Donna Leon - Flüchtiges Begehren

Hörbuchcover: Donna Leon - Flüchtiges Begehren

Donna Leon - Flüchtiges Begehren

Von Christoph Vratz

Einer der bekanntesten Kommissare der Gegenwartsliteratur ermittelt jetzt zum 30. Mal: Autorin Donna Leon schickt ihren Commissario Brunetti erneut durch Venedig, um einen Fall aufzuklären. Sprecher Joachim Schönfeld liefert Jubiläumskrimi als Hörbuch.

Donna Leon: Flüchtiges Begehren.  
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz.
Diogenes Verlag, Zürich 2021.
7 CDs, 26 Euro.

Donna Leon: "Flüchtiges Begehren"

WDR 3 Mosaik 10.06.2021 05:07 Min. Verfügbar bis 10.06.2022 WDR 3


Häusliche Sorgen und ein neuer Fall

"Brunetti schlief aus. Gegen neun Uhr drehte er den Kopf nach rechts und öffnete ein Auge, sah auf die Uhr und schloss das Auge wieder, nur noch ein Weilchen liegen bleiben."

Ziemlich träge agiert Commissario Brunetti am Beginn seines neuesten Falles. Und wie so oft begegnen wir ihm auch als Privatmensch in seinem gewohnten häuslichen Umfeld – mit Blick für die kleinen Dingen des Alltags:

"Man sah immer noch diesen braunen Fleck an der Zimmerdecke rechts über dem Fenster, der aussah wie ein kleiner Oktopus, wurde vor einigen Monaten Wasser eingedrungen war. […] Brunetti hatte Paola versprochen, den Fleck zu überstreichen, doch immer war er in Eile, oder es war Abend, und er wollte so spät nicht mehr auf die Leiter, oder er hatte keine Schuhe an und fand es zu riskant, in Socken hochzuklettern."

Doch bei diesen häuslichen Sorgen bleibt es natürlich nicht lange.

"Kurz nach drei Uhr morgens in der Nacht zum Sonntag hatte ein Wachmann des Ospedale Civile auf dem Steg vor der Notaufnahme an der Rückseite des Gebäudes eine Zigarette geraucht und dabei die zwei jungen Frauen verletzt und bewusstlos auf den Planken der Anlagestelle entdeckt. Er holte sofort Hilfe, und die Frauen wurden auf Rollbaren in die Notaufnahme gebracht."

Eine Reise in den tiefen Sumpf des Verbrechens

Die beiden Frauen – Touristinnen, verletzt, durchnässt – hatten, wie sich herausstellt, mit Einheimischen eine Spritztour veranstaltet. Doch irgendwann muss die Situation eskaliert sein und die Frauen gingen über Bord. Doch warum hat niemand Hilfe geholt?

"Die zwei jungen Frauen hatten laut der Zeugin mit zwei Männern gesprochen, und ein paar Stunden später wurden sie von zwei Männern vor dem Krankenhaus abgeladen. […] „Was stimmt hier nicht?“, murmelte Brunetti. […] Jetzt ging es um […] zwei Männer […], aber wer waren sie, und überhaupt, was hatten sie um drei Uhr morgens in einem Boot zu suchen? Und woher wussten sie, wo sie die zwei Frauen hinbringen, abladen und loswerden konnten, je nachdem, wie ihr Verhalten zu interpretieren war? Brunetti sah sich die Fotos an, die man auf der Station gemacht hatte und erschrak. Eine der beiden war offenbar zusammengeschlagen worden. Ihre Nase war nach rechts abgeknickt, über dem linken Auge klaffte eine Platzwunde."

Es ist Herbst in Venedig, und der Nebel hält Einzug, das Wasser der Lagune steigt bis in die Gassen – diese unaufgeregte Harmlosigkeit scheint synchron zu verlaufen mit Brunettis neuem Fall. Doch natürlich lauert mehr dahinter, und auch die beiden bewusstlosen Frauen bilden nur den Auftakt zu einer Reise in den tieferen Sumpf des Verbrechens.

Ein etwas anderes Venedig

"Flüchtiges Begehren" heißt der neue Band von Donna Leon. Auch wenn sie darin ihren beliebten Kommissar bereits seinen 30. Fall lösen lässt, so wirkt doch vieles vertraut: die melancholische Grundstimmung, Brunettis Gelassenheit und die vielen Gespräche, die er führt und die – besonders diesmal – eine gewisse Langatmigkeit nicht verhehlen können.

Und doch ist etwas neu: Donna Leon hat es immer strikt gemieden, Details über den Zeitpunkt der Handlung zu liefern oder aktuelle historische Ereignisse in ihre Geschichten einzubauen. Diesmal jedoch schimmert immer wieder ein etwas anderes Venedig durch, ein Venedig, das auch nicht von Corona verschont geblieben ist.

"Der Brunetti es nicht eilig hatte, zur Arbeit zu kommen, spazierte er von der Haltestelle Vallaresso zur Piazza San Marco, um den so früh am Morgen kaum bevölkerten Platz in Augenschein zu nehmen. Tatsächlich hätte er die Leute dort an einer Hand abzählen können. […] Jahrelang hatten wir Venezianer gewünscht, die Touristen sollten verschwinden und uns unsere Stadt zurückgeben. Tja, der Wunsch wurde erfüllt, und was haben wir jetzt davon?"

Bedächtiges Grüblen und stoische Beharrlichkeit

Seit dem 22. Fall leiht der Schauspieler Joachim Schönfeld seine Stimme für Brunettis Ermittlungen. In jungen Jahren war er Ensemblemitglied an den Theatern von Weimar und Berlin, seit fast 30 Jahren ist er freischaffend für Film und Fernsehen tätig – und eben als Hörbuch-Sprecher.

Er liest auch den aktuellen Band, mit einer Ruhe, die zum Charakter des Buches und seiner Hauptfigur wunderbar passt. Brunettis bedächtiges Grübeln und Zweifeln spiegelt sich in Schönfelds Vortrag, aber auch - dem entgegen – eine gewisse Unerschütterlichkeit und stoische Beharrlichkeit. So kann sich der Leser die einzelnen Szenen lebhaft vorstellen – eine filmische Umsetzung der Buchvorlage braucht es in diesem Jubiläumsfall daher nicht.   

Stand: 09.06.2021, 17:18