Sibylle Lewitscharoff, Von oben & Geisterstunde

Sibylle Lewitscharoff, Von oben & Geisterstunde

Sibylle Lewitscharoff, Von oben & Geisterstunde

Von Hermann Wallmann

Eine Totenrede der anderen Art: Irgendwo am Himmel über Berlin treibt sich der Held des neuen Romans von Sibylle Lewitscharoff herum. Der Ich-Erzähler ist gestorben, aber kein Dach, keine Hauswand, kein Fenster kann ihn aufhalten.

Sibylle Lewitscharoff

Von oben Roman
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
240 Seiten
24 Euro

Geisterstunde
Essays zu Literatur und Kunst
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
291 Seiten
18 Euro

Sibylle Lewitscharoff: "Von oben"

WDR 3 Mosaik 10.09.2019 05:08 Min. Verfügbar bis 09.09.2020 WDR 3

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Beobachtungsintervall

Sibylle Lewitscharoffs Ich-Erzähler ist zwar außerordentlich mobil, aber er bewegt sich ausschließlich im Himmel über Berlin, der Stadt, in der er den letzten Teil seines Lebens verbrachte. Hier sucht er - halb zieht es ihn, halb "sinkt" er hin - Orte und Schauplätze auf, die mit seinem Leben verbunden waren. Er ist erleichtert darüber, dass er die Fähigkeit zu sehen und zu hören nicht gänzlich verloren hat, ist aber dann auch einverstanden damit, dass seiner Neugier Grenzen gesetzt sind. Nach kurzen Beobachtungsintervallen sinke er zurück in eine Art von Bewusstlosigkeit, die ihn willenlos durchs All "driften" lassen. Um es flugs auf den Punkt zu bringen: Mit dem Begriff "Beobachtungsintervall" hat Sibylle Lewitscharoff nicht nur die sensualistische Kondition ihres Protagonisten charakterisiert, sondern auch die Taktung ihres Romans.

"Warum bin ich so verschwätzt, warum rede ich unablässig ins Leere hinein, aus der heraus niemand antwortet? Allenfalls ich mir selbst.
Mich erinnert das an Franz Kafkas Held K. im Process, der angesichts der bodenlosen Umtriebe, die ihn heimsuchen, auch zu einem haltlosen Schwätzer wird, natürlich in strengerer Manier, als ich es hier betreibe, denn der scharfe Wächter über seine Sätze war Jurist und durchgehend um Präzision bemüht, das Romanfragment hätte auch von einem literaturbegabten Knochen geschrieben sein können, deshalb ist seine Wirkung so unheimlich, von ungleich höherer Schlagkraft als das mäandernde Gestammel, das ich zuwege bringe. "

67 Jahre alt

Die ersten Sätze lauten: "Vor dem Tod. Nach dem Tod". Wenn man die Reihenfolge umkehrt, ist damit auch schon der Handlungsbogen des Romans bestimmt. Er reicht von der ersten Verwunderung des Ich-Erzählers darüber, dass er tot ist, bis zu dem buchstäblich ekstatischen Moment, der jener Verwunderung unmittelbar vorausgeht. Jene finale Sekunde bricht allerdings erst im allerletzten Satz des Romans an. Innerhalb oder unterhalb jenes Bogens kann Sibylle Lewitscharoff sich alle epischen Freiheiten nehmen. Insofern ist ihr Roman ein facettenreiches "Stück-Werk", eher eine belesene und anspielungsreiche Anthologie als ein sachlogisch sich entwickelndes Epos.

Sibylle Lewitscharoff

Sibylle Lewitscharoff

Mal "driftet" der Ich-Erzähler durch die Wohnung von Angela Merkel, Am Kupfergraben 6. Mal durch die Hallen einer bizarren Erotikmesse. Mal assoziiert er die lange zurückliegende Lektüre von Sascha Sokolows "quecksilbrigem" Roman "Die Schule der Dummen" mit dem Berliner Salon eines Nikodemus Lombart (gemeint ist Nicolaus Sombart). Mal stößt er in einem Restaurant unversehens auf ehemalige Kommilitonen, die – "Heilandzack!" – tatsächlich über ihn herziehen!

Aber so autonom und "umstellbar" all diese "Szenen" auch sind - : Einen - oft erschütternd existentiellen - Strang gibt es, der durch den ganzen Roman – tatsächlich: - mäandert. Der Erzähler, der zwar seinen Namen vergessen hat und daran zweifelt, ein Philosophie-Professor an der FU gewesen zu sein, weiß präzis, dass er bei seinem Tod 67 Jahre alt gewesen ist. Und immer wieder kommen ihm, mit schmerzlicher Genauigkeit, zwei Personen in den Sinn: seine vor Jahren gestorbene Frau Marie, mit der er 25 Jahre zusammen war - sein "Lebensmensch", wie er sie in Anlehnung an Thomas Bernhard nennt – und sein vielseitig begabter Freund Gerhard, mit dem er "ein brüderliches Gespann" gebildet habe. Abwehren kann er ebenfalls nicht die Erinnerungen an eine traumatische Kindheit. Lauter Themen und Motive, die Sibylle Lewitscharoff auch in der existentiellen Enthüllungsverbergungsprosa ihrer anderen Romane "behandelt" hat…

Gerichtstag über das "eigene Ich"

Im letzten der insgesamt 41 Kapitel des Romans stellt der Ich-Erzähler sich selber noch einmal in Frage – in Formulierungen, die auch verstanden werden können als Fragen, mit denen der Roman – Henrik Ibsen folgend – Gerichtstag hält über sein "eigenes" Ich

Das Kinder-Ich ist ein völlig anderes als das Erwachsenen-Ich. Habe ich mich später irgendwie selbst erfunden, um unter falschem Namen segeln zu können? Vielleicht bin ich deshalb zur Strafe an den Kosmos übergeben worden, in dem der Name weniger als Schall und Rauch ist. Fast will es mir so vorkommen, als hätte ich unentwegt aus der Hülle falscher Namen heraus gesprochen. Im Namen der Philosophie, im Namen meines Freundes Gerhard, sogar im Namen der verteufelt ungeliebten Mutter. Bin ich ein Hochstapler, eine vermurkste Hofschranze meiner selbst?

Geisterstunde

Aber in ihrem gleichzeitig mit dem Roman erscheinenden Band "Geisterstunde" kehrt Sibylle Lewitscharoff die Perspektive um. In diesen „Essays zu Literatur und Kunst“ betrachtet sie – sehr lebendig - „von unten“ lauter Künstler und Dichter, die alle schon „oben“ sind. Das irdische Vergnügen der Autorin überträgt sich dabei schwerelos auf den Leser.

Stand: 30.08.2019, 23:42