Jérôme Leroy: Der Schutzengel

Buchcover: Jérôme Leroy: Der Schutzengel

Jérôme Leroy: Der Schutzengel

Von Dina Netz

Eine Staatssekretärin mit Migrationshintergrund, eine Wahl und eine Geheimpolizei - Jérôme Leroy legt einen spannenden, erschreckend wahrscheinlichen Politthriller vor.

Jérôme Leroy: Der Schutzengel
Aus dem Französischen übersetzt von Cornelia Wend.
Edition Nautilus, Hamburg 2020.
352 Seiten, 20 Euro.

Die Zuspitzung des "Blocks"

Mit "Der Schutzengel" hat Jérôme Leroy in gewisser Weise eine Fortsetzung seines Erfolgsromans "Der Block" geschrieben. Nein, eher eine Zuspitzung. Denn schon "Der Block" war gespenstisch, weil Leroy den Roman aus der Perspektive zweier gewalttätiger Rechtsnationaler erzählte – ein echtes Wagnis.

Doch während Leroy hier noch vom Aufstieg des "Blocks" zur Regierungsbeteiligung erzählte, ist die Rechte in "Der Schutzengel" längst angekommen: Sie hat den französischen Staatsapparat vollständig unterwandert.

Jérôme Leroys Roman ist ein spannender Politthriller. Der Autor lässt drei sehr verschiedene Männer zu Wort kommen, die auf ihre je eigene Weise erschreckende Einblicke in das politische System Frankreichs geben.

Jérôme Leroy: "Der Schutzengel"

WDR 3 Mosaik 14.09.2020 05:24 Min. Verfügbar bis 14.09.2021 WDR 3 Von Dina Netz

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Berthet - Killer und Schutzengel

Zuerst ist da Berthet, ein Agent der Unité, einer geheimen Parallelpolizei, für die er die groben Aufträge erledigt: hier einen Imam und dort einen unliebsamen Politiker liquidieren. Berthet funktioniert aber schon seit langem nicht so reibungslos, wie es sich die Unité wünscht. Er verfolgt neben seiner Agententätigkeit eigene Pläne, weil er einen Narren an der jungen Staatssekretärin Kardiatou Diop gefressen hat. Berthet ist ihr titelgebender "Schutzengel". Diop will bei den Kommunalwahlen in einem zentralfranzösischen Städtchen gegen die Chefin des "Blocks" antreten – und soll dabei einem spektakulären Attentat der Unité zum Opfer fallen. Deshalb muss "Der Schutzengel" Berthet weg:

"Berthet soll getötet werden. Das ist eine ziemlich schlechte Idee. Einmal, weil Berthet es gemerkt hat, dann, weil Berthet das nicht mitmachen wird, und schließlich, weil Berthet in diesen Dingen kein Anfänger ist. Mit der Zeit entlockt ihm das nur ein müdes Lächeln. Die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes begleitet ihn schon sehr lange, auch wenn er nicht so weit gehen würde zu behaupten, sie sei für ihn inzwischen etwas Alltägliches geworden, denn er weiß, dass man weder dem Tod noch der Sonne ins Auge schauen darf."

Berthet ist zwar bei seiner Arbeit nicht zimperlich, aber privat ein Philosoph, der am liebsten Gedichte liest.

Joubert - hyperänstlicher Schriftsteller mit Rückgrat

Darin trifft er sich mit dem zweiten Erzähler, mit Martin Joubert. Joubert ist ein abgehalfterter Schriftsteller, alkohol- und tablettensüchtig, den seine Freundin gerade verlassen hat, ein "hyperängstlicher Kryptodepressiver", wie Leroy schreibt. Seine einzige Großtat besteht darin, sich nicht auf die Avancen eines rechten Verlegers eingelassen zu haben, der ihm viel Geld für ein vor den Kommunalwahlen zu platzierendes Buch bot:

"Monsieur Delrio und ich möchten – da wir, wie einige andere gut informierte Persönlichkeiten auch, denken, dass man die Franzosen aufrütteln muss –, dass unsere Ideen die Mitte der Gesellschaft erreichen, von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen, ja, mehr noch, geschätzt werden. Dafür haben wir eine ganze Strategie erarbeitet, und in dieser Strategie gibt es einen Teil, der Sie betreffen könnte, Monsieur Joubert. Und zwar möchten wir ein Buch herausbringen, das zeigt, dass Frankreich gerade dabei ist, in sein Verderben zu rennen, dass die Kriminalitätsrate skandalös heruntergespielt wird, dass das Bild, das die Medien uns vermitteln, von vorne bis hinten erstunken und erlogen ist, und die Vorstädte in einem nie gekannten Ausmaß Kriminalität nach Frankreich importieren, vor allem durch die unkontrollierte Zuwanderung von immer mehr Muslimen, die im Übrigen inzwischen auch unsere hier in dritter oder sogar vierter Generation lebenden Maghrebiner und Afrikaner infizieren. 'Kann ich mal kurz vor die Tür treten und kotzen?', fragt Martin Joubert."

Mit seiner Ablehnung hätte Joubert eigentlich sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Wenn nicht wieder Berthet auftreten würde – hier bringt Jérôme Leroy die beiden Erzählstränge zusammen. Sie tauchen gemeinsam ab, weil Berthet Joubert für seine eigenen Pläne braucht. Ihr Versteck finden sie genau in der Gemeinde, in der Kardiatou Diop zur Wahl antritt.

Überzeugende Figuren und fesselnder Plot

Das überraschende Finale ist dem dritten Erzähler überlassen, dem persönlichen Referenten von Kardiatou Diop, gleichzeitig ihr Liebhaber. Obwohl Leroy also drei männliche Erzählstimmen gewählt hat, steht im Zentrum die ganze Zeit die junge Frau aus dem migrantischen Milieu, die sich durch ihre Klugheit und ihren Ehrgeiz weit nach oben gekämpft hat. Und - dank ihres "Schutzengels".

Der dritte und letzte Romanteil, in dem der Referent der Staatssekretärin spricht, ist überschrieben "mit einem sanften Ausklang". Das trifft insofern zu, als man hier als Leserin nicht mehr quasi Augenzeugin von Morden wird. Was die politischen Implikationen angeht, ist dieser Ausklang allerdings eher laut scheppernd. Martin Joubert nämlich veröffentlicht nach und nach Berthets Informationen über die Verstrickungen des Staates in rechte Kreise. "Berthetleaks" bringt die französische Regierung ins Wanken.

Jérôme Leroy erzählt in einer einfachen, schnörkellosen Sprache, mit der er auch die kompliziertesten politischen Zusammenhänge anschaulich macht. Seine Figuren sind überzeugend gezeichnet, der Plot absolut fesselnd. Leroys Szenario eines von rechten Kräften unterwanderten Staates ist erschreckend glaubwürdig.

Stand: 13.09.2020, 22:22