Christian Kracht - Eurotrash

Buchcover: Christian Kracht - Eurotrash

Christian Kracht - Eurotrash

Von Jakob Stärker

"Eurotrash" ist die Fortsetzung von Christian Krachts Roman "Faserland". Ein lohnendes Buch, welches einen kompletten Gegenentwurf zu seinem bisherigen literarischen Œuvre darstellt.

Christian Kracht: Eurotrash
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021.
224 Seiten, 22 Euro.

Christian Kracht: "Eurotrash"

WDR 3 Buchkritik 02.03.2021 05:34 Min. Verfügbar bis 02.03.2022 WDR 3


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Ein namenloser Protagonist kehrt zurück

Vor 25 Jahren begab sich im Roman "Faserland“ ein namenloser Protagonist auf eine Reise durch Deutschland. Der Ich-Erzähler ist ein wohlstandsverwahrloster, snobistischer, ignoranter Mensch, der mehr Wert auf die Farbe seiner Barbour-Jacke legt als auf die Beziehung zu anderen Menschen. Selbst enge Freunde lässt er in depressiven Momenten allein und klaut lieber ihren Porsche.

Und heute, 25 Jahre später in "Eurotrash", schlendert dieser Mensch in Zürich durch die abendliche Einkaufsmeile. Er sieht einen improvisierten Verkaufsstand, an dem selbstgestrickte Decken und Pullover einer Kommune verkauft werden:

"Diese einfachen Wollsachen waren mir neben den in den Schaufenstern der inzwischen lange geschlossenen, aber immer noch hell erleuchteten Boutiquen der Bahnhofstraße ausgestellten Kleidungen auf anheimelnde Art authentisch erschienen, wie mir auch das Lächeln der beiden Verkäuferinnen von, ja man muss es so sagen, von Realität und von Sinn durchdrungen erschienen war."

Wurde sein Debütroman „Faserland“ für seine unzähligen Markennennungen als Meilenstein einer zweiten Welle der Pop-Literatur gefeiert, interessiert sich "Eurotrash" jetzt für selbstgestrickte Wollpullis statt für Barbour-Jacken?

Mit der alkoholkranken Mutter geht es in die Schweiz

Überhaupt scheint ein Vierteljahrhundert später einiges anders. Kracht nennt sich selbst namentlich, erzählt freimütig von seiner – realen – Familiengeschichte und – reist nicht alleine orientierungslos durch Deutschland, sondern mit seiner alkoholkranken und psychisch instabilen Mutter durch die Schweiz.

Aus einer spontanen Eingebung packt er mehrere Flaschen Wodka, diverse Beruhigungstabletten und die Mutter ein und sie fahren mit dem Taxi los, um Mamas Vermögen, welches sie durch Aktienbeteiligung an Waffenunternehmen erwirtschaftet hat, möglichst sinnfrei unter die Menschen zu bringen. Zunächst landen Sie in der Kommune, die Kracht eben jenen Wollpullover verkauft hat. Der dort anwesende Gastgeber und die Kommune scheinen Anhänger einer esoterischen, rechten Bewegung zu sein:

"Der Mann, der eigentlich ganz freundlich war, aber auch auf eine intensive Art abstoßend, erzählte schließlich etwas von einer neuen germanischen Medizin, die Hamer senior entwickelt habe, und nur diese könne den neuen Menschen schaffen, daran würde man gemeinsam arbeiten, an der Arretierung des Krebses auf germanische Weise. Er lächelte mit seinen gelben Zähnen. In diesem Augenblick beschloss ich, dass wir diesem Menschen und dieser Kommune das Geld auf keinen Fall schenken würden."

Die Auseinandersetzung mit der familiären Geschichte

Weiterreise von einer skurrilen Begegnung zur nächsten. Von der esoterischen Nazi-Kommune zu drei indischen Touristinnen, die Mutter Kracht für Hexen hält, die ihre Almosen nicht annehmen wollen oder ein Privatjet-Pilot, der versucht Mutter und Sohn auszurauben.

Das Interessante an "Eurotrash" ist aber viel mehr diese neue, persönliche Seite von Kracht. Diese, auch literarische, Umkehr von einem komplexbehafteten, nur auf Konsum von Luxusgütern ausgerichteten Menschen hin zu einer reflektierten, kritischen und beinahe karitativen Figur.

Gab es in "Faserland" nur Monologe, debattieren Mutter und Sohn hier ausführlich über ihre eigene Vergangenheit, reflektieren ihre Beziehung zueinander. Wurde dem Debütroman vorgeworfen den Nationalsozialismus zu relativieren, wird hier besonders die Erbschuld der eigenen Familie kritisch hervorgehoben.

Eine Versöhnung mit dem früheren Ich

Ist "Eurotrash" also ein reumütiger Bericht über die Läuterung, die Kehrtwende des, ja man darf es so fragen, Autors Christian Kracht? Auf die Frage der Einheit von Ich-Erzähler und Autor in seinem Debütroman gibt Kracht im Buch vermeintlich selbst eine Antwort:

"Der Ich-Erzähler, also ich, sollte bevorzugt die Eagles hören, das hatte ich mir so bei Bret Easton Ellis abgeschaut. Das hatte mich sehr, sehr beeindruckt damals, weil ich, also das wirkliche Ich, nämlich die Eagles schrecklich fand, weil ich ja Jodphurhosen und hennagefärbte Haare und Kajalstift unter den Augen und Airspun Soft von Coty im Gesicht trug und Sobranies rauchte und nicht nur die Eagles schrecklich fand, sondern auch Menschen, die die Eagles mochten. […] Na jedenfalls, und jetzt komme ich drauf, waren die Figur und die Monologe, denn Dialoge kamen in dem Buch ja gar nicht vor, so glaubhaft, dass die Leser von Faserland dachten, das sei tatsächlich ich, der da so schrieb."

Auch wenn Christian Kracht die Einheit von Ich-Erzähler und Autor abstreitet: Es scheint, als wolle er sich in "Eurotrash" mit seinem eigenen literarischen Werk und seinem früheren Ich versöhnen. Die Reise als Selbstfindungsprozess. Die Mutter bleibt dabei ihrem Sohn gegenüber skeptisch. Gibt Kracht sich vernünftig, geläutert und weise, hält seine Mutter ihm den Spiegel vor:

"'Du meinst, ich wüßte nicht, was Du dir von dieser Reise versprichst? Das hast Du doch gestern Nacht gesagt, im Schlaf, Katharsis hast Du gesagt, es werde zu einer Läuterung zwischen uns beiden kommen, hast Du gesagt, wenn Du nur in Bewegung bleiben würdest mit mir. Deine Mutter. Nimmst sie mit in ein bürgerliches Theaterstück, Tragödie mit komödiantischen Elementen, Hauptdarstellerin yours truly. Verspricht ihr wer weiß was, weil sie sich ja ständig betrinken muss und Tabletten schlucken vor unaushaltbaren Schmerzen. Und schiebt dann alles auf die Schweiz, die Nazis und den Zweiten Weltkrieg.'"

Ein abenteuerliches Lesevergnügen mit skurrilen Dialogen

Geraten literarische Fortsetzungen selten gut, schafft es Kracht vermeintliche Antworten zu geben, die neue Fragen aufwerfen. "Eurotrash" ist nicht die Fortsetzung, es ist auch nicht das literarische Gegenstück, was es vorgibt zu sein. Was es ist, bleibt unklar.

Genau deswegen ist es so gut. Es macht Freude Kracht bei seiner Verwandlung, den skurrilen Dialogen mit seiner Mutter und abenteuerlichen Geschichten zu folgen, stets in dem Misstrauen, dass in 25 Jahren ein Buch erscheint, in dem Kracht behauptet, es wäre ja doch alles anders gewesen.   

Stand: 28.02.2021, 20:33