Brigitte Kronauer - Das Schöne, Schäbige, Schwankende

Brigitte Kronauer - Das Schöne, Schäbige, Schwankende

Brigitte Kronauer - Das Schöne, Schäbige, Schwankende

Von Insa Wilke

Ihr naht euch noch einmal, schwankende Gestalten! Mit letzten Romangeschichten über "einfache" Menschen hinterlässt Brigitte Kronauer ein gewichtiges Vermächtnis.

Brigitte Kronauer
Das Schöne, Schäbige, Schwankende

Romangeschichten
Klett-Cotta, Stuttgart 2019
596 Seiten
26 Euro

Romangeschichten

Am Anfang steht ein Haus mit "blauen Schlagläden". Am Ende der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald mit seinen Tafeln. Am Anfang von "Das Schöne, Schäbige, Schwankende" erfährt eine Schriftstellerin namens Charlotte in jenem Haus mit den blauen Schlagläden die "Wirkung ungewohnter, strikter Einsamkeit". Am Ende erfindet diese Schriftstellerin einen alten Herrn und sein letztes Lebensglück, bevor er zurücksinkt in die wohl einsamste aller Lebensphasen, die letzte.
Unauffällig verbinden sich die "Romangeschichten", wie der Untertitel heißt, den Brigitte Kronauer ihrem Buch gegeben hat, zu einer einzigen Erzählung. Zu einem Roman aus Mini-Romanen, ähnlich wie es auch Christoph Ransmayrs im "Atlas eines ängstlichen Mannes" gemacht hat und dazu sagte, er habe nicht ausreichend Lebenszeit, um all die Romanideen umzusetzen, die er im Kopf habe. Bei Kronauer entwickeln sich zwischen dem Haus mit den blauen Schlagläden und dem Isenheimer Altar jedenfalls keine glamourösen Handlungen. Aber das ist ja Absicht, wie man der längeren Erzählung "Sonst bürste ich dir die Lippen blutig" entnehmen kann, in der Charlotte lakonisch sagt:

"Wer aber die blitzschnellen, geheimen Vorgänge zwischen den Individuen und die widersprüchlichen in sich selbst ans Licht befördert, die schließlich die Handlung erzeugen – egal ob eine Ehe oder ein ganzes Volk drauf geht -, den sieht man an wie jemanden, der im aktuellen Jahrtausend Mache für Masche Topflappen strickt.
Ich setze mich seufzend an den Schreibtisch, schrieb eine Reihe von Wörtern extra falsch, las sie mir vor und versuchte, mich kaputtzulachen. Ab und zu brauche ich das. Es ist eine Rache am beinhart Richtigen."

Vogelgeschichten

Porträt Brigitte Kronauer

Brigitte Kronauer

"Glamouröse Handlungen" soll eigentlich das Buch heißen, an dem Charlotte schreibt, um ihre narrative Potenz unter Beweis zu stellen. Es gelingt aber nicht. Dafür flattern die Seiten. Sie flattern und vibrieren und tirillieren, weil so viel Leben in ihnen steckt. "Vogelgeschichten", die fallen Charlotte nämlich ein, wenn sie in "barscher, strohiger, oft chaotischer Landschaft" rund um jenes Haus mit den blauen Fensterläden unterwegs ist.

"Die Vögel formierten sich auf diesen Gängen zu einer imaginären Tapete. Richtig, sie tapezierten zunehmend die Wiesen, musterten unverschämt die Wolken und starrten mich herausfordernd an."

Am Ende bleibt etwas Unerhörtes

Die Herausforderung sind die Menschen, die Charlotte in den Vögeln wiedererkennt. Ob Wasseramsel, Sonnensittich oder Spatzenmännchen, sie alle ähneln jemandem, inspirieren Brigitte Kronauers Alter ego Charlotte und erinnern sie an Begegnungen. An Erlebtes, nicht an Erfundenes. Dabei entstehen fantastisch altmodische, großartig lebenskluge und fein erzählte Geschichten, eigentlich Novellen, denn am Ende bleibt etwas Unerhörtes, das bei Kronauer immer sowohl in der Beobachtung als auch in der bewusst artifiziellen Sprache liegt, die nicht immer zu ihren Figuren zu passen scheint. Die Kunst und ihr Betrieb bekommen es dabei besonders ab. In der Geschichte „Der Höfling“ widmet Kronauer alias Charlotte dem Dompfaff ihre spitze Feder. In ihm erkennt sie den Schriftsteller Triegel.

"Er beherrschte die Gepflogenheiten der Kulturbranche wie geschmiert. Es war ein Furor des Verneigens, eine Raserei, bis er das plötzlich abbrach, stillstand mit starrer Miene und in Zitaten sprach. Er hatte es gar nicht nötig, einen eigenen Satz auszudenken."

Die Einsamkeit der Menschen

Wenn es um den Spott über die Hybris und Heuchelei der Kunstszene geht, sind Pointen leicht zu holen. Brigitte Kronauer ist sich dafür nicht zu schade, das passt zu ihrer souveränen Virtuosität, mit der sie das kokett kaschierte Derbe mit einer manchmal wohl bewusst manierierten Originalität zu kombinieren weiß. Ihre Satiren wirken geradezu galant. Trotzdem gibt es noch stärkere Stücke als die Kunst-Betriebsgeschichten. Das sind die, die sich den Langsamen widmen. Zum Beispiel dem Gärtner, der zum Erzählen Anlauf nehmen muss und dessen Sätze wie Schritte in "schweren Arbeitsstiefeln" wirken. Das ist so eine Kronauer-Formulierung, die man voll Behagen und glücklich liest, wie auch die unerhörte Begegebenheit, die sich mit diesem Gärtner abspielt. Es geht dabei nur um eine Geste, und das ist die Kunst von Brigitte Kronauer: das Gespür für deren Bedeutung und die Fähigkeit, sie skizzenhaft für die Leser-Imagination zu entwerfen. Dem Gärtner ist die Erzählerin immer mal wieder begegnet. Als sie ihn nach längerer Abwesenheit im Botanischen Garten wiedersieht, zieht er seinen Handschuh aus, um ihr die Hand zu geben, sie aber versteht zu spät die Bedeutung seiner Geste und der Moment ist vorbei. Der Titel "Das Schöne, Schäbige, Schwankende" suggeriert ein strenges Erzählprinzip, das auch benannt wird. Durch drei Entwicklungsstufen wolle die Schriftstellerin ihre Figuren schicken. Letztendlich geht es aber um etwas anderes: wie Brigitte Kronauer noch einmal die Einsamkeit der Menschen in den Blick nimmt. Und das ist nicht nur ein literarisches Vermächtnis.

Stand: 08.08.2019, 13:37