Buchcover: "Red Pill" von Hari Kunzru

"Red Pill" von Hari Kunzru

Stand: 28.11.2021, 16:46 Uhr

Am Rande des Wahnsinns: Ein amerikanischer Schriftsteller verzweifelt in Berlin Wannsee an rechten Verschwörungstheorien. Wie gefährdet sind wir tatsächlich? Ein aufwühlendes Buch. Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Hari Kunzru: Red Pill
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.
Liebeskind Verlag, 2021.
344 Seiten, 22 Euro.

"Red Pill" von Hari Kunzru

Lesestoff – neue Bücher 07.12.2021 05:12 Min. Verfügbar bis 07.12.2022 WDR Online Von Corinne Orlowski


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Mit der roten Pille ins Jahr 2015

"This is your last chance. You take the blue pill, the story ends. You take the red pill, you stay in wonderland and I show you how deep the rabbit hole goes. All I offering is the truth, nothing more."

Wie im Film "Matrix" bietet uns der britische Autor Hari Kunzru in seinem neuen Roman eine rote Pille an und führt uns in jenes Rabbit Hole, in das Neo einst fiel. Es ist Winter 2015, das Jahr, in dem Hunderttausende Flüchtlinge in Deutschland Schutz suchen. Der hypersensible, namenlose Ich-Erzähler aus Brooklyn ist für ein Stipendium nach Berlin Wannsee gekommen, um über das "lyrische Ich" zu schreiben.

"Als Kind fühlte ich mich als etwas Geisterhaftes in der Welt. Es kam zuerst, dieses "Ich", vor allem anderen, noch vor Gedanke und Tat. Ich wurde älter, aber das eine, was sich nie änderte, war die Überzeugung, dass mich die Erkundung dieses Ortes, meines Ichs, seiner luxuriösen Besonderheit, mein Leben lang beschäftigen würde. In Berlin fand diese Überzeugung ein Ende."

Konspirative Codes und geheime Nachrichten

Denn statt zu schreiben, verfällt er der brutalen Serie "Blue Lives", in der Polizisten mit Foltermethoden gegen Gesetzesbrecher vorgehen. Er glaubt, darin konspirative Codes und merkwürdige Zitate von Vordenkern der "Neuen Rechten" zu erkennen.

Sind es geheime Nachrichten an ihn? Ist er der Einzige, der die Verbreitung identitärer Werte aufhalten kann? Diese Fragen machen ihn verrückt und der Wannsee wird zunehmend unheimlicher. In der Akademie fühlt er sich überwacht. Hier blickt er auf das Haus der Wannsee-Konferenz, dem Ort, an dem die Nazis die Judenvernichtung planten. Hier, mitten durch den See, verlief die tödliche Grenze der DDR. Hier erschoss sich Heinrich von Kleist.

"Ich kam jeden Tag mindestens einmal an Kleists Grab vorbei. Die kleine vierbändige Ausgabe seiner Gesammelten Werke war mittlerweile mit Bleistiftunterstreichungen und Randbemerkungen übersät. Je mehr ich las, desto klarer wurde mir, dass ich es nicht mit einem emotionsbetonten Aristokraten zu tun hatte. Die ganze nervöse Empfindsamkeit, das Übermaß an heftigem Sentiment deutete auf jemanden, der zu bemüht war."

Wie die Welt wirklich funktioniert

Ja, bemüht und vor allem Ich-bezogen ist auch Kunzrus Hauptfigur. Als er auf einer Berlinale Party Anton, den Macher der brutalen Serie, trifft und ihn in ein Gespräch verwickelt, gerät alles aus dem Ruder. Denn rasch entpuppen sich Antons menschenverachtende Überzeugungen. Der demütigt ihn und meint, zu wissen, wie die Welt wirklich funktioniert, also im Besitz der roten Pille zu sein.

"Ich stand unter Schock wegen all der Dinge, die passiert waren, der Rücksichtslosigkeit, mit der Anton in mein Leben eingebrochen war. Sein unerschütterlicher Sarkasmus, seine ständig drohenden Grenzüberschreitungen. Alles was er sagte, klang wie eine Herausforderung, ein Skandal."

Gefangen in einer Simulation

Von nun an beschleicht den Erzähler zunehmend das Gefühl, sich in einer von Anton konstruierten Matrix zu bewegen. Und er folgt einer Kette von Hinweisen, die ihn über Paris bis an die malerischen Klippen Schottlands und schlussendlich in die Psychiatrie führen.

"Ich war in einem Spiel gefangen, einer Simulation, einer sadistischen Version der wirklichen Welt, die er speziell für mich entwickelt hatte. Erfüllt von erbärmlicher Angst zog ich den Reißverschluss des Schlafsacks über mir zu und sperrte alles Licht aus."

Wie reale Gewalt entsteht

Schon längst sitzt er in einem wilden Gedankenkarussell, das einem beim Lesen schwindeln lässt. Nicht sein geistiger Zustand sei besorgniserregend, findet er, sondern der Zustand der Welt. Doch dann wählen die Amerikaner Trump zum Präsidenten und seine apokalyptischen Ängste scheinen wahr zu werden.

Hari Kunzru war selbst Fellow an der American Academy am Berliner Wannsee. Er, Sohn einer Britin und eines Inders, wurde zwar freundlich begrüßt, aber auch angefeindet – so wie die Geflüchteten vor Ort. Die Spannungen, die Kunzru in dieser Zeit in Deutschland fühlt, überträgt er auf seinen Roman. Eindrücklich zeigt er, wie perfide die rechte Kultur im Netz vorgeht, wie schnell daraus reale Gewalt, ja wie schnell Demokratie unterwandert werden kann.