Julia Korbik - Bonjour Liberté

Buchcover: Julia Korbik - Bonjour Liberté

Julia Korbik - Bonjour Liberté

Von Dina Netz

Die französische Schriftstellerin Françoise Sagan, die mit 18 Jahren ihren ersten Roman "Bonjour Tristesse" vorlegte, ist ein Mythos. Julia Korbik nähert sich der Legende in einer sehr gut lesbaren Biografie.

Julia Korbik: Bonjour Liberté
Hanser Berlin, Berlin 2021.
302 Seiten, 20 Euro.

Julia Korbik: Bonjour Liberté

WDR 3 Buchkritik 05.05.2021 06:02 Min. Verfügbar bis 05.05.2022 WDR 3


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Die Legende um Françoise Sagan

Das Leben Françoise Sagans hatte durchaus auch tragische Aspekte. Als Schriftstellerin wurde sie meist auf ihr Debüt "Bonjour Tristesse" reduziert, das sie mit gerade einmal 18 Jahren veröffentlichte. Sie war alkohol- und drogenabhängig, verwickelt in Finanzskandale und auf Bewährung verurteilt wegen Steuerhinterziehung. Die legendäre Autorin und Ikone einer Generation starb 2004 verarmt.

Die Publizistin Julia Korbik verschweigt diese Seite Françoise Sagans in ihrem Buch "Bonjour Liberté" durchaus nicht. Ihr Fokus liegt aber anderswo: Korbik konzentriert sich auf die frühen Lebensjahre und versucht, die Legende zu ergründen, die "die Sagan" bis heute darstellt. Im Vorwort schreibt Julia Korbik:

"Diese Legende entstand in den 1950er Jahren. In dieser Zeit wurde Sagan zum Gesicht eines neuen Frankreichs; einer Generation, die als Kinder den Zweiten Weltkrieg miterlebt und nun genau ein Ziel hatte: sich in die Zukunft zu werfen, ungehemmt, frei und furchtlos. In den Jahren zwischen 1950 und 1960 wurde aus einem Mädchen, das heimlich davon träumte, berühmt zu sein, ein lebender Mythos. Aus der 1935 geborenen Françoise Quoirez, Tochter einer großbürgerlichen Familie, wurde Françoise Sagan, eine Skandalschriftstellerin."

Wie es dazu kam, davon erzählt Julia Korbik in ihrer gründlich recherchierten, leicht und flüssig geschriebenen Biografie.

Kindheit und Studium in Paris

Am 21. Juni 1935 wird Françoise Quoirez im Südwesten Frankreichs geboren. Mit Ausnahme der Kriegsjahre wächst sie in Paris auf, in einer bürgerlichen Familie. Die Eltern lassen ihrem Nesthäkchen viel durchgehen. In der Schule ragt Françoise mehr durch ihren Humor und ihr aufsässiges Verhalten heraus als durch gute Noten. Schon als Jugendliche liebt sie ihre Freiheit. Per Nachprüfung schafft sie dennoch das Abitur.

Ihr Studium verbringt sie allerdings weniger an der Sorbonne, um Vorlesungen in Literaturwissenschaft und Philosophie zu hören, sondern in den Bars und Cafés von Saint-Germain-des-Prés, wo sich nicht nur die lebenshungrige junge Generation trifft, sondern auch das literarische und geistige Leben Frankreichs. Zum eigenen Schreiben wird Françoise Sagan aber schließlich durch ihre Lektüren animiert, vor allem durch die Bücher von Marcel Proust.

Ihr erster Roman wird zum Publikumsliebling

Im März 1954 erscheint Françoise Sagans Debüt "Bonjour Tristesse": die Geschichte der 17-jährigen Cécile, die den Sommer mit ihrem Vater und seiner Geliebten verbringt, sich langweilt und eine fatale Intrige spinnt. Der Verleger René Juillard lanciert keinerlei Werbekampagne, die Zeitungen schweigen sich aus über das Buch. Trotzdem entwickelt sich das Debüt einer 18-Jährigen innerhalb kurzer Zeit zum Publikumsliebling. Julia Korbik charakterisiert "Bonjour Tristesse" in wenigen, sehr treffenden Sätzen so:

"Eine leise Melancholie durchzieht die Seiten, ein Geruch von salzigem Meer und warmem Sand, von zufriedener Trägheit und tiefem Verrat. Françoises Sätze haben einen Rhythmus, eine Melodie, sind leicht und schwebend."

Zur Legendenbildung um Françoise Sagan trug nicht nur ihr unkonventioneller Lebensstil mit schnellen Autos und wechselnden Beziehungen bei, sondern auch, dass viele sie mit der rebellischen Protagonistin ihres Debüts gleichsetzten.

Biografie, Roman und fesselndes Zeitdokument

Biografien über Françoise Sagan gibt es viele. Julia Korbik hat es geschafft, ein so informatives wie fesselndes Buch über die frühen Jahre einer legendären Schriftstellerin zu schreiben, das sich locker und selbst fast wie ein Roman liest.

Korbik legt mit "Bonjour Liberté" aber auch ein packendes Zeitdokument vor. Denn der Mythos Françoise Sagan wäre nicht denkbar ohne die Epoche, in der sie lebte:

"Françoise wird zum Prototyp der hedonistischen Jugendlichen, der freien jungen Frau, zum Sprachrohr einer wachsenden Gegenkultur. Sie ist, auch dank ihres Erfolgs, frei und unabhängig in einem Moment, wo junge Frauen es in der Regel nicht sein können. Außerdem passt sie wunderbar zum Zeitgeist, zu einem Land, das gerade einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und die schweren Jahre des Kriegs endlich hinter sich lässt. Man sehnt sich nach Ablenkung und Unterhaltung, und zunehmend ist auch die Kaufkraft da, sich diese zu leisten. Françoise verkörpert die Sehnsüchte und Hoffnungen einer ganzen Generation."

Sagan als "personifiziertes Schulterzucken"

Julia Korbik, die schon mehrere feministische Bücher vorgelegt hat, porträtiert diesmal also eine Frau, die eher nolens volens zum emanzipatorischen Vorbild wurde. Sie zeichnet in "Bonjour Liberté" auch die weitere Karriere Françoise Sagans kursorisch nach. Dieser Teil wäre vielleicht verzichtbar gewesen, denn im Grunde erzählt sie nur noch von der weiteren Arbeit am Mythos, der Sagan seit dem Erscheinen ihres Debüts bereits ist.

Korbik holt die Autorin vom Sockel, indem sie überzeugend die Faktoren zusammenträgt, die diese Legende begründeten. Doch lässt Julia Korbik es zu keinem Zeitpunkt an Respekt mangeln. Wiederum im Vorwort schreibt sie:

"Françoise Sagan ist ein personifiziertes Schulterzucken. Ein lässiges 'Na und?' Warum so sein wie alle anderen, wenn man einzigartig sein kann? Warum sich mit dem monotonen Alltag abfinden, wenn es doch so viele Möglichkeiten gibt, sich das Leben schöner zu machen? Ich habe das Gefühl, dass ich von Sagan noch einiges lernen könnte, nicht nur, was savoir vivre angeht: Zum Beispiel, dass Humor manchmal tatsächlich die beste Waffe ist, dass man sich seine Kämpfe sorgfältig aussuchen sollte und dass am Ende zählt, was man wirklich getan hat."

Stand: 02.05.2021, 14:05