Thomas Kunst - Zandschower Klinken

Buchcover: "Zandschower Klinken" von Thomas Kunst

Thomas Kunst - Zandschower Klinken

Von Terrance Albrecht

Thomas Kunst ist in "Zandschower Klinken" ein Buch gelungen, das seine Leserinnen und Leser aus der Welt der Globalisierung mit nimmt auf eine fantasievolle Reise deren Beginn an einem Dorfteich liegt.

Thomas Kunst:  Zandschower Klinken
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
254 Seiten, 22 Euro.

Thomas Kunst - Zandschower Klinken

WDR 3 Buchkritik 09.03.2021 05:01 Min. Verfügbar bis 09.03.2022 WDR 3


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Den Zufall über das Leben entscheiden lassen

Die Weite einer norddeutschen Landschaft. Darin ein Auto, schlangenlinienfahrend in Zeitlupe. Der Fahrer, Bent Claasen, ist auf dem Weg sein weiteres Leben dem Zufall zu überlassen.

"Sein Jahr in Levenhaug ist um. Seine Zeit mit Silje und Weißäuglein ist um. Was er gerade in diesem Erdgeschoss gesehen hat, verändert jäh seine Biographie. Der neue Mann. Die alte Hündin. Das Insulin. Zu Hause liegt nur noch wenig, was an ihn erinnert."

Nach dem Verlust von Frau und Hund will Claasen nur noch weg. Auf dem Armaturenbrett des Wagens liegt das Halsband der verstorbenen Hündin.

"Claasen hat sich vorgenommen, sein Auto so vorsichtig, langsam und gleichmäßig zu bewegen, dass das Halsband so lange wie möglich auf dem Armaturenbrett liegen bleibt. An der Stelle, an der es herunterfällt, will er anhalten und ein neues Leben beginnen. Ohne Musik. Ohne Selbstmitleid. Ohne Ewigkeit und Verantwortung."

Große Fantasiewelt statt ruhigem Dorfroman

Claasen landet in Zandschow, einem kleinen, unscheinbaren Dorf. Treffpunkt ist der Getränkeladen "Wolf". In der Dorfmitte befindet sich ein Feuerlöschteich. Doch wer glaubt, dass das der Beginn eines beschaulichen Dorfromans ist, wird schon bei näherer Betrachtung des Feuerlöschteichs überrascht. Er ist der Ausgangspunkt einer in üppigen Bildern erzählten Fantasie- und Traumwelt die Thomas Kunst in "Zandschower Klinken" erzählt. 

"Den Feuerlöschteich könnte man auch getrost für keinen Feuerlöschteich halten. In der Mitte eine Insel. Bäume und Bänke am Ufer. Michamvi Beach. Zwölf Tische auf der Restaurant-Terrasse. Jede volle Stunde setzt ein Boot zum Eiland über. In den Stoßzeiten bleiben wir lieber am Strand. Wir haben uns angewöhnt, sowohl Frauen als auch Männer an den Tagen, an denen wir dazu neigen, den Indischen Ozean mit unseren Füßen zu betreten, den Indischen Ozean in Zandschow mit unseren Füßen zu betreten."

Das Dorf ist streng strukturiert. So werden jeden Donnerstag zwanzig Plastikschwäne auf dem Teich ausgesetzt. Gefeiert werden die "Lagune-Festspiele" unter künstlichen Palmen. Die Menschen leben in ihrer eigenen Welt und bei "Getränke-Wolf" gibt es freien Internetzugang nach "Sansibar". So holen sie sich ihren Sehnsuchtsort direkt in ihr Dorf. Schnell scheint Claasen in diese Welt integriert zu sein. Ein Leben wie in einem anarchistischen Traum, in dem er seine Verluste verarbeiten kann.

Das Dorf als Fluchtpunkt aus der Einsamkeit

Erzählt wird dieses Buch in einer anekdotischen Form. Es sind kurze Tableaus in denen immer wieder neue Bildgeschichten auftauchen, etwa die vom Leben als Taxifahrer in Kolumbien als Tour de France Fahrer oder als Freibeuter Francis Drake. Bei Claasen stehen diese Geschichten in enger Verbindungen mit den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in der DDR der 70er Jahre, der Trennung seiner Eltern und seines Gefühls "mit mir allein aufzuwachsen". Da spricht eine große Einsamkeit aus seinen Worten.

Thomas Kunst versteht es seinen Helden aus dieser Einsamkeit zu führen in dem er ihm eine große Imaginationskraft verleiht und das Dorf zu einem Fluchtpunkt jenseits aller Globalisierungskämpfe unserer heutigen Welt verwandelt.       

"Unser Lebensmodell ist natürlich nicht lange geheim zu halten. Fotos von falschen Schwänen an der Küste unter Palmen in der Hauptstadtpresse. Die gloriosesten Verheißungen vom Leben auf dem Lande. Freude und Genussfähigkeit, die sich auf Armut und Phantasie gründen, werden als gesellschaftliche Gefahr eingestuft, die ja immerhin darauf hinauslaufen könnte, das Establishment in all seiner politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Überheblichkeit gegenüber der einfachen Landbevölkerung außer Kraft zu setzen. Zandschow ist Sansibar. Und Sansibar ist weder ein paradiesischer militärischer Stützpunkt noch sonst wo. Die wenigsten von uns gehen einer geregelten Tätigkeit nach. Die meisten beziehen Stütze. Wir kriegen die Zeit trotzdem rum. In U-Bahn-Waggons und am Strand. In Turnhallen und auf Sonnenbänken. Wir sind nicht nur benachteiligt. Wir können nichts für unsere Begabung, ein freies Leben zu führen. Wir bleiben jetzt hier."

Lyrische Techniken und ein starkes Plädoyer

Thomas Kunst ist auch Lyriker und liebt das Spiel mit Sprache und Form. Eine in der Lyrik gern angewandte Schreibtechnik setzt er auch in diesem "Roman" genannten Prosatext ein, es ist die Anapher, die Wiederholung, die in der Lyrik ein sehr  gewinnbringendes Stilmittel sein kann. In einem Prosatext über 250 Seiten führt sie manchmal zu Ermüdungserscheinungen beim Leser. Das mindert aber nur wenig die Qualität des Buches, das ein starkes Plädoyers ist: Für ein kreatives Leben, wie es diese sture, freie und eigensinnige Solidargemeinschaft in Zandschow repräsentiert. 

Stand: 08.03.2021, 16:45