Tom Kummer - Von schlechten Eltern

Cover des Buches "Von Schlechten Eltern" von Tom Kummer

Tom Kummer - Von schlechten Eltern

Von Martin Becker

Furchtbar traurig, düster, deprimierend: Tom Kummer zieht in seinem neuen Roman auf beeindruckende Weise alle Register.

Tom Kummer: Von schlechten Eltern
Tropen Verlag, Berlin 2020
245 Seiten, 22 Euro

Tom Kummer: "Von schlechten Eltern" WDR 3 Buchkritik 28.07.2020 04:12 Min. Verfügbar bis 28.07.2021 WDR 3

Furchtbar traurig, düster, deprimierend: Tom Kummer zieht in seinem neuen Roman auf beeindruckende Weise alle Register. Eine Rezension von Martin Becker.

Er fährt, als säße ihm der Tod im Nacken. Jede Nacht, durch die nebelversuppte, leichenblasse Schweiz. Ab und zu links und rechts von der Straße: Menschen, die wie Zombies durch die leere Landschaft wanken. Er fährt und heult. Er fährt und fantasiert. Er fährt und fährt. Sie holen ihn trotzdem ein: die Geister, die Toten, seine Gestorbenen. Oma, Papa, Geliebte. Nimmt eine rote Pille. Wird nicht besser. Nimmt eine blaue Pille. Wird nicht besser. Fährt weiter, bis er stehen bleibt. Und der Morgen? Frisst eh alle Hoffnung auf. Der verdammten Vergänglichkeit fährst du nicht einfach davon.

Tom hat Kummer. Darum geht es bei Tom Kummer. Und nur darum. Tom Kummer, der Protagonist, heißt wie Tom Kummer, der Autor. Tom hat seine Frau an den Krebs verloren. Nachdem sie 10.950 oder 10.951 Tage zusammen waren. Abgehauen ist er aus der Sonne, aus Los Angeles, weg von diesem ewig gleißenden Licht, von dem man nur Ausschlag bekommt. Zurück in die Schweiz. Dort macht er jetzt seinem Sohn das Frühstück, bringt ihn in die Schule, fährt mit ihm Fahrrad, spielt mit ihm Basketball, bringt ihn ins Bett – und wenn die Nacht kommt, dann fährt er. Für einen dubiosen Limousinenservice, der dubiose Diplomaten und Geschäftsleute vornehmlich aus afrikanischen Staaten quer durchs Land kutschiert. Und manchmal in die Schweizer Berge, wo libysche Generäle fröhlich fallschirmlos von Felsen fallen und zerschellen. Toms Fahrerkollegen: Alle posttraumatisch belastet, alle neben der Spur, alle wie er. Die sich in einer Art Fight Club einst getroffen haben, um sich die Traurigkeit aus der Fresse zu schlagen. Nachtgestalten, die keine Ruhe geben, keinen Frieden finden. 

Mehr Handlung ist kaum, mehr Handlung geht kaum: Tom Kummer springt in den Schmerz wie in das eiskalte Wasser des Totensees. Er buchstabiert ihn durch. Sucht händeringend nach Platz für Trauer. Aber da ist kein Platz. Dafür lässt er uns bittere Pillen schlucken. Mal probieren? „Leid kommt in verdammten Wellen. Leid löscht den Alltag aus, macht die Augen blind, wie bei Geisterfahrten. Der Boden zittert. Es kommt auf uns zu, es rast unter uns hindurch, wie eine U-Bahn, und dann ist es wieder fort, angeblich.“

Für sein täglich Leid muss Tom durch lauter Leben, zwangsläufig. Einer seiner Fahrgäste spitzt das Werkzeug, will ihm ein Loch in den Schädel bohren, damit der Druck raus kann aus dem Kessel. Sein einer Sohn will die Apokalypse verhindern und keinen Fisch mehr essen. Sein anderer Sohn hilft einer Illegalen aus der amerikanischen Wüste. Das alles ist nämlich auch noch da: der Klimawandel, die Migrationskrise, das Elend. Tom Kummer erzählt von uns im Hier und Jetzt: In Fragmenten, in Andeutungen, in Vorsehungen, in Halluzinationen. Mit schlanker Sprache, mit fettem Sog. Wie elegant, wie schön ist das –  obwohl gar nichts schön ist. Ab und zu lässt er sie aufglimmen wie die Sterne über der Schweiz: die leise Hoffnung. Wenn er sich hundemüde an seinen Sohn schmiegt und die Liebe zu den Kindern stärker wirkt als alle blauen und roten Pillen dieser Welt zusammen, wenn er an seine Frau denkt, mit der er, o Lord, einfach nur glücklich war und die Welt friedlich und schön.

Tom Kummer, Protagonist wie Autor, setzt alles auf die Trauerkarte. Hat er so gelernt, schon als Junge, als sein Vater starb: „Seither kann ich Erinnerungen löschen, die mich quälen könnten. Aber oft tauchen sie in anderer Form wieder auf.“ Und wir sind dabei. Und dürfen keine Angst vor Pathos haben. Nicht auf seinem Berner Balkon, nicht in seiner aufgemotzten Limousine, nicht in seinen Träumen. Das alles ist nicht ohne, das alles ist eine Zumutung. Viel zu intim, viel zu nah, viel zu persönlich. Kein Wunder, dass das ganze Gefährt immer wieder schlingert und abdriftet, die Kontrolle auf gerader Strecke verliert – sich dann aber doch immer wieder fängt. Mit welcher Konsequenz dieser Kummer uns eng auf die Pelle rückt, wie er dieses nicht zu zähmende Todesding in den Griff bekommt, stilistisch, sprachlich, sowieso: nicht von schlechten Eltern: furchtbar traurig, furchtbar düster, furchtbar deprimierend. Gerade deshalb aber eben auch: furchtbar gut.

Stand: 31.07.2020, 18:14