Laura Lichtblau - Schwarzpulver

Buchcover: Laura Lichtblau: Schwarzpulver

Laura Lichtblau - Schwarzpulver

Von Simone Hamm

Bürgerwehren patrouillieren. Geister schweben über der Stadt. Das alles erscheint erschreckend real in Laura Lichtblaus "Schwarzpulver".

Laura Lichtblau: Schwarzpulver
C.H. Beck, München 2020.
202 Seiten, 18.95 Euro.

Laura Lichtblau: "Schwarzpulver"

WDR 3 Buchkritik 29.09.2020 05:22 Min. Verfügbar bis 29.09.2021 WDR 3

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Drei unterschiedliche Idyllen

Winter in Berlin, grau und kalt. Charlotte nimmt eine Yogastunde, bei der sie ihrer urweiblichen Seele in Liebe und Achtsamkeit begegnen soll. Burschie erinnert sich an ihre bayerische Kindheit. In dem von der Großmutter gestrickten Pullover sitzt sie am glühenden Ofen. Charlie, Charlottes Sohn, macht ein unbezahltes Praktikum bei einem Rap Label, um unbezahlbare Erfahrungen zu machen. Drei Ich-Erzähler, drei Perspektiven. Viele kurze Kapitel. "Schwarzpulver" heißt der Debütroman von Laura Lichtblau.

Schwarzpulver ist ein Gemisch aus Kaliumnitrat, Holzkohle und Schwefel - der älteste Explosivstoff der Welt. Dieser Titel deutet schon an, dass es bei den Idyllen nicht bleiben wird. Weder im esoterischen Yogastudio, noch bei den bayerischen Knödeln noch bei den Feierabendjoints und Süßigkeiten im Tonstudio. Laura Lichtblau findet meisterhafte, treffende Formulierungen. Ihre Sprache ist anschaulich, bildhaft, phantasievoll. Noch ist die Atmosphäre  schön und heimelig, aber das nahende Unheil kann man schon herauslesen, etwa auf Charlies Fahrt durch Brandenburg:

"Zu meinen Füßen befindet sich ein rundes Loch, durch das ich direkt auf den hinwegrauschenden Asphalt sehen kann, (…) und auf den Sitzen knurren die Schaumstoffmäuler mich an, als wollten sie mich hier im Auto gar nicht haben."

Alltag einer nicht ganz so fernen Zukunft

Charlotte lässt sich nicht nur eine Essenz aus Mistelzweigen unter die Bauchdecke spritzen. Von Beruf ist sie Präzionsschützin bei eine privaten Bürgerwehr, die ganz legal auf den Straßen und Plätzen Berlins patrouilliert. Charlie arbeitet mit Rappern zusammen, die subversive Texte schreiben. Burschie verkauft im Internet Sachen, die nicht ihr, sondern dem alten Ehepaar gehören, das sie betreut. Sie liebt Frauen und das darf sie nicht, in dieser Gesellschaft, in der eine neue Partei an die Macht gekommen ist. Noch sei Berlin eher Syrien oder Israel, aber das kriege der Staat schon hin, meint die Partei. Sie will eine Gesellschaft, in der niemand divers, niemand anders sein darf. Burschie warnt ihre Freundin:

"Ich sage dir, dass die Partei keine Frauen mag, die Frauen lieben. Sie mögen keine Anglizismen, kein fremdländisches Essen, keine Menschen, die glücklich sind, sie mögen keinen Hip-Hop, keine Konzerte auf der Straße, keine Menschen, die aus anderen Ländern stammen, keine Familien ohne Kinder, keine Männer mit Lipgloss, keine Frauen mit Glatze, sie mögen keine Frauen, die erfolgreicher als Männer sind."

Laura Lichtblaus Roman spielt nicht in einer fernen Zukunft. Diese Zukunft ist sehr nah. Alles andere als eine Fiktion. Die Autorin hat die heutige Gegenwart nur ein kleines bisschen weiter gedreht. Etliche Parolen der Partei klingen vertraut. Anderes ist noch überspitzt:

"(Sie) haben sogar verboten, dass Frauen ein bestimmtes Gewicht überschreiten, weil sie sich somit dem Begehren der Männer böswillig entziehen und so die Volksgesundheit und dessen Fortbestand gefährden."

In "Schwarzpulver" stehen die rassistischen, homophoben, frauenverachtenden, völkischen Ideale der Partei nicht nur in deren Programm. In Charlies Tonstudio sitzt ein Spitzel. In Burschies Wohngemeinschaft werden Zettel ausgefüllt, in denen nach sexuellen Präferenzen gefragt wird. Die parteinahe Bürgerwehr treibt Protestierende auf einer Brücke brutal in die Enge. Autokratische Machtübernahme zeichnet sich ab.

"(Es gab) zwei Parteien, die sich gedanklich so nahe waren, dass sie eines Tages beschlossen haben, zu verschmelzen, die große feste mit der leicht zerlumpten kleinen. Dazu kamen ein paar überraschende Neuzugänge und fertig war ein waberndes Konstrukt, von dem niemand geglaubt hat, dass es überlebensfähig sei."

Böses Erwachen zu Silvester

Mittlerweile sind Charlie, Burschie und sogar Charlotte aufgewacht. Sie versuchen, unter dem Radar des autoritären Staates zu bleiben. Sie wollen ihre Freiheiten unbedingt zurück.

Der Roman spielt zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, dem Hochfest der heiligen drei Könige. Das ist die Zeit der Raunächte, die Zeit, der Geisteraustreibung und der Geisterbeschwörung. Orakel werden befragt. Geister schweben über die Straßen. Sie gehen auf eine wilde Jagd. Uralter Aberglauben hält Einzug in die dystopische Großstadt, in die bedrohte libertäre Gesellschaft. Alles fließt zusammen, vermengt sich - bis hin zum großen Show down.

Wie an jedem Silvesterabend will auch Charlotte so etwas tun wie ein Orakel befragen, will auch in diesem Jahr mit ihrem Sohn Charlie Bleigießen. Doch der ist 19 und will mit seinen Rappern feiern. Deswegen nimmt Charlotte widerwillig und ziemlich lustlos die Einladung der Partei an und feiert auf einem Schiff. Als sie die Parolen der Partei nicht mehr ertragen kann, flieht sie auf ein Schlauchboot.  Burschie hetzt durch die Stadt und sucht verzweifelt ihre Geliebte. Die drei treffen in einer U-Bahn Station aufeinander - mit fatalen Folgen.

Laura Lichtblaus gerade einmal 200 Seiten langer Roman "Schwarzpulver" ist komplex aufgebaut, klug strukturiert, gut geschrieben. Spannend und nachdenklich stimmend zugleich.

Stand: 28.09.2020, 16:42