Hari Kunzru - Götter ohne Menschen

Hari Kunzru - Götter ohne Menschen

Hari Kunzru - Götter ohne Menschen

Von Corinne Orlowski

Was leer ist, möchte gefüllt werden: der britischen Schriftstellers Hari Kunzru folgt seinen Figuren durch drei Jahrhunderte in die Mojave-Wüste auf der Suche nach dem Unerklärlichen.

Hari Kunzru: "Götter ohne Menschen"

WDR 3 Buchkritik 09.06.2020 05:49 Min. Verfügbar bis 09.06.2021 WDR 3 Von Corinne Orlowski


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Hari Kunzru
Götter ohne Menschen

Aus dem britischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner
liebeskind Verlag, München 2020
416 Seiten
24 Euro

Ein Tourismushotspot und ein versteckter Militärstützpunkt

Schnurgeradeaus führen die Straßen, vorbei an giftigem Gestrüpp, zerknitterten Felsen und turmhohen Sanddünen. Über den ausgedorrten Boden flimmert die heiße, klare Luft: der Wilde Westen. Hier, in der kalifornischen Wüste, sahen einst die amerikanischen Ureinwohner das Land der Toten. Doch die scheinbare Leere trügt. Diese karge Landschaft zieht die Menschen geradezu magisch an. Seit Jahrhunderten. Denn was leer ist und unergründlich, möchte gefüllt werden mit Transzendenz, mit Theorie, mit Wahrheiten. Und die scheinen sich in den bizarren Felsformationen Kaliforniens finden zu lassen. Erst kommen die Einwanderer, unterwerfen die Indianer und suchen nach Gold oder anderen Bodenschätzen. Später erscheinen UFOs am dunklen Nachthimmel, vertreiben sich die Hippies ihre Zeit mit LSD-Trips. Heute ist jene Wüste ein Tourismushotspot und ein versteckter Militärstützpunkt, auf dem Soldaten in Rollenspielen den Irak-Krieg simulieren – so zumindest beschreibt es Hari Kunzrus in seinem vierten Roman "Götter ohne Menschen".

"L.A. wich nach und nach einer toten Landschaft. Man konnte es nicht unbedingt Wüste nennen. Es war Ödland, der Hinterhof der Stadt, eine Müllhalde für alles Hässliche, das man dort nicht sehen wollte. […] Die Straße war kreideweiß, der Himmel airbrushblau, und er auf dem Weg zum leersten Fleck auf der Landkarte."

Schicksale werden zu Erzählsträngen

Hari Kunzru

Hari Kunzru

Nicky Capaldi ist ein kaputter, selbstverliebter Rockstar, der eigentlich mit seiner Band ein Americana-Album einspielen wollte, nun aber allein in der Wüste auf der Flucht vor sich selbst ist. Im heruntergekommenen Motel trifft er auf Jaz und Lisa. Das gestresste Paar aus New York macht mit ihrem autistischen Sohn Raj unter der sengenden Sonne Kaliforniens Urlaub. Bei einem Ausflug verschwindet Raj jedoch in der Nähe der Felsen, die seit jeher eine mystische Kraft ausstrahlen. Genau diese eigenartige Landschaft ist die immer gleiche Kulisse von Kunzrus Roman, der jetzt endlich [in tadelloser Übersetzung] auf Deutsch erschienen ist. In ihm verknüpft Kunzru etliche Schicksale gekonnt zu drei großen Erzählsträngen:

Sie reichen von der Missionierung indigener Ureinwohner bis zur Finanzkrise 2008. In ihrer Mitte:

Der Flugzeugmechaniker Schmidt. Der will nach dem Zweiten Weltkrieg Buße tun, wegen seiner Frau, die er geschlagen, und wegen der Atombombe, die er nach Hiroshima gebracht hat.

"Als Schmidt die Spitzen der Pinnacles sah, wusste er gleich, dass es der richtige Ort war. Drei Felssäulen ragten empor wie die Tentakel eines Urtiers, verwitterte Fühler, die sich in den Himmel bohrten..."

Schmidt will Kontakt zu außerirdischer Intelligenz aufnehmen.

Stundenlang funkt er ins All, bis tatsächlich eine Scheibe mit flirrenden Lichtern auf ihn zurast. Doch die Geschichte des Ortes führt noch weiter zurück. Ende des 18. Jahrhunderts bekehrt in dieser Gegend ein spanischer Missionar das indigene Wüstenvolk. Auch den Franziskaner zieht es zu den gewaltigen drei Felsnadeln, wo ihm ein Engel erscheint und Geheimnisse über Leben und Tod verrät. Auf den Spuren seiner Aufzeichnungen befindet sich 1920 ein Anthropologe und entfacht aus Eifersucht eine brutale Hetzjagd auf einen vermeintlichen indianischen Kindesentführer.

"Er kannte den Ort. Nicht vom Sehen. Von der letzten Geschichte, die Eliza transkribiert hatte. Du musst in die Höhle unter den Drei-Finger-Felsen gehen. Dort findest du Yuccafrau beim Korbflechten. Dort war auch der alte spanische Mönch gewesen, als er vermisst wurde. Sie flicht das Diesseits mit dem Land der Toten zusammen. Es war der geheime Ort, des Rätsels Schoß."

Manches Unerklärliche ist mit dem menschlichen Geist nicht zu erfassen

In den verschiedenen Geschichten tauchen die Figuren mal am Rande, mal als Protagonisten auf. Kunzru gibt jeder einen anderen Ton und beweist, warum er einer der besten britischen Autoren der Gegenwart ist. Die Verknüpfungen, Verwicklungen und Gleichzeitigkeiten laufen ihm nie aus dem Ruder – im Gegenteil, er jongliert mit ihnen. Was einem allerdings mächtig Konzentration abverlangt. Zum Teil sind die Schicksale der Figuren durch etwas künstlich wirkende Motive verbunden: Sie alle träumen von einem besseren Leben, sie alle erfahren paranormale Erlebnisse, sie alle suchen nach Wahrheiten. Doch sobald sie glauben, diese gefunden zu haben, gehen sie elendig zugrunde: werden drogenabhängig, wahnsinnig oder zu Selbstmördern. Denn das lehrt dieses Buch: Manches Unerklärliche ist mit dem menschlichen Geist nicht zu erfassen. Wie schon in seinem letzten Roman „White Tears“, beweist Kunzru erzählerische Brillanz. Geräusche, Stimmen und Klänge werden hör-, Bilder seh- und Atmosphäre fühlbar.

"Sie projizierten Farben auf die Felsen, Dias und Öltropfen und so was. Ein Haufen Leute saß um ein Feuer und spielte Trommeln und Flöten und andere Instrumente in so ein Ding in der Mitte, eine Art Gebilde aus Mikrofonen und kastenförmingen elektrischen Geräten. Wie nennt ihr das hier? Das ist das terrestrische Zentrum des Ashtar Galactic Command. Unsere geheime Basis auf der Erde."

Die Leere will gefüllt werden

Die Wüste wird in diesem klugen wie unterhaltsamem Buch zu einer Metapher für das Leben in Amerika schlechthin. Die Leere will gefüllt werden, das Unbekannte bezwungen. In jedem Jahrhundert auf seine eigene Weise. So gelingt Kunzru auch eine große Einwanderungsgeschichte Amerikas, über Vorurteile und Rassismus, über Mystik und das unerträglich Unerklärliche. Nicht umsonst stellt Hari Kunzru seinem Roman ein Zitat von Balzac voran: „Sie sehen, in der Wüste gibt es alles und nichts … es ist Gott ohne Menschen.“

Stand: 06.06.2020, 14:47