Gertrud Leutenegger - Späte Gäste

Buchcover: Gertrud Leutenegger: Späte Gäste

Gertrud Leutenegger - Späte Gäste

Von Peter Henning

Auch im Unglück lässt sich Liebe empfinden – hochpoetisch bewegt sich Gertrud Leutenegger in ihrem neuen Roman durch Zeit und Raum.

Gertrud Leutenegger: Späte Gäste
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.
178 Seiten, 22 Euro.

Gertrud Leutenegger: "Späte Gäste"

WDR 3 Buchkritik 20.10.2020 04:09 Min. Verfügbar bis 20.10.2021 WDR 3


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Ich-Erzählerin kehrt zur Totenwache ihres Mannes zurück

Es ist eine Art dreigeteiltes Wimmelbild, das die Schriftstellerin Gertrud Leutenegger in ihrem neuen hochpoetischen Roman entfaltet. Sie tut es als Protokoll einer Nacht, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der namenlosen Ich-Erzählerin für die Dauer ihrer Beschwörung eins werden.

Sie, die einst mit ihrem Mann Orion in einem Dorf im Tessin lebte, bis sie den erfolglosen, sich in Alkoholexzessen verlierenden Architekt verließ, ist zurückgekehrt, um die Totenwache für den kürzlich Verstorbenen zu halten.  

"Einsam ist Orion gestorben.
Wie wünschte ich, dass es nur ein tiefes Fallen war durch den schwarzen Weltenraum, hinaus zu seinen glänzenden Sternenstraßen. Alle Relikte seines Lebens, die das Bett im Arbeitslokal umgaben und eine beklemmende Schwerkraft entwickelten, fliegen nun befreit umher, kleine Meteoriten, einmal werden sie die Erdbahn kreuzen, nochmals heiß aufleuchten und verglühen."

Bereits hier entfaltet sich der hochgestimmte Erzählton, den Gertrud Leutenegger in ihrem Buch anschlägt.

Die Nacht bringt die Erinnerungen

Der Amerikaner William Faulkner hat derlei einmal als "Tanzen auf der Stelle" bezeichnet. Denn tatsächlich entfernt sich die Chronistin der Nacht keinen Schritt mehr vom Schauplatz ihrer bald einsetzenden Meditationen über den Toten: einem herunter-gekommen Wirtshaus in den Ebenen der Lombardei, in dem sie immerzu mit Worten auf der Stelle tanzt.

Bis auf die Wirtschafterin Serafina, die bald zur Stichwortgeberin für die immer ungezügelter ihren Erinnerungen und Fantasien über den Toten nachgebenden Erzählerin wird, ist sie allein: der Wirt ist in seiner sizilianischen Heimat. So zieht die Nacht herauf – und das Theater der Erinnerung und der herbei gerufenen Geister der Vergangenheit beginnt:

"Reglos und gerade ausgestreckt kann ich mich der Müdigkeit nicht erwahren. Sie kommt in immer stärkeren Wellen. Ist es möglich, dass in dieser klaren Februarnacht Nebel aus der Ebene das Haus erreicht haben?
Etwas Unruhiges, Dunstiges weht in kurzen Abständen am Fenster vorbei."

Im Dialog mit dem Toten

Gertrud Leutenegger  - das beweist sie mit ihrem neuen Roman einmal mehr - ist eine Meisterin der poetischen Beschwörung. Wo etwa Albert Camus` Protagonist in seinem berühmten Roman "Der Fremde" am offenen Sarg seiner Mutter sitzend die Nacht der Totenwache mit Milchkaffee und Zigaretten mehr oder weniger tumb verdämmerte, da ruft sich Leuteneggers Ich-Erzählerin im Gegenteil tausendundeine Anekdote über den Dahingegangenen ins Gedächtnis zurück. Der Dialog mit dem Toten erweist sich als eine Art Satyr-Spiel – und als ein Akt nachgetragener Liebe und des Mitgefühls.

"Nie so wie im Tod wird das Geheimnis eines Menschen offenbar. Und jetzt, da alles schweigt, die Liebesschwüre und Verwünschungen, und ich daliege in meiner seltsamen Totenwache, eingewickelt in ein Hasenfell auf dem Parkett des Festsaals, lasse ich jene dunkle Form des Mitleids zu, der gegenüber ich stets wachsam geblieben bin, ich liebe Orion um seines Unglücks willen."

Die Erzählung fügt sich zu einem Wimmelbild zusammen

So liefert am Ende das Leben des Dahingegangenen mit all einen hochfahrenden Träumereien, Abstürzen und Niederlagen den roten Faden der Erzählung, während draußen die Schönen und Hässlichen die Fastnacht der Lombardei zelebrieren – verkleidet mit Holzmasken und Lumpen. Das hereindringende Echo ihrer Stimmen mischt sich gespenstisch unter die Erzählung.

Bis das Ganze sich zu dem eingangs erwähnten Wimmelbild fügt – und Leuteneggers Roman in einem weit zurück-geschlagenen Bogen zu ihrem vor zwanzig Jahren erschienenen Buch "Pamona" aufschließt: zu dem darin ähnlich poetisch gesteigerten Nachdenken über Themen wie Flucht, Fremdsein und dem Verlangen nach Zugehörigkeit. Das verleiht ihrem Buch am Ende eine überraschend aktuelle Note – zugleich aber hat man während des Lesens immerzu das Gefühl, von ihr geleitet durch eine vor langer Zeit versunkene Landschaft zu wandeln.

Stand: 17.10.2020, 14:05