Jérôme Leroy - Die Verdunkelten

Jérôme Leroy - Die Verdunkelten

Jérôme Leroy - Die Verdunkelten

Jérôme Leroy lässt eine Sehnsucht Realität werden: Immer mehr Menschen steigen aus ihrem durchgetakteten Alltag aus, werfen ihre Smartphones in den Fluss und verschwinden aus ihrem eigenen Leben.

Jérôme Leroy
Die Verdunkelten

Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Edition Nautilus, Hamburg 2018
224 Seiten
18 Euro

Sie verschwinden

Jérôme Leroy lässt eine Sehnsucht, die heute viele hegen, Realität werden: In "Die Verdunkelten" steigen Menschen aus den sozialen Netzwerken aus, werfen ihre Smartphones in den Fluss und ziehen sich aus ihrem durchgetakteten Alltag zurück. Kurz: Sie verschwinden. Der Geheimdienst nennt sie "Die Verdunkelten".

Die Welt, aus der sie verschwinden, legt diesen Akt des Widerstands allerdings auch nahe: Seit den Anschlägen auf den Musikclub Bataclan und Umgebung in Paris 2015 werden fast täglich Attentate verübt. Die öffentliche Ordnung ist mehr oder weniger zusammengebrochen, der Müll wird nicht mehr abgeholt, Benzin ist knapp. Der "Wahnsinn" hat von allen Besitz ergriffen, heißt es im Buch immer wieder.

"Angesichts von Umweltkatastrophen, der immer größeren Domestizierung des Menschenparks, von Religionskriegen, Terrorismus und einem Kapitalismus, der, koste es was es wolle, bis zum Schluss retten will, was zu retten ist, um noch möglichst viele Gewinne einzusacken, bevor er endgültig krepiert, macht die Welt einen ziemlich ramponierten Eindruck, das kann man nicht anders sagen."

Jérôme Leroy - Die Verdunkelten

WDR 3 Buchrezension | 26.11.2018 | 05:15 Min.

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Trimbert

Diese Beobachtung macht Guillaume Trimbert, ein in Paris lebender Schriftsteller, der mit seinen Kriminalromanen durch die Schulklassen der Republik tingelt und von einer Mäzenin ausgehalten wird. Trimbert gehört eine von zwei Erzählstimmen in "Die Verdunkelten", und er ergeht sich in zum Teil etwas nervigen, weil allzu bekannten kulturpessimistischen Betrachtungen über die Allgegenwart von Kameras und die geheimdienstartige Funktion von sozialen Medien. Andere Passagen sind wiederum sehr witzig, zum Beispiel dieser Dialog mit seiner Freundin:

"Es ist immer seltsam festzustellen, dass einmal so etwas wie Glück existiert hat oder man zumindest glücklich war, auf der Welt zu sein.
Meinst du etwa, früher war es besser, du alter Reaktionär?
Nein, ich sage nur, dass es jetzt schlechter ist, Mariama."

Kurz vor der Apokalypse

Tatsache ist: Die westliche Welt steht kurz vor der Apokalypse. Nur Politiker und Geheimdienste glauben noch, das Ruder herumreißen zu können. Wie so viele, wird auch Trimbert vom Geheimdienst beobachtet:

Jérôme Leroy

Jérôme Leroy

"Er hatte sogar seinen eigenen kleinen Gefährdervermerk, der unscheinbare Schriftsteller. Man konnte ihn auf den ersten Blick schwer einschätzen: Er war Kommunist, zahlte bis heute seine Beiträge, aber war seit seinem Weggang aus Lille 2001 nicht mehr aktiv. Er hatte mehrere Artikel in der rechten Presse veröffentlicht, zählte Royalisten, die inzwischen mehr oder minder solide geworden waren, zu seinen Freunden, unterhielt aber auch Kontakte zu den Anarchisten vom Plateau de Millevaches."

Agnès Delvaux

Hier spricht die andere Erzählstimme, die auf die Ereignisse zurückblickt: Die frühere Geheimdienst-Agentin Agnès Delvaux lebt 17 Jahre später mit ihrer Tochter zurückgezogen auf dem Land. Die Welt, wie wir sie kannten, ist untergegangen. Computer gibt es nicht mehr, Agnès erinnert sich an damals und schreibt alles mit der Hand auf.
Ihre Erinnerungen sind durchzogen von Hass und Wut auf Trimbert, und die Hintergründe dafür klären sich erst ganz zum Schluss des Romans auf. Sie bespitzelt Trimbert permanent, was dank der sozialen Medien leicht zu bewerkstelligen ist.
Diese schleichende Annäherung an Trimberts Intimsphäre, von der er nichts ahnt, ist vielleicht das Element, das den Verlag bewogen hat, das Buch der Gattung "Kriminalroman" zuzuschlagen. Genau genommen stehen Leroys Romane in der Tradition der französischen romans noirs, in denen die Krimihandlung das Vehikel für Gesellschaftskritik ist. Und Leroys dialogreiche, unmittelbare Sprache dient ganz dem Plot.

Die Älteren trieb noch die Sehnsucht an

Die beiden Erzählstimmen in "Die Verdunkelten sind allerdings nicht gleichberechtigt, Agnès ist zwar als erfolgreiche und skrupellose Geheimdienstagentin nicht uninteressant, aber in ihrer Fixierung auf Trimbert dient sie doch eher als Spiegel, in dem die Leser ihn aus einer anderen Perspektive kennenlernen – das ist ganz reizvoll, weil sie dieselben Dinge ziemlich anders bewertet. Agnès sieht Trimbert als weichlichen Versager und Egoisten. Das hat, neben persönlichen Gründen, wohl auch mit ihrer Generation zu tun, einer Generation, die schon mit der Allgegenwart von Gewalt aufgewachsen ist:

"Das erklärt vielleicht auch, warum die Dreißigjährigen paradoxerweise zu den letzten gehörten, die sich verdunkelten. Die Älteren trieb noch die Sehnsucht an, etwas wiederzufinden, das sie verloren hatten […], und die Jüngeren hatten nichts mehr zu verlieren, nicht mal die Illusion, in einer lebenswerten Welt zu leben."

Die Hoffnung auf sanftere Zeiten

Eine lebenswerte Welt skizziert Leroy schließlich doch noch, in groben Zügen: Nach dem Chaos ist das "Zeitalter der Sanftmut" angebrochen, in dem die Menschen ein einfaches, ländliches Leben führen. Die Dystopien, die den Untergang unserer heutigen westlichen Welt voraussagen, zum Teil sogar, wie Leroy, mit Genuss zelebrieren, sind zahlreich, nicht nur in der französischen Literatur. Die Hoffnung auf sanftere Zeiten, die aus "Die Verdunkelten" spricht, möchte man nur zu gern mit Jérôme Leroy teilen.

Stand: 26.11.2018, 01:48