Jonathan Lichtenstein: "Zurück nach Berlin. Wie mein Vater mit mir in seine Vergangenheit reiste"

Jonathan Lichtenstein: "Zurück nach Berlin. Wie mein Vater mit mir in seine Vergangenheit reiste"

Von Stenke, Wolfgang

Ein bewegender Bericht des britischen Autors Jonathan Lichtenstein, der sich 2015 mit seinem Vater Hans auf die Suche nach den Spuren ihrer jüdischen Familie in Berlin machte.

Literaturangaben:
Jonathan Lichtenstein: Zurück nach Berlin. Wie mein Vater mit mir in seine Vergangenheit reiste
Aus dem Englischen von Thomas Brovor
Insel Verlag, 313 Seiten, 24 Euro

Buchcover: Jonathan Lichtenstein: Zurück nach Berlin

Buchcover: Jonathan Lichtenstein: Zurück nach Berlin

Jonathan Lichtenstein: "Zurück nach Berlin"

WDR 3 Buchkritik 23.07.2021 06:03 Min. Verfügbar bis 23.07.2022 WDR 3


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Auf der Suche nach den Spuren der jüdischen Familie

Ein bewegender Bericht des britischen Autors Jonathan Lichtenstein, der sich 2015 mit seinem Vater Hans auf die Suche nach den Spuren ihrer jüdischen Familie in Berlin machte.

"Der Widerwille meines Vaters, über seine Vergangenheit zu sprechen, war ein steter Begleiter meiner Kindheit (…). Wann immer ich wissen wollte, was damals gewesen war, ob in Deutschland oder nach seiner Ankunft in England, weigerte er sich schlicht, mir zu antworten."

Antworten bekam der Sohn erst, als er mit dem Vater, der damals schon 88 war, im Jahr 2015 die Reise von Wales in dessen Geburtsstadt Berlin machte. Der Vater, das ist der 2019 gestorbene Arzt Hans Eugen Lichtenstein. 1939 schickte die Mutter den Zwölfjährigen mit einem der letzten Transporte jüdischer Kinder nach England. Der Sohn, das ist Jonathan Lichtenstein, 1957 geboren, Dramatiker und "Professor of Drama" an der Universität von Essex.

"Mein Vater schaute immer nach vorn, er baute sich sein Leben auf, den Horizont fest im Blick. Er wollte einfach nicht auf die Vergangenheit zurückschauen, auch wenn sie ihn jede Nacht heimsuchte."

Biographie von Hans Lichtenstein

Hans Lichtenstein, das verschreckte Kind aus Berlin, dem die Mutter eine Ferienreise vorgeschwindelt hatte, war und blieb in England lange Zeit allein. Anonyme Wohltäter zahlten dem Jungen das Internat. Nach 1945 studierte er Medizin in Cambridge. Als Arzt leistete Hans Lichtenstein in den frühen 50er Jahren seinen Militärdienst bei der britischen Anti-Terroreinheit SAS in Malaysia. Mit der Krankenschwester, die er in Kuala Lumpur kennengelernt hatte, gründete er eine Familie und zog nach Wales.

Eine Kluft zwischen Vater und Sohn

Jonathan Lichtenstein verschränkt diese Geschichte mit dem Bericht über die Reise nach Berlin. In Rückblenden erzählt er Episoden aus der eigenen Kindheit, die deutlich machen, welche Kluft zwischen ihm und dem Vater lag: Hans Lichtenstein war ein weithin geachteter Mediziner, der Frau und Kinder freilich durch ruppige Erziehungsmethoden und waghalsige Manöver beim Autofahren zu erschrecken pflegte:

"Im letzten Moment riß er den Wagen herum (…) und wir Kinder – ich, meine Schwestern Jane und Sarah, meine Brüder Simon und David – kreischten, meine Mutter auf dem Beifahrersitz war außer sich, (…) weil er so leichtsinnig war, manchmal weinte sie auch, und mein Vater hatte seine Freude. (…) Wenn wir endlich zum Strand von Ynyslas kamen, (…) saß uns die Angst in den Knochen, (…) für meinen Vater waren wir 'verdammt anstrengende blöde verwöhnte Bälger'."

Abhärtung war die Maxime seiner Erziehung

Es liegt auf der Hand, dass die Katastrophe der eigenen Kindheit diesen so wenig zärtlichen Vater geprägt hatte. Abhärtung war die Maxime seiner Erziehung, die jedoch ihr Ziel – Lebenstüchtigkeit! – verfehlte. Um die Distanz zum Vater zu überwinden, schlug Jonathan Lichtenstein, mittlerweile ein Mann von fast 60 Jahren, ihm die gemeinsame Reise vor: Zurück nach Berlin.

"Es dauerte Jahrzehnte, bis ich in groben Zügen verstand, was er erlebt hatte. (…) Und ich wollte verstehen, warum ich bei allem versagte, warum ich nichts schaffte, (…) warum ich immer wieder Phasen hatte, in denen ich eine graue und unergründliche Abneigung gegen das Leben empfand (…)."

Eine Autofahrt in die Vergangenheit

Eine Autofahrt in die Vergangenheit – auch zum Ursprung der neurotischen Verschrobenheiten des Buchautors. Mit dem Audi des bei einem Hubschrauberabsturz tödlich verunglückten Bruders ging es über Harwich, Hoek van Holland und Bad Oeynhausen nach Berlin, entlang den Stationen des 1939er Kindertransports und den Stätten von Hans Lichtensteins Kindheit. In Berlin finden Vater und Sohn zueinander. Sie stehen vor Hans’ Elternhaus am Helgoländer Ufer und suchen den Ort, wo die Lichtensteins auf der Tauentzienstraße einst ihr Lederwarengeschäft hatten. Ein Foto im Buch zeigt den 1938 in der Reichskristallnacht demolierten Laden. Der Urgroßvater erhängte sich nach dem Pogrom, Hans Lichtensteins Vater beging wenig später gleichfalls Suizid. Die Mutter überlebte den Massenmord an den Juden, weil sie dank dem Meineid eines Freundes der Familie ihre – wie es in der NS-Terminologie hieß - "arische" Abkunft nachweisen konnte. Seite um Seite macht Jonathan Lichtensteins facettenreicher Bericht die düstere Familiengeschichte faßbar.

Immer wieder finden die beiden Reisenden die Spuren der Vergangenheit: Die Konditorei Buchwald im Hansaviertel, in der es immer noch Baumkuchen gibt wie in den 30er Jahren. Der S-Bahnhof Friedrichstraße, wo Hans Lichtenstein 1939 sein bisheriges Leben zurücklassen musste; davor das Denkmal des israelischen Bildhauers Frank Meisler für die Kindertransporte. Das Grab von Walter Lichtenstein auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee. Steine, mitgebracht aus Wales, lassen sie nach alter Tradition dort zurück – und radeln anschließend mit Tempo durch das neue Berlin:

"Mein Vater vorneweg, ein dahinpesender Holocaust-Überlebender in den Achtzigern, seine Beine wie wild in die Pedale tretend, eine Mischung aus Freude und Trauer, ich selbst mit einem Gefühl von Stolz auf seine unwahrscheinliche Robustheit."

"Zurück nach Berlin" ist ein bewegendes Buch vom Überleben des Massenmords, von erzwungener Emigration und schwieriger Akkulturation. Lebendig und dramaturgisch geschickt, erzählt Jonathan Lichtenstein von den Deformationen und Traumata, die an die nachfolgende Generation weitergegeben wurden. Jüdisch-deutsche (und britische) Zeitgeschichte, dargestellt am Beispiel einer Familie. Zugleich hat der Autor eine schöne Vater-und-Sohn-Geschichte geschrieben. Sie zeigt, dass Jahrzehnte der Fremdheit am Ende doch überwindbar sind.

Stand: 19.07.2021, 21:04