Filip Springer - Kupferberg. Der verschwundene Ort.

Filip Springer - Kupferberg. Der verschwundene Ort.

Filip Springer - Kupferberg. Der verschwundene Ort.

Von Moses Fendel

Spurensuche in einer verschwundenen Stadt - Packend wie in einem Roman schildert Filip Springer mit den Mitteln der Reportage das Leben in einer schlesischen Kleinstadt, die es nicht mehr gibt.

Filip Springer
Kupferberg. Der verschwundene Ort.

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Zsolnay, Wien 2019
323 Seiten
25 Euro

Es hat Bier gegeben

"Ein Porzellanverschluss mit roter Emailleschrift: KUPFERBERGER BRAUEREI, G. FRANZKY. Keine Jahreszahl, nichts. Anfangs kann ich kaum der Versuchung widerstehen, eine Geschichte dazu zu erfinden – erst kämpfe ich dagegen an, dann aber geht die Anwandlung von selbst vorbei. Korken bleibt Korken, ein ausgebuddelter Flaschenverschluss, der mir nichts sagt, was ich nicht schon wüsste. Es hat hier eine Brauerei gegeben, es hat einen Georg Franzky gegeben, es hat Bier gegeben. Das ist alles – und alles ist Vergangenheit."

700 Jahre Kupferberger Geschichte

Viel ist es tatsächlich nicht, was aus 700 Jahren Kupferberger Geschichte geblieben ist. Der polnische Journalist, Fotograf und Archäologe Filip Springer hat sich trotzdem die Mühe gemacht, so viel wie möglich zusammenzutragen, um die Geschichte des Ortes zu erzählen. Erfinden musste er dabei nichts, denn er konnte auf Dokumente wie Chroniken und Zeitungen und auf Gespräche mit Zeitzeugen zurückgreifen. Herausgekommen ist eine große Reportage, die sich stellenweise liest wie ein historischer Roman. Immer wieder entfaltet Springer die Erinnerung an das Städtchen, als würde er in angestaubten Bildbänden blättern oder in Schuhkartons mit vergilbten Familienfotos und Ansichtskarten wühlen. Dieses fotografische Prinzip benennt der Autor mehrfach, zwei Kapiteln hat er explizit den Titel „Fotografien“ gegeben.

"Aber wie sah alles genau aus? Ich will es wissen – bevor ich es gesehen habe, glaube ich es nicht. Die Rettung kommt von Karl Heinz Friebe. 1967 ist jemand aus Deutschland hergereist und hat Fotos vom Marktplatz gemacht. Farbfotos! Man sieht sofort, dass die Fotos niemand von hier gemacht hat, einem Einwohner wären solche Fotos sicher peinlich gewesen, oder er hätte gar keinen Sinn darin gesehen, Ruinen abzulichten. Nein, diese Farbaufnahmen hat jemand gemacht, der hergekommen ist, um zu überprüfen, ob die Stadt noch existierte und in welchem Zustand sie war."

Flucht und Vertreibung

Existiert hat Kupferberg, einstmals die kleinste Stadt Preußens, zweifellos. Und in den Wirren des 20. Jahrhunderts musste es sich mindestens einmal neu erfinden:

Filip Springer

Filip Springer

1945 wurde es zu Miedzianka. Immer wieder kommt Springer auf das für die deutsch-polnischen Beziehungen bis heute heikle Thema von Flucht und Vertreibung:

"In nahezu jeder Ausgabe der Schlesischen Bergwacht schreibt einer der deutschen Textverfasser „unser schönes Hirschberg“ oder etwas in der Art. Wenn dieser Deutsche später nach Trzcinsko, Janowice oder Miedzianka kommt und aus seinem dicken Mercedes steigt und ihm dann dieses "unser" oder "mein" herausrutscht, dann macht sich Beklommenheit breit. Die Leute hier sind nicht dumm, sie verstehen einiges. Vielleicht nicht alles problemlos und auf der Stelle, aber "mein" und "unser", das erkennen sie."

Die Schicksale der Menschen

Die große Geschichte des 20. Jahrhunderts hat den Ort meist nur gestreift, war aber im Leben seiner Bewohner dennoch ständig gegenwärtig. Springer – Jahrgang 1982 – erzählt die Schicksale der Menschen unvoreingenommen und empathisch, macht sie als Teil einer gesamteuropäischen Tragödie erfahrbar. Es ist ihm etwa nicht gleichgültig, wenn Bewohner des Städtchens nach ihrer Flucht ins nahegelegene Dresden dort im Februar 1945 im Feuersturm umkommen. Nach Kupferberg kommen neue Bewohner, die aus den früheren polnischen Ostgebieten umgesiedelt wurden. Nach dem Krieg wird unter dem Ort im Auftrag der Sowjetunion Uran abgebaut. Unter strenger Geheimhaltung und ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Bergleute. Als die Vorkommen erschöpft sind, lassen die Sowjets die Mine zurück. Für die Stadt der Anfang vom Ende. Weil immer mehr Häuser Risse bekommen und an immer mehr Stellen der Boden wegbricht, beschließen die Behörden, den Ort aufzugeben und die Bewohner in die umliegenden Städte umzusiedeln. Dort leben sie zum Teil bis heute und teilten ihre Erinnerungen mit dem Autor.

"In dem Teil von Janowice, der Miedzianka am nächsten liegt, ist Stanislaw Kopczynski zu Hause, der den Kommunisten die Fresse poliert hat, das aber nicht zugeben wollte, und auch Staszek Gruszka, der niemals Wodka trank und nur zwei Jahre im Bergwerk arbeitete, weswegen er jetzt noch lebt. Mehr Ehemalige liegen auf den beiden Janowicer Friedhöfen, und stets kommen weitere hinzu. Viele sind an Krebs gestorben, so wie Franek Krupa, dem im Alter der Kehlkopf herausgenommen werden musste. Vom Bergwerk mochte er nie erzählen, und nachdem er seinen Kehlkopf verloren hatte, konnte er es auch nicht mehr. "

Mit erzählerischer Präzision und einem feinen Gespür

Filip Springer schildert das Leben in Kupferberg mit großer erzählerischer Präzision und einem feinen Gespür für Symbolik. Ohne Pathos gelingt es ihm, Heimat als einen universellen Wert darzustellen: Die früheren deutschen Bewohner Kupferbergs können ebenso Heimweh nach ihrer Stadt haben wie die in den 1970er-Jahren in ein Plattenbauviertel im nahe gelegenen Hirschberg umgesiedelten Polen. Fesselnd wie in einem Roman schildert Filip Springer mit den Mitteln der Reportage das Leben in einer schlesischen Kleinstadt, die es nicht mehr gibt.

Stand: 03.12.2019, 15:04