Helmut Lethen - Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Erinnerungen.

Buchcover: Helmut Lethen - Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Erinnerungen.

Helmut Lethen - Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Erinnerungen.

Von Brigitta Lindemann

Verhaltenslehre der Kälte? In seiner Autobiografie unterläuft Helmut Lethen sein berühmtes Überlebenskunst-Konzept.

Helmut Lethen: Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug. Erinnerungen. 
RowohltBerlin, 2020.
384 Seiten, 24 Euro.

Die Erkenntnis über die Unbeständigkeit des Ich

In alten Taschenkalendern blätternd, stolpert Helmut Lethen über ein Lektüreerlebnis. Es erscheint ihm im Rückblick als Wendepunkt. 1959, zwischen Abitur und Bundeswehr, liest er den Roman "Stiller" von Max Frisch. Angestrichen hatte der eben 20jährige das auktoriale Urteil über den Helden: "Seine Persönlichkeit ist vage; daher ein Hang zu Radikalismen". Er habe damals beschlossen, so Helmut Lethen der Ältere, ebenso wie Stiller kein Charakter zu werden

Es ist dies eine frühe noch begriffslose Einsicht in den Mangel an Substanz und Festigkeit des Ich. Die Verfügbarkeit über sich selbst ist eine Illusion. In Lethens Autobiographie kommt in der Folge die Erkenntnis der Unverfügbarkeit der Geschichte hinzu.

Berufsverbort durch den Radikalenerlass

Helmut Lethens intellektuelle Sozialisation fällt zusammen mit den heroischen Zeiten der westdeutschen Studentenbewegung in den 60er und frühen 70er Jahren. 1972 ergeht der sogenannte Radikalenerlass: Bewerber für den Öffentlichen Dienst werden, so der Beschluss der Regierungen von Bund und Ländern, auf ihre Verfassungstreue überprüft. Wer der Überprüfung nicht genügt, erhält Berufsverbot. Der Autor, Politkader der KPD/AO, zahlt den Preis.

Da aus ihm in der Bundesrepublik nichts werden wird, zieht Lethen 1977 in die liberalen Niederlande. Er erhält eine Professur in Utrecht. Demoralisiert ist er nicht. Lethen ist Mittelstreckenläufer. Er nimmt die Sache sportlich: 

"Bewegungen in leere Räume antizipieren, über Bande spielen, Teil eines mechanischen Balletts sein - vielleicht bildete das die Matrix der Bewegungswünsche, die meine Teilnahme an der Studentenbewegung grundierten. Mag sein, dass daraus auch die Neigung erwuchs, selbst Literatur auf Bewegungssuggestionen abzutasten."

Helmut Lethen - Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug

WDR 3 Buchkritik 15.01.2021 05:56 Min. Verfügbar bis 15.01.2022 WDR 3


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Chronologischer Weg zur Selbst-Ermächtigung

Die Protagonisten von Helmut Lethens berühmter Studie "Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen" bedurften der Ich-Panzerung, der intellektuellen Posen der Distanz und des Gleichmuts, um die Fassung nicht zu verlieren. Lethen öffnet sich: Seine Autobiographie erzählt auch die paradoxe Geschichte eines Mannes der durch das Eingeständnis eigener Ohnmacht zur Selbst-Ermächtigung findet.

Der Autor schreitet den Stationenweg seiner Biographie chronologisch ab und brav. Geboren wurde er 1939 in kleinbürgerlich katholischem Milieu im Niederrheinischen. Die Enge des Elternhauses heben Zufall auf und Glück. Sie bescheren den einen und anderen Paradiesvogel unter Lehrern und Professoren in Bonn, Amsterdam, Berlin.  Die politischen Aktionen begleiten intensive Erlebnisse gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit.

Die Faszination für Entzauberung und Revolution

Ausführlich verhandelt Lethen wegweisende Lektüren: Bert Brecht und Ernst Jünger; Helmuth Plessner und Martin Heidegger; Alan Sillitoe und Gottfried Benn. Allmählich, einem Mosaik gleich, entwickelt sich so ein Lebensmotiv.

"Kälte war die sinnfällige Metapher für den Effekt, den Trennungen verursachen. Die Kältefreaks des 20. Jahrhunderts erkannten in der Trennung von wärmenden familiären Binnenräumen die Chance erhöhter Mobilität; Revolution war die Trennung von historisch gewachsenen Gemeinschaften; die Entzauberung der Wissenschaften ermöglichte die Trennung von mythischen Fiktionen; den Ballast des kulturellen Erbes abzuwerfen, wurde als Chance begriffen, auf der Tabula rasa der Zeichentische neue Welten zu entwerfen. Diese Umwertung verband die Umstürzler verschiedener politischer Lager."

Bisweilen ist dem Autor seine Faszination für die Umstürzler von rechts ebenso wie von links selbst nicht geheuer. Er verdächtigt sich, der Raummotorik ohne Rücksicht auf Substanz erlegen zu sein. Vermutlich ist aber bloß das Schema rechts-links zu schlicht und darum untauglich.

Die Wichtigkeit von Schutzmechanismen und ihren Widersprüchen

Eine, vielleicht die wichtigste Referenzgröße Lethens ist der spanische Jesuit Baltasar Gracián, Philosoph, Schriftsteller und früher Aufklärer. Autor des berühmten "Handorakel und Kunst der Weltklugheit" von 1647. Der Mensch sei ein Diphtong, ein gedoppelter Vokal, auf zwei Beinen, schrieb Gracián. Er fand Zwiespalt all überall: in sich selbst; zwischen sich und seinem Orden, der eigenen Ohnmacht und der Macht des Hofes. Bereits Gracián setzt auf Affektkontrolle und Verstellungskunst. "Stets handeln, als würde man gesehn".

Helmut Lethens intellektuelle Obsession, die kalte persona und ihre Panzerungen in feindlichem Umfeld, hat ihre Brisanz behalten auch noch nach einem Vierteljahrhundert: Es bedarf der Schutzmechanismen wie eh und je. Seine Autobiographie andererseits liefert den Beweis, dass ein glückendes Leben nur gelingt durch die Auflösung von Ich-Panzerungen und die Aufgabe von Kontrolle. Der Widerspruch ist unauflösbar und es gibt kein "Authentisches", können wir aus seinen Erinnerungen folgern. Wohl aber ein befreites Aufatmen dann und wann. Und vielleicht ist das gar nicht so wenig.   

Stand: 14.01.2021, 19:16