Buchcover: "Gehen. Träumen. Sehen. Unter Bäumen" von Ursula Krechel

"Gehen. Träumen. Sehen. Unter Bäumen" von Ursula Krechel

Stand: 06.03.2022, 14:23 Uhr

Ein weiter Kosmos: In dem Essayband "Gehen. Träumen. Sehen. Unter Bäumen" erweist sich Ursula Krechel einmal mehr als poetische Spurensucherin, als genaue Leserin und einfühlsame Beobachterin, die über Casanova ebenso eindrücklich zu schreiben versteht wie über den Pfarrer Korbinian Aigner.
Eine Rezension von Ulrich Rüdenauer.

Ursula Krechel: Gehen. Träumen. Sehen. Unter Bäumen
Jung und Jung, 2022.
464 Seiten. 30 Euro.

"Gehen. Träumen. Sehen. Unter Bäumen" von Ursula Krechel

Lesestoff – neue Bücher 09.03.2022 05:01 Min. Verfügbar bis 09.03.2023 WDR Online Von Ulrich Rüdenauer


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In einem früheren Buch, dem Essay-Band „Stark und leise“ über künstlerische Pionierinnen, nennt sich Ursula Krechel im Nachwort eine „chronische Spurwechslerin“. Kritikerin war sie und Dramaturgin, Literaturwissenschaftlerin und Dozentin, Dichterin ist sie und Erzählerin, und das alles manchmal in fliegendem Wechsel. Auch als Essayistin tritt sie in Erscheinung, und der Essay ziehe sie zuweilen in Zeiten an, in denen etwas „untergründig“ geschehe. Etwas, das noch keine Form habe, vielleicht noch nicht einmal eine spezifische Form suche. In ihrem neuen Buch „Gehen. Träumen. Sehen. Unter Bäumen“ fasst sie noch einmal genauer, was den Essay für sie so verlockend macht.

„Er entfaltet sich in einer fortschreitenden Denkbewegung, nicht über theoretische Prämissen, er ist schneller als eine wissenschaftliche Untersuchung, langsamer als ein Text, der für den Tag geschrieben ist und eine klare Mitteilungsfunktion hat. Er ist Denkbild, Wahrnehmungsfilter, eine Instanz dieses Prüfens, angesiedelt im DAZWISCHEN, dem Ort der Versuche, dem Ort der Versuchung, Ausschweifung und Engführung zugleich.“

Kein Zufall, dass diese Charakterisierung des Genres im Großkapitel „Gehen“ zu finden ist, das wiederum in kleinere Einheiten unterteilt vom „wandernden Blick“ handelt, von „Schnelligkeit, Beschleunigung und Plötzlichkeit“, von der Gangart des Abenteurers Casanova und dem Vergehen der erzählten Zeit allgemein. Der Essay ist nämlich eine bewegliche, wendige Form. Freilich auch eine, die mit dem Träumerischen verwandt ist und die dem Träumen – Initiationsträumen und Tagträumen, dem Träumen in Diktaturen – auf die Spur kommen kann.

Wo die Augen beim Träumen sich dem Innersten zuwenden, richten sie sich im Wachzustand auf die Welt. Da wären wir in der nächsten Abteilung des Essay-Bands, beim Sehen. Ursula Krechel ist hellsichtig und mit einem neugierigen, unbestechlichen Blick gesegnet – gerade auch, wenn sie sich mit Schriftsteller-Kolleginnen und Kollegen beschäftigt. Da finden sich neben klugen literarischen Erkundungen und Porträts von Daniil Charms oder Federico García Lorca mitunter ein paar kleine autobiographische Splitter. Etwa, wenn sie davon berichtet, wie sie als junge Frau mit Rolf Dieter Brinkmann ein Nicht-Interview führte und von dessen Radikalität einerseits fasziniert war, ihr zugleich aber mit gesunder Skepsis begegnete. Oder sie erinnert sich an ihre Zeit in Berlin-Friedenau Anfang der 70er Jahre, damals der Hotspot der deutschsprachigen Literatur – hier kam sie als junge Autorin Günter Grass nahe oder Hans Magnus Enzensberger, vor allem aber dem distanziert bleibenden, strengen, fast pedantischen Uwe Johnson.

„Uwe Johnson stellte keine Fragen – im Gegensatz zu den anderen, ja, ich denke sogar, dass er es vermied, mich persönlich anzusprechen. Es schien mir, dass alles, was zwischen Männern und Frauen blitzen und prickeln kann, ihm versagt blieb. Er stellte Sätze in den Raum, beobachtete den Raum, fing Bälle auf und schoss sie überraschend zurück. Je länger Johnson in der Nacht trank, umso steifer, umso massiger wurde er, eine in sich ruhende, energetische Masse. Er kam allein, ging allein, wenn man ihn nicht zu weiterem einlud.“

Zuletzt sitzen wir in Krechels  immer anregenden, assoziationsreichen, belesenen Essays noch unter Bäumen, zusammen mit dem von den Nazis gegängelten Pfarrer und Obstkundler Korbinian Aigner oder dem Lyriker und Übersetzer Michael Hamburger, der sie durch sein „Natur-Antiquariat“ führt…

 „… darin leben lauter Apfelsorten, die längst ausgestorben sind.“

Die meisten der in „Gehen. Träumen. Sehen. Unter Bäumen“ versammelten Essays, sind in den letzten 20 Jahren bereits verstreut in Zeitschriften oder Anthologien veröffentlicht worden. Wie sie miteinander in Beziehung stehen, miteinander sprechen, ineinandergreifen, das zeigt sich aber erst jetzt.