Moische Kulbak - Die Selmenianer

Moische Kulbak - Die Selmenianer

Moische Kulbak - Die Selmenianer

Von Moses Fendel

Fast vergessen, aber zum Glück wiederentdeckt: der große jiddische Autor Moische Kulbak und sein zauberhafter Schelmenroman "Die Selmenianer".

Moische Kulbak
Die Selmenianer
Aus dem Jiddischen übersetzt und mit Anmerkungen
versehen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme
Die Andere Bibliothek, 2017
400 Seiten
42,00 Euro

Der Rebsehof

"Das hier ist Reb Selmeles Hof, der Rebsehof. Ein altes zweistöckiges Haus mit bröckelndem Putz und zwei Reihen Häuser voller kleiner Selmenianer. Dazu Ställe, Keller, Dachböden. Das Ganze sieht aus wie eine schmale Gasse. Im Sommer lässt sich der kleine Reb Selmele, nur mit langen Unterhosen bekleidet, bei Tagesanbruch als Erster blicken. Mal schleppt er einen Ziegelstein, mal schaufelt er mit ganzer Kraft Mist. Woher kam Reb Selmele? In der Familie erzählt man sich, dass er aus dem tiefsten Russland stammt."

In seinem Roman "Die Selmenianer" erzählt Moische Kulbak die Geschichte einer jüdischen Großfamilie am Stadtrand von Minsk. Sie stehen stellvertretend für das russische Judentum in der frühen Sowjetunion. Die Selmenianer sind einfache, friedfertige Leute, zumeist Handwerker. Selmele ist eine Form von Salomon, was wiederum vom hebräischen Wort "Schalom", also Frieden abgeleitet ist.

Sowjetmacht plus Elektrifizierung

Friedlich ist die Sowjetunion in den Jahren nach der Oktoberrevolution ganz und gar nicht. Im Gegenteil – sie ist ein Land gigantischer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umwälzungen. Das Ziel der Sowjetmacht: einen neuen Menschen zu schaffen. Wehe dem, der nicht begeistert mitmacht beim Aufbau des Sozialismus, bei der Industrialisierung und der Kollektivierung. Die neuen Machthaber führen einen blutigen Kampf gegen echte und vermeintliche Gegner des Sozialismus. Doch in den Städten bringt die Sowjetmacht zumindest auf den ersten Blick technischen Fortschritt. Errungenschaften wie das Radio, das Kino und die Straßenbahn verändern auch die Lebenswelt der Selmenianer. Moische Kulbak beschreibt all dies mit ironischer Distanz. An einigen Stellen des Buches meint man, es mit einem literarischen Vorfahren Wladimir Kaminers zu tun zu haben. Chiffre für die umfassende Modernisierung aller Bereiche des Lebens ist bei Kulbak die Elektrizität, die den Roman wie ein Leitmotiv durchzieht. Eine Anspielung auf den Revolutionsführer Lenin und dessen berühmten Ausspruch: "Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes".

Moische Kulbak

Moische Kulbak

"Damals setzte ein regelrechtes Elektrizitätsfieber ein. Die jungen Selmenianer krochen über feuchte Mauern und Dächer, wickelten Drähte und hämmerten gerade so wie früher – man verzeihe den unpassenden Vergleich – vor dem Laubhüttenfest. Der Hof wurde bis in seine Fundamente elektrifiziert. Aus allen Augen blitzte Elektrizität. In dem von ersten Frühlingsgewittern in nächtliche Finsternis getauchten Viertel am Stadtrand, in dem noch Petroleumlampen die Regel waren, leuchtete der Rebsehof hell wie ein Bahnhof. Die Nachbarn standen an den Fenstern und machten große Augen: – Seht nur, Kinder, zu welcher Größe der Mensch fähig ist!"

Zwischen jüdischer Tradition und sowjetischer Moderne

Die Selmenianer leben permanent in einem Spannungsfeld zwischen jüdischer Tradition und sowjetischer, säkularer Moderne. Jede der zahlreichen Figuren geht mit dieser Situation auf ihre Weise um. In diesem Punkt trägt der Roman autobiografische Züge, denn auch Kulbak lebte und arbeitete in diesem Spannungsfeld. 1928 ging er aus dem damals polnischen Wilna ins sowjetische Minsk – vermutlich, weil er an den Sozialismus und die gesellschaftliche Emanzipation des Judentums in der Sowjetunion glaubte. Sich äußerlich anpassen, assimilieren, um die kulturelle Identität zu bewahren oder wenigstens in Frieden leben zu können. Diese für die Geschichte der Juden immer wieder bedeutsame Strategie wird im Buch besonders deutlich im Gespräch zwischen einem Onkel und seinem Neffen:

"Versteh doch, ein junger Mann soll sich nicht absondern von den anderen. Du wirst Bolschewik, marschierst mit der Fahne, sagst, was sie hören wollen […] und ab und zu tust du einem Juden etwas Gutes. So wirst du auch von den Unsrigen geschätzt. Du bist Gott sei Dank gebildet, schreibst, kannst erklären, warum also ihnen nicht zeigen, dass sie im Irrtum sind?"

Ein zauberhafter Roman

Die Hoffnung der Juden, dass sich ihr Leben unter der Sowjetmacht verbessern würde und sie ihre Identität bewahren könnten, erfüllt sich nicht. Kulbak lässt seinen Roman mit einem sozialistischen Schauprozess gegen die Selmenianer und der physischen Vernichtung ihrer Heimat, des Rebsehofs, enden.

Kulbaks Sprache ist eigenwillig: plastisch, bildhaft und poetisch. Der Roman folgt keiner streng chronologischen Erzählweise. Auch vor Wiederholungen scheut Kulbak nicht zurück. Stilistisch orientiert er sich an der Neo-Romantik und am Symbolismus. Damit steht er in Opposition zum von den Machthabern geforderten Ideal des sozialistischen Realismus, der volksnah und optimistisch sein sollte. Kulbak hält mit Satire dagegen. Dadurch sind "Die Selmenianer" trotz des melancholischen Grundtons und des traurigen Themas zugleich ein witziges Buch. Ein zauberhafter Roman. Und ein Stück Weltliteratur – fast vergessen, aber zum Glück wiederentdeckt.

Einen Wermutstropfen gibt es dennoch: Mit 42 Euro ist das Buch ungewöhnlich teuer. Die ansprechende graphische Gestaltung tröstet darüber zumindest teilweise hinweg und macht die Lektüre zu einem rundum ästhetischen Erlebnis.

Stand: 09.02.2018, 13:32