Stanisław Lem - Die große Hörspielbox

Hörbuchcover: Stanislaw Lem - Die große Hörspielbox

Stanisław Lem - Die große Hörspielbox

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Stanisław Lem gehört zu den bekanntesten Science Fiction Autoren des 20. Jahrhunderts. Schon früh hat er Themen aufgegriffen, die heute erst aktuell sind, wie Nanotechnologie oder Künstliche Intelligenz. Mehrere seiner Werke wurden verfilmt, viele als Hörspiel adaptiert. Zu seinem 100. Geburtstag im September sind jetzt einige davon in einer Hörspielbox gesammelt erschienen.

Stanisław Lem: Die große Hörspielbox
Der Audio Verlag, Berlin 2021.
8 CDs, 30 Euro.

Stanisław Lem "Die große Hörspielbox" (Hörspiel)

WDR 3 Buchkritik 28.04.2021 05:16 Min. Verfügbar bis 28.04.2022 WDR 3


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Gestrandet auf einem fremden Planeten

Eine Rettungsmission im Weltall. Die Ausgesandten suchen nach einem Raumschiff, das auf einem unerforschten Planeten gestrandet ist, und finden es halb eingegraben im Wüstensand, die Besatzung tot, keine Anzeichen von Kampf. Also Ausschwärmen, Fakten sammeln, forschen. Sie werden den Ort nicht verlassen ohne Erklärung, schließlich heißt ihr eigenes Schiff beziehungsreich "Der Unbesiegbare".

Aus: "Der Unbesiegbare"

"ein stählerner, auf der Erde gebauter Organismus, die Frucht jahrhundertelangen Blühens der Technik, 100 Mann Besatzung, fähig Energien auszustoßen, die ganze Gebirge zermalmen oder Meere austrocknen können."

Die Kapitulation des Unbesiegbaren

Doch dieser Planet wird von anderen - Wesen? - beherrscht: winzigen Metallteilchen, die sich zu riesigen, tödlichen Schwärmen vereinen können: die Relikte einer untergegangenen Kultur.

Aus: "Der Unbesiegbare"

"Rohan nimmt vorsichtig eines der Teilchen zwischen die Finger. Da scheint es lebendig zu werden, streift seine Hand, mit einem leichten Hauch und erhebt sich in die Luft.…Er fühlt sich überflüssig, hier, wo nur tote Formen siegreich hatten überdauern können. Der Planet muss unangetastet bleiben."

"Der Unbesiegbare", von Menschen gemacht und so gigantisch, so arrogant in seinem Überlegenheitsanspruch, kapituliert vor dem anderen, dem zu Fremden. Mitzuverfolgen in einem vielschichtigen Hörspiel, klug und mit suggestiven Klangcollagen adaptiert von Oliver Sturm.

Eine soghafte Welt aus Stimmen und Tönen

Stanislaw Lems Roman  "Der Unbesiegbare" gehört zu den Klassikern der Science Fiction Literatur, ebenso wie sein "Solaris", in dem eine Raumstation über einem Planeten mit einem riesigen Plasmameer schwebt. Die Besatzung wird gepeinigt von erschreckenden Erscheinungen: es sind die eigenen, zu verzerrten Gestalten gewordenen Gedanken und Gefühle, erschaffen durch diesen fremden, seltsamen Ozean.

Aus: Solaris

"Ich strecke die Hand der nächsten Welle entgegen. Sie zaudert, weicht zurück, umfließt meine Hand, ohne sie zu berühren. Ich hebe und senke meinen Arm, und die Wellen, das Plasma, der Ozean, sie formen meine Bewegungen nach."

Wieder zieht es den Hörer förmlich hinein in eine Welt aus Tönen, Stimmen und Geräuschen, dieses Mal geschaffen von Peter Rothin. Und wieder zeigt sich auch der Mensch als nur eine der millionenfachen Möglichkeiten von Leben in einem kaum erforschbaren Universum.

Roboter mit eigenem Bewusstsein

Doch Science Fiction ist mehr als nur Wandern im Weltraum. Stanislav Lem, Mediziner, Naturwissenschaftler und Philosoph, hat sich schon lange bevor die Begriffe so aktuell wie heute wurden über Gentechnik, Bewusstseinsforschung, Nanotechnologie oder virtuelle Realität Gedanken gemacht. Und auch über KI, Künstliche Intelligenz:  Was ist mit von Menschen geschaffenen technischen Wesen, die ein eigenes Bewusstsein entwickeln? Im Hörspiel  "Der getreue Roboter" will so eine KI ihren Besitzer selbst perfektionieren.

Aus: "Der getreue Roboter"

"Ich habe mich immer nach Vollkommenheit gesehnt. Sie dagegen, verzeihen Sie mir bitte, schienen mir nicht vollkommen zu sein, und deshalb habe ich mir einen neuen Herrn geschaffen, einen Herren, wie ich ihn mir erträume, einen idealen Menschen. - Hör schon auf, deine Träume interessieren mich nicht."

Leider ein Fehler, denn der künstlich erschaffene menschliche Doppelgänger steht schon im Nebenzimmer.

Von ernsthaft bis absurd

Diese Geschichten sprich Hörspiele sind mal kürzer, mal länger, einige philosophisch ernsthaft, andere komisch bis bitter-absurd und voll des eigenwilligen, phantasievollen Lem’ schen Humors. Wenn ein schwer verunglückter Rennfahrer mithilfe vieler künstlicher Ersatzteile wieder lebendig wird – was ist er dann? Mensch? Maschine? Und was ist mit den Wissenschaftlern, die all das austüfteln?

Auch davon wird in dieser vielschichtigen Hörspielsammlung erzählt. Herr Lympather hat eine Formel für die nächste Evolutionsstufe des Menschen entdeckt - der sich dadurch selber abschaffen wird; als Hörspiel ein geniales Solo des Schauspielers Martin Held.

Ein Fazit in der Sprechstunde

In "Professor Tarantogas Sprechstunde" drängen sich Wirrköpfe aller Art, deren Erfindungen der Professor finanzieren soll. Aber auch Utopisten, die ihn rühren, und zu einer Art Fazit bringen, das Stanislaw Lems eigene Skepsis spiegeln könnte:

Aus: "Professor Tarantogas Sprechstunde"

"Wenn ich höre und sehe, dass jemand in diesem Börsental der Tränen, zwischen Bomben und Kursnotierungen eine Hoffnung ausdrückt, deren Geist weder ökonomisch noch geopolitisch ist...mein Blutdruck sinkt. Und damit zugleich meine – Misanthropie."

Stand: 28.04.2021, 16:17