklich Jesus, nicht die Bäume oder Gott oder die Jungfrau Maria, nein, Jesus selbst. Sicher, da waren die Bäume und Gott hinter den Wolken, doch Jesus rief sie von einem anderen Ort: aus ihrem eigenen Körper. Ihr zersprang die Brust in einer Atemnot, die Freude war, aber so groß, dass sie anhalten musste. Es war die perfekte Liebe und das Kloster ihr Brautgemach."

Allzu menschliche Geschichten

Eine andere Geschichte spielt im Gefängnis. Sie handelt von zwei Insassen, die eine Zeit lang die Zelle teilen. Der eine ist zu lebenslanger Haft verurteilt. Eines Tages erzählt dieser dem Anderen, wie er sich die Szene vorstellt, wenn nach seinem Tod sein Leichnam aus der Haftanstalt herausgetragen wird:

Manchmal stelle ich mir vor, wie schön mein Sarg sein wird, umgeben von Luft, von Sonne, vielleicht werden sie ihn auf den Schultern bis zu einem Karren tragen, dann wird dieser Karren abfahren und die Wolken sehen. Er wird mit seinen Rädern durch eine Pfütze rollen und die Kleider einer Frau bespritzen. Durch Straßen mit hohen Häusern fahren, bis zum Ufer eines Flusses hoffentlich.

Diese Geschichte macht den Eindruck, als wolle uns die Autorin den tieferen Sinn vermitteln, den ein Leben, hier lediglich abstrahiert in Form einer lebenslangen Haftstrafe, am Ende in einem einzigen Bild erhalten kann, welches strahlend gegen all das Unglück und die falschen Entscheidungen gesetzt wird, um das Ruder herumzureißen und dem Schicksal eine Wendung ins vermeintlich Unmögliche zu verleihen. Hier nähert sich der Gefangene in gewisser Weise der Nonne und vielleicht sogar der Tochter der eingangs skizzierten Titelgeschichte an. Selten gab es zuletzt in dieser Häufung auf schmalem Raum so viele menschlich allzu menschliche Geschichten zu lesen. Unbedingt eine Empfehlung: Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Valeria Parrella - Liebe wird überschätzt

WDR 3 Buchrezension | 05.12.2017 | 05:41 Min.

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Stand: 04.12.2017, 00:43