Leonard Cohen - Die Flamme – The Flamme

Leonard Cohen, Die Flamme – The Flamme

Leonard Cohen - Die Flamme – The Flamme

Von Ulrich Rüdenauer

Nicht wenige meinen, er und nicht Bob Dylan hätte den Literatur-Nobelpreis für seine Songtexte verdient gehabt. Kurz vor seinem Tod hat Leonard Cohen noch einen Band mit Gedichten als Vermächtnis zusammengestellt. Den jetzt ein beeindruckendes Line up von deutschen Lyrikern ins Deutsche übertragen hat.

Leonard Cohen
Die Flamme – The Flamme

Aus dem amerikanischen Englisch von:
Nora Bossong, Matthias Kniep, Nicolai Kobus, Simone Kornappel, Nadja Küchenmeister,
Léonce W. Lupette, Christian Lux, Klaus Modick, Kerstin Preiwuß, Marcus Roloff, Ron Winkler
und Katja Winter
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018
352 Seiten
30 Euro

Ein Vermächtnis

Bis zu seinem Tod im November 2016 hat Leonard Cohen an diesem Buch geschrieben: "The Flame – Die Flamme" darf als Vermächtnis des Schriftstellers und Songwriters gelesen werden. Es enthält Gedichte, Songtexte, Notizen aus den letzten Jahren, Zeichnungen und Illustrationen zu Liedern, von Cohen ausgewählt und arrangiert. Eine Kritik über dieses nachgelassene Buch zu schreiben bedeutet eigentlich, drei zu schreiben. Die eine müsste dem Sänger Leonard Cohen gelten – denn all seine Gedichte, auch wenn er als Lyriker begann, sind eigentlich Songs. Unvermeidlich liest man dieses Buch und hört seine Stimme. Die zweite Kritik müsste sich auf die Lyrik selbst beziehen – was nicht gar so einfach ist, weil eben in jedem Gedicht, auch wenn es nicht vertont wurde, doch immer ein Lied zu schlummern scheint. Und die dritte Kritik sollte sich an die Übertragung der Texte richten, die von einer ganzen Gruppe von Autoren geleistet wurde, die meisten von ihnen Dichter von eigenem Rang. Wie also vorgehen? Fangen wir einfach beim Sänger an: "I am the song & not the singer", heißt es einmal in einem Notizbuch-Eintrag Leonard Cohens:

"Ich bin der Song & nicht der Sänger
nimm seinen Körper
nimm seinen Geist

Nicht die Begrenzung
sondern das Zentrum"

Worte sind das Rückgrat dieses Künstlers

Bei den Rolling Stones ist es andersherum: "It's the singer not the song", schmachtet der junge Mick Jagger. Bei Cohen kamen Intellekt und Sinnlichkeit immer auf eine geradezu atemraubende Weise zusammen, die Stimme schien seinen Gedichten Leben einzuhauchen, aber am Ende kam es auf die Worte an, sie sind das Rückgrat dieses Künstlers. Immerhin soll Cohen 1967 vornehmlich deshalb seine erste Platte aufgenommen haben, um der Lyrik einen noch größeren Resonanzraum zu verleihen. Cohen war durchaus von Anfang an interessiert gewesen an der Zugänglichkeit seiner Dichtung. Popularität war für ihn keine Schande. Sein großes Vorbild war der spanische Lyriker Federico García Lorca. Cohen liebt starke Metaphern, romantische Bilder. Er kreist – auch in seinem letzten Buch – um die ganz großen Themen: Liebe und Leidenschaft, Alter und Tod, Spiritualität und Transzendenz. Gott, dessen Name Cohen aus Respekt und in der Tradition seines jüdischen Glaubens nie ausschreibt, ist ein ständiger Ansprechpartner. Und die lodernde Kraft seiner Verse ist selbst in der Verneinung des Feuers noch zu spüren:

"You want it darker
We kill the flame"

Dunkelheit, Erlösung, Vergeblichkeit

Leonard Cohen - You want it darker

Das singt er kurz vor seinem Tod auf seinem letzten Album, und so steht es auch in diesem Gedichtband, in dem sich bestimmte Motive – Dunkelheit, Erlösung, Vergeblichkeit – durch verschiedenste Texte hindurch verfolgen lassen. Cohen improvisiert, umkreist die Liebe und den Tod und das Unendliche, und meist ist es eine einfache, gereimte Sprache und Form, die er wählt, auch in seinen Notizbüchern. Diese Kladden begleiteten sein Schaffen, und es ist interessant, Auszüge daraus lesen zu können. Immer wieder gibt es geradezu betörende, meditative Zeilen.

Aber allzu oft auch eine gewisse Eintönigkeit – und das Gefühl, dass diesen Gedichten etwas Wesentliches fehlt: die Musik nämlich, eine Ebene, die den zuweilen doch sich in die Strophen schleichenden Kitsch mildern würde. Manche der Texte tragen schwer an gewichtigen Worten wie "Liebe" und "Gott". Das ist im Übrigen ja auch das Problem bei der Rezeption Bob Dylans: Wie Cohen ist er ein großer Dichter, aber eben nur, wenn man die Lyrics nicht isoliert, die Musik nicht subtrahiert. Nun werden viele Cohenianer widersprechen. Und ja, es gibt durchaus Strophen, die für sich stehen können und als Lektüre funktionieren. Gedichte, die selbst in der deutschen Übertragung noch eine Schönheit und Lakonie haben und sich leicht an die amerikanische Moderne andocken lassen:

WAS ICH TUE

"Nicht, dass es mir gefällt
in einem Hotel zu leben
an einem Ort wie Indien
und über Gott zu schreiben
und Frauen nachzulaufen
Es scheint nur das zu sein
was ich tue"

Ich kann den Code nicht knacken

Nicht immer aber hat man das Gefühl von eigenständiger Poesie, was leider umso mehr auf die Übersetzungen zutrifft. Wo wir beim dritten Punkt wären. Bekannte Dichterinnen und Dichter wie Nora Bossong, Kerstin Preiwuß, Ron Winkler, Klaus Modick und andere mehr haben sich unter der Regie von Christian Lux an Übertragungen versucht. Manchmal ist das solides Handwerk. Manchmal klingen Texte, die im Original Charme oder Charakter haben, schnoddrig sind oder lakonisch, im Deutschen aufgebläht und unbeholfen. Manchmal wird einfach wörtlich und zuweilen ungenau übersetzt oder der Vorlage tapfer hinterhergereimt, was sich dann beispielsweise so anhört:

"Ich kann den Code nicht knacken
Von unserem frostigen Band
Es ist zu spät, zu erfassen
Wo sich das Passwort befand"

Original und Übersetzung

Was im Englischen pathosfrei daherkommt, wird in der Übersetzung zuweilen zu großem Geraune. Etwa verwandeln sich die beiden Zeilen "When the world is false / I won’t say it’s true" in:

"Wahr nenn ich die Welt nicht
Wenn sie nur fingiert"

Oder aus einer Zeile, die mit einem religiösen Motiv spielt, von einer Erlösungssehnsucht spricht – „Let me dwell in the light that’s above“ – wird etwas irgendwie Außerirdisches oder so eine Art Raumfahrerpoesie:

"Lass mich sein im Licht aus dem All"

Wo im Englischen eine Metapher steht, kann man im Deutschen schon mal mit etwas sinnlos Unverständlichem konfrontiert werden:

"then you stopped, and came across
my little bridge of fallen answers.

dann kamst du, um über kleine brücken
mich mit antworten zu versorgen."

Man könnte so leider endlos fortfahren. Am Ende ist dieser Band doch nur etwas für eingefleischte Cohen-Fans, die sich an die englischen Originaltexte halten sollten. Besser aber: Man legt einfach eine Platte von Leonard Cohen auf.

Leonard Cohen - Die Flamme

WDR 3 Mosaik | 06.11.2018 | 05:55 Min.

Download

Stand: 06.11.2018, 10:36