Pierre Lemaître - Spiegel unseres Schmerzes

Buchcover: Pierre Lemaître - Spiegel unseres Schmerzes. Roman.

Pierre Lemaître - Spiegel unseres Schmerzes

Von Wolfgang Stenke

Frühjahr 1940: acht Millionen Franzosen auf der Flucht vor dem Vormarsch der Wehrmacht. Mitten in diesem Chaos spielt Pierre Lemaîtres Roman "Spiegel unseres Schmerzes" – Zeitgeschichte als Abenteuererzählung.

Pierre Lemaître: Spiegel unseres Schmerzes. Roman.
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel.
Klett-Cotta, Stuttgart 2020.
480 Seiten, 24 Euro.

Pierre Lemaître: "Spiegel unseres Schmerzes"

WDR 3 Buchkritik 25.01.2021 06:00 Min. Verfügbar bis 25.01.2022 WDR 3


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Quälendes Warten für die französische Armee

April 1940:  Seit einem halben Jahr ist Polen nach dem siegreichen "Blitzkrieg" der Wehrmacht besetzt. An der deutsch-französischen Grenze aber passiert – nichts. Verschanzt in den Bunkern der Maginot-Linie, erwartet die französische Armee den Angriff der Deutschen. Der "Blitzkrieg" ist zum Sitzkrieg geworden:

"Man langweilte sich, schleppte sich zu den Diensten, behielt müde die Tore im Auge, mit denen die Druckwelle der gegnerischen Bomben, sofern es welche gab, gedämpft werden sollte, und da die Disziplin deutlich erschlafft war, verbrachte man die Zeit zwischen zwei Wachen im Offizierscasino."

Mitreißendes Finale der historischen Trilogie

"Drôle de guerre" – der seltsame Krieg – heißt diese Zeit in Frankreich. Sie endete im Mai 1940 mit der "Operation Sichelschnitt": Unter Umgehung der Maginot-Linie stießen die deutschen Panzer durch Belgien nach Frankreich vor. Nach sechs Wochen war das Land besiegt. In dieser Zeit nationaler Demütigung beginnt auch Pierre Lemaîtres Roman "Spiegel unseres Schmerzes".

Es ist der letzte Band einer Trilogie, die ihren Anfang im Ersten Weltkrieg nimmt und im zweiten Buch die französische Gesellschaft während der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre beschreibt. Der Autor entwirft hier ein faszinierendes historisches Panorama: wenig Glanz, aber tiefes Elend des Bürgertums der „grande nation“.

Acht Millionen Menschen auf der Flucht in den Süden

Der Schock der Niederlage des Jahres 1940 bildet den Hintergrund von "Spiegel unseres Schmerzes". Die Armee der stärksten Militärmacht Europas ist in Auflösung, die Regierung setzt sich ab nach Bordeaux. Ein panischer Exodus beginnt, etwa acht Millionen Menschen flüchten aus dem Norden Frankreichs in Richtung Süden.

"Die Flut setzte sich aus einem Durcheinander aus Autos und von Ochsen gezogenen Kippwagen zusammen, aus Karren, halluzinierenden alten Männern, hier humpelte ein Krüppel auf Krücken schneller als alle anderen (…), Frauen drückten ein Baby an sich, (…) manchmal half man sich, aber nur kurz, weil man dann wieder an sich selbst dachte, man drängelte."

Ein unglaubliches Tohuwabohu, in dem sich die Protagonisten von Lemaîtres Roman begegnen: zwei Deserteure, ein Hochstapler, ein Gendarm mit seiner Frau und die Lehrerin Louise. Im alten Peugeot ihres Beschützers, des Pariser Kneipiers Jules, hat sie sich auf die Suche nach ihrem Halbbruder gemacht:

"Der Wagen rumpelte langsam im Strom der Fliehenden voran, der dem Bild des zerrissenen, aufgegebenen Landes entsprach. Überall Gesichter und Gesichter. Ein gewaltiger Trauerzug, dachte Louise, der zum Spiegel unseres Schmerzes und unserer Niederlagen geworden war."

Fiktion und historische Geschehnisse werden miteinander verwebt

Lemaître verknüpft geschickt mehrere Handlungstränge, von denen einige zeit-historisch verbürgt sind. So die Geschichte der Deserteure, die mit anderen Häftlingen aus dem Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi nach Südwesten getrieben wurden. Und die Begebenheit von der Vernichtungsaktion der Nationalbank, die einen Teil der französischen Geldbestände in einer Müllverbrennungsanlage in Flammen aufgehen ließ. Im Roman zweigt der Gendarm Fernand dabei ein paar Millionen für sich und seine Frau ab. Doch dieser Teil der Geschichte ist im Reich der dichterischen Freiheit entstanden.

Zum authentischen Material, das diesem Roman zugrundeliegt, rechnet Lemaîtres Ausflug in die Regierungspropaganda der Dritten Republik. Die Figur des Hochstaplers Désiré Migault ist erfunden.

Von Hochstaplern, Priestern und Küchenlatein

Nicht erfunden sind die Ausflüchte, mit denen die französische Regierung im Angesicht der Niederlage die Bevölkerung zu beruhigen versuchte. Lemaître baut sie ein in das erzählerische Geflecht seines Romans: Der windige Migault erschwindelt sich eine Funktion im Propagandaministerium. Während die Panzer von General Guderian auf die Hauptstadt vorstoßen, erklärt er im Pariser Rundfunk dem französischen Volk:

"Der wahre Grund für die französischen Schwierigkeiten ist die fünfte Kolonne, das heißt die Anwesenheit verdeckter Agenten auf unserem Boden (…). Wissen Sie, dass Deutschland kürzlich im Norden Frankreichs fast fünfzig junge Mädchen (weniger auffällig als Männer) mit dem Fallschirm abgesetzt hat, die den Auftrag hatten, den deutschen Streitkräften mit Spiegeln (…) die französischen Stellungen zu verraten?"

Fake News, anno 1940. Sie geben Lemaîtres Roman ein ganz besonderes Kolorit. Wobei der Hochstapler Migault schließlich auch noch in die Rolle eines Priesters schlüpft, der zum Wohltäter eines improvisierten Flüchtlingslagers wird: ein Guru der Vertriebenen. Am Ende entlarvt ihn freilich das Küchenlatein, in dem er im Lager die Messe zelebriert. Kurz bevor der falsche Priester verschwindet, nimmt er dem Gendarmen Fernand noch die Beichte ab. Und nicht nur das: auch den Rucksack mit ein paar Millionen Francs aus den Beständen der Banque Nationale.

Eine faszinierende Mischung aus Kriminal-, Schelmen- und historischem Roman

"Spiegel unseres Schmerzes" bildet den fulminanten Abschluss von Pierre Lemaîtres Trilogie zur französischen Geschichte, die Ende und Anfang der beiden Weltkriege verklammert. Flüssig, aber manchmal ziemlich frei ins Deutsche übertragen von Tobias Scheffel. Lemaîtres Verbindung von Kriminal-, Schelmen- und historischem Roman lohnt die Lektüre.

Wer mehr wissen möchte über den Zusammenbruch der Dritten Republik, dem sei ein Klassiker empfohlen, der just in dieser Zeit entstanden ist: Der Historiker Marc Bloch, als Mitglied der Résistance 1944 von der Gestapo ermordet, hat mit "Die seltsame Niederlage. Frankreich 1940" eine profunde Analyse des Scheiterns geliefert.          

Stand: 23.01.2021, 12:35