Buchcover: "Das Marterl" von Johannes Laubmeier

"Das Marterl" von Johannes Laubmeier

Stand: 04.07.2022, 07:00 Uhr

Der Journalist Johannes Laubmeier begibt sich in „Das Marterl“ auf Spurensuche nach dem tödlich verunglückten Vater und der eigenen Kindheit. Ein bemerkenswerter Debütroman über eine Kindheit in Niederbayern.
Eine Rezension von Andreas Wirthensohn.

Johannes Laubmeier: Das Marterl
Tropen, 2022.
284 Seiten, 22 Euro.

"Das Marterl" von Johannes Laubmeier

Lesestoff – neue Bücher 04.07.2022 05:24 Min. Verfügbar bis 04.07.2023 WDR Online Von Andreas Wirthensohn


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Das Marterl ist in Bayern das, was man in anderen Regionen als Bildstock oder Wegkreuz bezeichnet: ein kleines, religiöses Denkmal aus Holz oder Stein, mal aufwendiger gestaltet, oft aber auch nur in Form eines einfachen Kreuzes und meist mit einem Andachtsbild versehen. Es dient als Anstoß zum Gebet unterwegs, als Zeichen der Dankbarkeit für überstandene Gefahren sowie zur Erinnerung an Unglücksfälle. Eine wenn man so will moderne Form dieser Gedenkorte sind die Kreuze, die man entlang von Land- und Bundesstraßen findet und die an die Opfer von Verkehrsunfällen erinnern.

Auch Johannes Laubmeiers Vater ist mit dem Motorrad tödlich verunglückt, weil ein Autofahrer ihn übersehen hat. Sein Sohn ist da Anfang 20 und will schon kurz nach dem schrecklichen Ereignis ein Zeichen der Erinnerung setzen:

"Einige Tage nach dem Unfall, als die neonfarbenen Markierungen der Polizei noch auf dem Asphalt zu sehen waren, gesprühte Umrisse eines Motorrads und einer Form, in der ich glaubte, ihn zu erkennen, nahm ich ein laminiertes Foto mit zur Kreuzung und band es mit Geschenkband an das Stoppschild auf der Verkehrsinsel. Ich tat das, um dem Ort wenigstens ein bisschen von seiner Beliebigkeit zu nehmen. Als ich ein paar Tage später zurückkam, war das Foto verschwunden.
Es schien mir damals, als wehre sich der Ort dagegen, erkannt zu werden, als setze er alles daran, sich selbst wieder zu vergessen und auch von allen anderen vergessen zu werden. Ich hörte auf hinzugehen."

2009 war das, und kurz darauf verlässt Laubmeier seine niederbayerische Heimat in Richtung England. Rund zehn Jahre später kehrt er zurück nach Abensberg, eine Kleinstadt nicht weit entfernt von der Donau, die heute vor allem für ihren Spargel und ihr Weißbier bekannt ist. Und er macht sich auf Spurensuche nach der eigenen Kindheit und Jugend. Im Wechsel schildert Laubmeier die Gegenwart seiner Spaziergänge und Ausflüge zu den persönlichen Erinnerungsorten und die erinnerte Vergangenheit des Aufwachsens in der Provinz. Auf der einen Ebene spricht er aus der Ich-Perspektive, in der anderen ist er – deutlich distanzierter – der Junge. Das hat den angenehmen Effekt, dass uns munter erzählte, authentisch wirkende Anekdoten aus dem Jugendleben des Johannes L. erspart bleiben und zudem der Akt der Erinnerung selbst immer wieder mit reflektiert wird.

"Meine Erinnerungen fransen an den Rändern aus, die einfachsten Details sind mir entfallen, während sich andere, völlig triviale Momente förmlich in mein Gedächtnis eingebrannt haben."

Das gilt ganz besonders für die Ereignisse rund um den plötzlichen Tod des Vaters. Eindringlich erzählt Laubmeier davon, wie er damals ins Krankenhaus gerufen wurde, wo die Ärzte noch vergeblich um das Leben des Verunglückten kämpften. Nicht minder eindrucksvoll sind die Erinnerungen an die Beisetzung: an den Turmfalken, der während der Trauerfeier über dem Grab kreist, an die Klosterschwestern unter den Trauergästen, an den Leichenschmaus. Hier, in dieser Passage, verschmelzen der Schreibende von heute und der Junge von damals zum erlebenden, reflektierenden Ich. Und am Ende steht eine überraschende Erkenntnis:

"Ich habe kein Bedürfnis zu wissen, was wirklich passiert ist, als mein Vater bestattet wurde. Die Fotos, die an diesem Tag aufgenommen wurden, habe ich mir nur einmal angesehen, in einem Moment der Schwäche, vor vielen Jahren. Ich will keine Beweise, nicht für diesen einen Tag. In meiner Erinnerung überstrahlt der Tag alles, was davor kam.
Die Menschen stehen aufgereiht in einem weichen Licht, sie sind schöner, als sie in Wirklichkeit waren. Und da ist etwas, das keinen Sinn macht: das erschreckende Gefühl, dass die Beerdigung meines Vaters vor zehn Jahren einer der schönsten Tage meines Lebens war."

Nicht alles in diesem Debüt ist so gut gelungen wie dieser Abschnitt. Manchmal ergeht sich Laubmeier in eher spröden Beschreibungen der Heimat, Dialoge sind nicht unbedingt seine Stärke, und dass sich als eine Art zweite Sinnebene die Beschäftigung mit dem amerikanischen Dichter Charles Olson durchs Buch zieht, wirkt reichlich bemüht. Am besten ist der Roman dort, wo man das existenzielle Bedürfnis des Autors spürt, über diesen prägenden Verlust zu schreiben. Und dann ist dieses Buch genau das, was es im Titel trägt: ein Marterl für den toten Vater, ein berührendes literarisches Denkmal.