Lawrence Ferlinghetti - Little Boy

Lawrence Ferlinghetti - Little Boy

Lawrence Ferlinghetti - Little Boy

Von Ulrich Rüdenauer

Lawrence Ferlinghetti ist der letzte große Überlebende der Beat Generation. Am 24. März feiert er seinen 100. Geburtstag Jahre. Pünktlich zu diesem Anlass erscheint ein neuer Roman des Dichters – viel mehr als ein Alterswerk!

Lawrence Ferlinghetti
Little Boy

Roman
Aus dem Englischen von Ron Winkler
Schöffling & Co. Frankfurt am Main 2019
214 Seiten
22 Euro

Little Boy & Grown Boy

Das neueste Buch von Lawrence Ferlinghetti ließe sich, in seinen eigenen Worten, so zusammenfassen:

"(…) es ist das Porträt des Künstlers als alter Mann und ist noch immer die alte Story des Jünglings der sein Heim verlässt und seine Mutter seinen Vater seine Brüder seine Schwestern um seinen eigenen Pfad der Einsamkeit zu finden in einer Welt nach eigener Vorstellung die nicht notwendig die Welt ist wie sie wirklich existiert und also mitten hinein ins Blaue (…)"

Der Lebensdurstige

"Little Boy" erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der von seiner überforderten Mutter an die französische Tante Emilie weitergereicht wird, seine turbulente Kindheit auf zwei Kontinenten verbringt und schließlich bei einer reichen Familie in Bronxville landet. Als junger Mann macht er als Soldat die Invasion in der Normandie mit, später studiert und promoviert er an der Sorbonne, gerät in die Kreise junger Dichter. Und die Welt mit all ihren Versuchungen und Scheußlichkeiten umarmt dieser Lebensdurstige; er verschlingt sie und verzweifelt an ihr und verwandelt sie in Gedichte.

"UND Little Boy, erwachsen nun und Grown Boy nach nicht enden wollenden Zeiten des Verwirrens und Verpflanzens und Verwandelns und Aufputschens und Ausschweifens und Beteuerns und Weissagens und Halluzinierens und Fabulierens und Desillusionierens und Kollaborierens und Erkennens und Enthüllens und Einstufens und Einbeziehens und Verfehlens und Präzisierens und Elaborierens und Simplifizierens und Idealisierens und Anstrebens und Umgehens und Realisierens und Radikalisierens und Befreiens, fand seine eigene Stimme und offenbarte den Hort der in ihm angestauten Worte"

Eine Imaginäre Biografie

Lawrence Ferlinghetti

Lawrence Ferlinghetti

Der New York Times gab Ferlinghetti kürzlich zwar die Auskunft, "Little Boy" sei kein autobiographischer Roman. Er handele vielmehr von einem "imaginery me", einem ausgedachten Ich. Aber dieser Erzähler-Freigeist, dessen Gedanken und Geschichten auf wildeste Weise ins Kraut schießen und mäandern, ist mit Lawrence Ferlinghetti doch aufs Engste verwandt.

Dessen Leben ist legendär genug:
Nach dem Krieg zog er an die Westküste, eröffnete in San Francisco den heute noch existierenden City Lights Bookstore, der schließlich um einen Verlag ergänzt wurde. Dieser Ort ist legendär. Hier traf sich die junge und bohemistische Avantgarde der amerikanischen Nachkriegsliteratur, die Beat Poets. Im Rhythmus des BeBop hüpften die Sätze der unangepassten Dichter über die Seiten, aggressiv und melancholisch zugleich, sehnsuchtsvoll und cool wie die Melodien, die den Saxophonen von Charlie Parker oder Lee Konitz entströmten. 1956 wurde Lawrence Ferlinghetti berühmt:

Er publizierte Allen Ginsbergs Langgedicht "Howl", und er gewann den sich anschließenden Gerichtsprozess – man hatte Ferlinghetti wegen Verbreitung obszöner Schriften sogar verhaftet. Es war das Gründungsmanifest der Beats. Eine der Heiligen Schriften dieser Bewegung veröffentlichte Ferlinghetti dann vier Jahre später gleich selbst: "A Coney Island of the Mind". Die apokalyptischen Visionen eines Goya werden in diesem Gedichtband in die amerikanische Gegenwart der 50er Jahre übertragen. Die Angst vor einem neuerlichen Krieg, der Konsum- und Umweltterror sind deutlich spürbar. Jetzt, 60 Jahre später, gibt es Anklänge an dieses frühere Ich, an die Rasanz dieser heraussprudelnden Gedichtzeilen, den Gegenwartskeptizismus, die Wut auf den oftmals rücksichtslosen und zerstörerischen American Way of Life, der schon lange nicht mehr nur in den USA zu Hause ist.

"und ist nicht Geschichte generell nichts anderes als eine Parade von Knallchargen die sich als Staatsmänner tarnen und Schmalhirne und dienliche Idioten dirigieren die Parade von den schönen Kapitolgebäuden aus und die allermeisten von Lobbyisten noch vorm ersten Votum geschmiert. Was soll man schon erwarten wenn nicht totalen Murks und eine Spezies die zu doof ist und zu gierig um die Klimakatastrophe abzuwendenwo die dunkle Abenddämmerung naht Oh Mann es muss doch eine bessere Art zu leben und zu lieben und zu atmen geben Lasst uns mit Pauken und Trompeten in die Zukunft ziehen."

Eine Irrfahrt durch ein hundertjähriges Leben

Die Suche nach der noch nicht ganz verlorenen Zeit, das aber ist der eigentliche Handlungsstrang dieses Buches. Der Erzähler ist jener mythische Odysseus auf Irrfahrt durch ein hundertjähriges Leben und eine zunehmend verrückter scheinende Welt. Immer wieder wird dieser Ulysses beschworen. Wie ein Derwisch streift der Erzähler durch die Vergangenheit, die aus Bildern und Büchern besteht, aus schillernden Begegnungen und hakenschlagenden Bewegungen. Proust und Beckett schweben über diesem Projekt, das auf den ersten Seiten noch wie ein konventionelles Erinnerungsbuch daherkommt, mit Punkt und Komma und Vertrauen in den chronologischen Gang der Dinge. Diese Form ist aber schnell überwunden, die Zeichensetzung geht im Überschwang der Rede verloren. Was gesagt werden muss, sprudelt nur so heraus, was einen beim Lesen manchmal ins Stolpern bringt.

Altersmilde wirkt das jedenfalls nie. Drohende Resignation wird immer wieder von einer Lust am Kämpferischen in Bann gehalten. Möge diese auch aus der Verzweiflung geborene Lust noch eine Weile vorhalten. Möge der Jahrhundertzeuge weiter in seinem kleinen „Café des Lebens“ sitzen, erpicht darauf zu sehen, „wie sich unsere kleine Zivilisation entwickelt“.

Lawrence Ferlinghetti - Little Boy

WDR 3 Buchrezension 22.03.2019 05:59 Min. WDR 3

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Stand: 22.03.2019, 10:32