Leo Lania - Der Außenminister

Buchcover: Leo Lania - Der Außenminister

Leo Lania - Der Außenminister

Von Christoph Haacker

Leo Lania widmet sich dem prominentesten Opfer des stalinistischen Staatsstreichs in Prag von 1948. Das Schicksal des  Außenministers Jan Masaryk zeigt exemplarisch die Hilflosigkeit integrer Demokraten angesichts der zynischen Brutalität von Staatsfeinden.

Leo Lania: Der Außenminister
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Michael Schwaiger.
Mandelbaum Verlag, Wien 2020.
216 Seiten, 25 Euro.

Leo Lania - Der Außenminister

WDR 3 Buchkritik 19.04.2021 05:35 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 WDR 3


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Ein Sturz aus dem Fenster?

Es war einer der spektakulärsten ungeklärten Todesfälle eines Spitzenpolitikers im 20. Jahrhundert. Nur anders als beim Mord an John F. Kennedy starb Jan Masaryk nicht vor laufenden Kameras. Der tschechoslowakische Außenminister starb einen einsamen Tod. Am Morgen des 10. März 1948 fand man seine Leiche, im angeschmutzten Pyjama, 15 Meter unterhalb eines Fensters seines Amtssitzes.

Ein weiterer "Prager Fenstersturz" nach 1618 – war es Mord oder Selbstmord? Warum das Schicksal der nie beim Namen genannten Hauptfigur von Leo Lanias Roman "Der Außenminister" mehr als nur eine Nebenepisode ist, macht die Neuauflage des Buchs deutlich.

Der Vater des Außenministers

Jan Masaryks Sonderstellung verdankte sich auch seinem Vater. Denn Tomáš Garrigue Masaryk hatte als Gründerpräsident der Ersten Tschechoslowakischen Republik schon vor seinem Tod 1937 Legendenstatus. Anders als die Diktatoren, die sein Land zunehmend umgaben, verdankte er seine Machtposition seiner moralischen Autorität.

Der Philosoph und Soziologe prägte als liberaler Humanist seinen kleinen, modernen Vielvölkerstaat. 1899 war Masaryk aufsehenerregend für den verurteilten, angeblichen Ritualmörder von Polna, Leopold Hilsner, eingetreten:

"Für einen unschuldigen Menschen, der zufällig ein Jude war. Gegen die Dummheit und Lüge."

Politischer Umbruch im Frühjahr 1948

Im Schatten dieser herausragenden Persönlichkeit entwickelte sein Sohn Jan Masaryk sein Profil. Die Bühne des Romans betritt er nach seiner Zeit in London, wo er als Außenminister der Exilregierung unter Edvard Beneš an internationalem Ansehen gewann.

Die Handlung umfasst seine zwölf letzten Stunden, mitten in einer Schicksalswende Europas. Was im Frühjahr 1948 in Prag vor sich ging, hatte eine ähnliche Tragik wie 1938 das schändliche Münchner Abkommen unter Billigung Großbritanniens und Frankreichs. Die Parteienlandschaft wurde inzwischen von den Kommunisten dominiert, die vor dem Krieg noch unbedeutend gewesen waren. Als der kommunistische Innenminister Schlüsselpositionen der Polizei mit Parteigenossen neu besetzte, traten zwölf bürgerliche Minister am 20. Februar zurück, um Neuwahlen zu erzwingen.

"Wie bei einem Schachspiel war der Rücktritt der Minister, den die Kommunisten vorausgesehen hatten, ein Zug gewesen, der den Verlust der Partie besiegelte."

Die Gegenspieler des Präsidenten

Aus Angst vor einem Bürgerkrieg oder sowjetischer Intervention wagte der schwerkranke Präsident Beneš nicht, Neuwahlen einzuleiten. Wie 1938, als er kampflos die Sudetengebiete preisgeben musste, sah er sich wieder in eine tragische Position gebracht:

"Daß ich mich nicht mehr ganz auf die Armee verlassen kann, ist noch nicht das Schlimmste. Da die antikommunistischen Parteien gespalten sind, da die Mehrheit des Parlaments Bogenfeld und seine Regierung unterstützt, hat er die Legalität, die Verfassung für sich."

Der eigentliche Gegenspieler des Präsidenten Beneš alias Wenzel Muchar ist nicht Bogenfeld, sondern einer seiner Leute. Dieser Figur Karl Munda dürften reale Vorbilder wie vermutlich André Simone, Friedrich Geminder – die graue Eminenz der Partei – oder Rudolf Slánský Pate gestanden haben. Lania schrieb im Wissen um das kommende Schicksal dieser willigen Vollstrecker Stalins. Denn im Slánský-Prozess fielen sie 1952 ihrem Terrorsystem selbst zum Opfer.

Mutiger Protest gegen die Regierung

Am interessantesten ist jedoch die Figur des Außenministers. Ihm bleiben nur wenige Wege: als Feigenblatt in der Regierung zu verbleiben und sie so nach innen und außen zu legitimieren; sich öffentlich unter Lebensgefahr gegen sie zu stellen; die Flucht ins Ausland oder der Tod. Als er sich im Wissen um seine Gefährdung zu einer kämpferischen Haltung durchringt, ist sein Schicksal besiegelt. 1961 brachte Leo Lania seine Intention auf den Punkt:

"Was ich beabsichtigte, war die Gestaltung der Tragödie eines Liberalen in unserer Zeit, ganz gleichgültig in welchem Lande…Das Schicksal des Außenministers sollte das Drama des Mannes illuminieren, der keine Kompromisse mit Links oder Rechts schließen will, der kein starker Mann ist, kein Fanatiker, sondern ein Zweifler…"

Wenn Politik an ihre Grenzen kommt

Der Roman zeigt, wie herkömmliche Politik an ihre Grenzen stößt, wenn sie sich gewieften, skrupellosen Machtmenschen gegenübersieht. Er steht in einer Reihe von – allerdings teils trivialen – literarischen Beschäftigungen mit der Stalinisierung der Tschechoslowakei. Diese Romane von Joseph Wechsberg, Fritz Brügel und Friedrich Torberg fanden jedoch selbst im Kalten Krieg kein großes Echo.

Lanias Roman zeichnet sich nicht nur durch einen kritischen Blick auf die Westmächte aus, welche die Tschechoslowakei mehrfach im Stich ließen. Als "Der Außenminister" 1956 zuerst auf Englisch herauskam, ließ der Ungarnaufstand den Stoff erschreckend aktuell erscheinen.   

Stand: 19.04.2021, 08:40