Peter Kurzeck - Der vorige Sommer und der Sommer davor. Das alte Jahrhundert.

Peter Kurzeck - Der vorige Sommer und der Sommer davor. Das alte Jahrhundert.

Peter Kurzeck - Der vorige Sommer und der Sommer davor. Das alte Jahrhundert.

Von Ulrich Rüdenauer

Unverhoffte Glücksmomente: aus dem Nachlass erscheint wieder ein Roman von Peter Kurzeck, der seinen unvollendeten Zyklus "Das alte Jahrhundert" fortführt.

Peter Kurzeck
Der vorige Sommer und der Sommer davor
Das alte Jahrhundert

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rudi Deuble und Alexander Losse
Schöffling und Co, Frankfurt a.M. 2019
656 Seiten
32 Euro

Sommerzeit

"Sommer. Erst kürzlich die Uhr eine Stunde vorgestellt. Sommerzeit. Wollen hoffen, es hilft! Erst kürzlich von Amts wegen neu eingeführt diese Sommerzeit und hoffentlich kein Betrug dabei."

Man muss die Stimme Peter Kurzecks nur für ein paar Sekunden hören, und sofort erliegt man diesem Ton, diesem Rhythmus, dieser ganz einzigartigen Sprachmelodie, die sowohl sein mündliches Erzählen als auch seine Texte auszeichnen. Es ist erstaunlich: Man hört oder liest einen Satz und weiß sofort, es ist Peter Kurzeck.

Umfangreiche Texthinterlassenschaften

Fast sechs Jahre sind nun seit seinem Tod vergangen. Das große, schließlich auf 12 geplante Bände angewachsene Romanprojekt "Das alte Jahrhundert" hatte Kurzeck nicht beenden können. Im Nachlass aber fanden sich etliche Manuskripte zu diesem Zyklus, teils kleinere und teils größere Fragmente. Aus diesen umfangreichen Texthinterlassenschaften haben die beiden Nachlassverwalter Rudi Deuble und Alexander Losse bereits 2015 den Band "Bis er kommt" herausgegeben. Den Hausverlag Stroemfeld, in dem alle Bücher Kurzecks herausgekommen waren, gibt es inzwischen nicht mehr. Es stellte sich also die Frage, wie die posthume Edition gerettet werden könnte. Zum Glück ist der Frankfurter Verlag Schöffling & Co. eingesprungen. Er wird die Ausgabe fortsetzen, zunächst mit dem Romanfragment „Der vorige Sommer und der Sommer davor“. Dieser Band hätte für Kurzeck an siebter Stelle seines Zyklus stehen sollen. Knapp 500 Seiten waren fertiggestellt, geschrieben vornehmlich zwischen 1998 und 2001, hinzukommen etliche Notizen, die hier abgedruckt sind. Bereits vor einigen Jahren hatte Kurzeck aus dem Sommerbuch Ausschnitte gelesen, erschienen seinerzeit auf einer CD mit dem Titel "Stuhl, Tisch, Lampe":

"Zum Abend hin, ein Gewitter zieht auf oder läßt auf sich warten. Sonntage auch. Aufgebläht. Gartensonntage. Familiensonntage. Gewaltige deutsche Sonntage. Jede Menge. Abend und ein Feuerwerk über der Innenstadt. Römer-Main-Brunnen-Oper- und Freßgassfest. Jedes Jahr dreimal ein Jubiläum. Erst soll man die Uhr eine Stunde vor und dann soll man sie wieder eine Stunde zurück! Und auch noch jedesmal selbst daran glauben!"

Ein entscheidendes Jahr

Alle zwölf Bände der autobiographischen Recherche "Das alte Jahrhundert" spielen um das Jahr 1984. Es ist ein entscheidendes Jahr für den Erzähler: Es kommt zur Trennung von seiner Freundin Sibylle, die geliebte Tochter Carina ist nicht mehr die ganze Zeit um ihn. Es gibt nun ein Davor und Danach. Kurzecks Erzählen kreist manisch um dieses Jahr, mit Rückblenden in die Kindheit oder die 70er Jahre. Dabei geschieht nicht viel, wenn man den Alltag als wenig bezeichnen will:

Peter Kurzeck, Schriftsteller, 2007

Peter Kurzeck

Der Erzähler geht mit seiner Tochter Carina durch Frankfurts Straßen, das Nebensächliche wird mit großer Genauigkeit und mitfühlendem Blick zum Ereignis; die Wahrnehmung ist immerzu auf das vermeintlich Unbedeutende geeicht. Es sind Bücher über das Schreiben, über das Werden eines Schriftstellers, über einen jungen Mann, der in die Stadt geht, um das Glück zu finden, der von der Sucht des Trinkens ablässt und zur Sucht des Beobachtens und Erzählens findet. Es ist auch ein Buch über die Liebe und das Scheitern und vor allem über Kindheit – es gibt wenige Bücher, in denen mit so großer Hingabe die Neugier und Arglosigkeit des Kindseins eingefangen wird, was vielleicht daran liegen mag, dass Peter Kurzeck selbst sich immer einen staunenden Blick bewahrt hat.

Noch ist da "das Glück"

"Der vorige Sommer und der Sommer davor" beginnt mit dem Besuch des Lebensfreundes Jürgen im Spätsommer 1983. Er hat sich gerade von seiner Freundin Pascale getrennt und kehrt aus Frankreich, wo er mit Pascale ein Lokal betrieben hat, nach Frankfurt zurück. Diese Geschichte nimmt die Trennung des Erzählers auf gewisse Weise schon vorweg. Aber noch ist da das Glück: Zwei Reisen mit Sibylle und Carina stehen im Mittelpunkt des Sommerbuchs, eine lange Tramping-Tour durch Südfrankreich, eine ins tauberfränkische Lauda. Es sind schwärmerische Schilderungen, in denen die Melancholie doch immer durchscheint – auch der Leser weiß ja bereits aus den vorangegangenen Bänden, dass die Beziehung zerbrechen wird.

Erinnern, Bewahren, die vergehende Zeit stillstellen – das ist das unerfüllbare und niemals endende Projekt des Erzählers Peter Kurzeck. So passiert in seinen Büchern wenig, aber das umso präziser. Rudi Deuble, einer der Herausgeber des Bandes, erläuterte vor ein paar Jahren beim Gespräch über Kurzecks Nachlass, dass das gesamte Schreiben dieses Autors aufs Unendliche und Unfertige gerichtet war.

"Eigentlich haben alle Romane einen fragmentarischen Charakter. Es gibt ja keine erzählte Geschichte im Sinne eines Plots, in dem dann am Schluss die Auflösung steht und alle gehen beruhigt nach Hause. Sondern es ist ja einfach immer ein bestimmter Abschnitt, eine bestimmte Zeit, da wird etwas rausgenommen, das erzählt wird – aber das kann man nicht zu Ende erzählen. Insofern empfinde ich es auch gar nicht als so schlimm, dass dieser Roman einfach aufhört. Ich empfinde sein ganzes Werk als ein großes Fragment, man darf allerdings nicht denken, dass das nicht ausgearbeitet ist. Das, was da ist, das ist auch ungeheuer durchgearbeitet."

Ein Sommerbuch mit viel Groove

Das merkt man auch dem Sommerbuch an: Immer wieder hat Kurzeck Seiten umgeschrieben, laut sich vorgelesen, im Hintergrund lief oft Musik, die den Text zu takten scheint, die den kurzen, oftmals unvollständigen, ruckenden Sätze einen eigenen und mächtigen Groove verleiht. Im Sommerbuch ist alles da, was man an Peter Kurzeck verehren muss und immer wieder hören und lesen und vorerzählt bekommen will. Und sein Nachlass dürfte zu unserem Glück noch viele solcher Schätze bereithalten.

Peter Kurzeck - Der vorige Sommer und der Sommer davor

WDR 3 Buchrezension 17.09.2019 05:52 Min. Verfügbar bis 16.09.2020 WDR 3

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Stand: 05.09.2019, 16:14