Sigismund Krzyzanowski - Münchhausens Rückkehr

Sigismund Krzyzanowski - Münchhausens Rückkehr

Sigismund Krzyzanowski - Münchhausens Rückkehr

Von Wolfgang Schneider

Der erst posthum entdeckte Schriftsteller Sigismund Krzyzanowski lässt in seinem erstmals übersetzten Roman den Baron Münchhausen wiederauferstehen. Der Lügenbaron reist ins Reich der sozialistischen Wahrheit: die Sowjetunion der frühen zwanziger Jahre.

Sigismund Krzyzanowski
Münchhausens Rückkehr

Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg
und mit einem Nachwort von Thomas Grob
Dörlemann, Zürich 2018
240 Seiten
22 Euro

Der Phantast trifft auf die Utopie

Was hat der Baron Münchhausen nicht alles erlebt in Russland, damals im achtzehnten Jahrhundert. Etwa das Abenteuer mit seinem Pferd, das eines Morgens an der Kirchsturmspitze hing. Am Abend hatte er es im tiefen Schnee an einem vermeintlichen Pfahl festgebunden, und dann hatte es über Nacht zu tauen begonnen. Im Roman von Sigismund Krzyzanowski kehrt Münchhausen nun zurück – ganz allgemein und im Besonderen nach Russland. Er erzählt von seinen Erlebnissen in der Sowjetunion der frühen zwanziger Jahre, dem Land, in dem die Raben nicht mehr "Kra!", sondern "Hurra!" rufen. Der Phantast trifft auf die Utopie, der Lügenbaron auf die sozialistische Wahrheit.

Wie er dorthin kommt? Eine Kanonenkugel als Transportmittel, das ist mittlerweile veraltet. Der Fortschritt hat jedoch seine Tücken:

"Eine moderne Granate lässt sich nicht so einfach besteigen wie die schwerfälligen gusseisernen Bomben von früher. Zugegebenermaßen gelang es mir erst nach zwei erfolglosen Versuchen, mich auf den summenden Stahl zu schwingen."

Sigismund Krzyzanowski - Münchhausens Rückkehr

WDR 3 Buchrezension | 12.02.2019 | 05:54 Min.

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Schein und Sein & weshalb der Zug nicht vorankommt

Vor diesem kühnen Ritt gibt es eine längere Vorgeschichte, die in Berlin beginnt. Mit einem deutschen Dichter namens Unding führt Münchhausen philosophische Gespräche über Schein und Sein. Dann treffen wir ihn in London wieder, wo sein Häuschen umrankt ist von den legendären Superbohnen, auf deren rasant wachsenden Trieben er einst bis zum Mond hinaufstieg, weshalb es "das verrückte Bohnen-Cottage" genannt wird. In der Royal Society hält er schließlich unter großem Applaus seinen Vortrag über die Reise ins Sowjetparadies.

Er erzählt von einem Zug, dessen Lokomotive nicht mit Kohle, sondern mit Büchern geheizt wird. Ins Feuer mit dem alten bürgerlichen Denken! Nur ist der Heizer der Lok ein entlassener Professor, der sich in jedem Buch festliest, bevor er es in den Kessel wirft. Weshalb der Zug nicht vorankommt. Als Münchhausen mit einem Taxi fahren will, bittet der Chauffeur erst einmal um ein "Milliärdchen" – ein Hinweis auf die Hyperinflation, die die frühe Sowjetunion heimsuchte. Auf den Bürgerkrieg folgte zudem eine Hungerkatastrophe, und wenn Münchhausen berichtet, schlichtweg alles sei aufgegessen worden, sogar die "Zwiebeltürme", dann ist das mehr als Wortspiel. Es ist eine Anspielung auf die vielen orthodoxen Kirchen, die im Zeichen des offiziellen Atheismus abgerissen wurden. Über die Hungersnot heißt es weiter:

"Die Lebensmittelläden waren zugenagelt, und vor den mit gemalten Schinkenkeulen, Wurstgirlanden und Radieschengewinden verzierten Aushängeschildern drängten sich massenweise Leute, die sich vom Anschauen ernährten. In wohlhabenderen Häusern speiste man unter Beachtung althergebrachter kulinarischer Traditionen. Bei Tisch servierte man als ersten Gang ein Stillleben der niederländischen Schule mit der Darstellung von allerlei Köstlichkeiten…"

Der Inhalt seiner Schubladen

Sigismund Krzyzanowski - Münchhausens Rückkehr

Sigismund Krzyzanowski

Wenn ein Schriftsteller nie erlebt, dass eines seiner Werke veröffentlicht wird, ist das einerseits erschütternd. Andererseits überlebte Krzyzanowski wohl nur deshalb, weil er nichts veröffentlichte und dem stalinistischen Terror keine Angriffsfläche bot. Wenn man nun diesen satirischen Roman liest, kann man nur feststellen: Gut dass zu Zeiten der Säuberungswellen niemand den Inhalt seiner Schubladen genauer überprüft hat.

Krzyzanowskis Münchhausen erhält Einblicke in die sowjetische Wissenschaft und das dortige Theater. Die Sowjetunion, resümiert er, sei ein Land, das solche Fakten hervorbringt, dass den Phantasmen das Nachsehen bleibe. Eigentlich keine gute Geschäftsgrundlage für einen Lügenbaron.

Dieser Autor ist ein Formspieler

Das alles liest sich gewitzt, auch wenn sich die feinsinnigen Anekdoten und satirischen Schlaglichter nicht zu einem Gesamtbild der frühen Sowjetunion fügen; alles Reportagehafte liegt Krzyzanowski fern. Stattdessen entwickelt eine hybride Erzählweise, in der sich zeitkritische Anekdote, Phantastik, philosophische Reflexion und intertextuelle Artistik verbinden. Dieser Autor ist ein Formspieler und allenfalls in zweiter oder dritter Linie ein Regimekritiker. In einem Kapitel erzählt Münchhausen von seiner Freundschaft mit dem Sultan des Osmanischen Reichs, damals im achtzehnten Jahrhundert. Dabei ging es auch um eine völkerverbindende Eisenbahnlinie zwischen dem Orient und seiner Heimatstadt Bodenwerder. Münchhausen als Erfinder der Bagdadbahn... Nur leider, das Projekt hatte den Schönheitsfehler, ins falsche Jahrhundert geraten zu sein.

"Aber warum machten Sie auf halbem Wege halt?“, entfuhr es jemandem unbedacht. Weil, der Baron wandte sich der Stimme zu, zu jener Zeit die Eisenbahn, verstehen Sie, noch gar nicht erfunden war. Ganz einfach."

Ein Mann, der hintersinnige Paradoxien liebt

Man sieht, dieser zurückgekehrte Münchhausen ist nicht mehr der selbstherrliche Aufschneider von einst, sondern ein Mann, der hintersinnige Paradoxien liebt. Er hadert mit dem Starrummel um seine Person und debattiert mit einem Mathematiker über Wahrscheinlichkeitstheorie, wobei er die These aufstellt, dass Menschen eben keine ganzen Zahlen, sondern gewissermaßen wandelnde Brüche seien. So gesehen ist diese gewitzte, von Dorothea Trottenberg geschmeidig übersetzte Münchhausiade ein Buch über die Unvollkommenheit der Welt. Münchhausen zieht es am Ende vor, aus ihr zu verschwinden. Er steigt zurück in das Buch, aus dem er gekommen ist.

Stand: 11.02.2019, 12:00