Niklas Luhmann - Die Kontrolle von Intransparenz

Niklas Luhmann - Die Kontrolle von Intransparenz

Niklas Luhmann - Die Kontrolle von Intransparenz

Von Brigitta Lindemann

Aus den Systemen funkt die Anarchie: Ein Band mit letzten Aufsätzen des großen Gesellschaftstheoretikers Niklas Luhmann erscheint.

Niklas Luhmann
Die Kontrolle von Intransparenz
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Dirk Baecker
suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 2017
149 Seiten
14,00 Euro

Über Mechanismen der Selbstreproduktion von Systemen

Wenn Niklas Luhmann sich kritisch über den Traditionsbestand der Wissenschaftsgeschichte beugt, geht auch das nicht ohne Ironie und Hiebe. Zurückübersetzt aus dem Sprachduktus des Systemtheoretikers und grob vereinfacht verlief die Theorieakkumulation etwa so: Am Anfang herrschte Vertrauen. Ein Superagent, in der Chiffre "Gott" auf den Begriff gebracht, hatte die Welt derart eingerichtet, dass alles zum Besten bestellt war. Den Menschen hatte Gott ausgestattet mit der Fähigkeit, in den ihm gesetzten Grenzen die Vollkommenheit seiner Schöpfung zu begreifen, ihr Regelwerk von Ursache und Wirkung, Zweck und Mittel zu erkennen und darob zu handeln nach eigenen Nutzen und Frommen. Vertrauen und Gottesglaube schwanden. Der Mensch bemächtigte sich der Welt und ermächtigte sich zum Souverän. Nun, zum bösen Ende, ist nach Einsicht und Kenntnisgabe des perfiden Luhmann alles perdu: Nutzlos das gesammelte analytische Instrumentarium; suspendiert das alte Repräsentationsmodell und kein nachzuvollziehender linearer Verlauf mehr nirgends. Nur verstanden hat es noch kaum einer, dass es sich einzig den Mechanismen der Selbstreproduktion von Systemen verdankt, dass der Kramladen weiterhin läuft. Und läuft.

Der vorliegende Band versammelt fünf Aufsätze aus den letzten Lebensjahren Luhmanns und beschäftigt sich mit den Themen Erkenntnis, Intelligenz, Risiko der Kausalität, Gedächtnis und Zeit und - wie es der titelgebende Essay verspricht - der "Kontrolle der Intransparenz". Einmal mehr entbirgt sich in ihnen das Regelwerk der Systemtheorie. Verstärkt treibt Luhmann jedoch die wunderliche Tatsache um, dass rings um ihn her Reflexion und adäquate Theorie so mangelhaft ausgebildet sind.

"In dem Maße, als die moderne Welt nur noch als Anlaß für und als Resultat von Entscheidungen verständlich gemacht werden kann, entstehen hermeneutische Notlagen, die dazu führen, daß man auf Kreativität rekurriert, um Entscheidungen zu erklären. Das wiederum führt, zumindest in Organisationen und im Personenkult der Massenmedien, zu einer Überschätzung des Beitrags von Personen […]."

Niklas Luhmann macht tabula rasa

Niklas Luhmann

Niklas Luhmann

Die Systeme selbst sorgen eigenmächtig für die Reproduktion ihrer Elemente. Alle Systeme tun das - die lebenden, die psychischen, die sozialen und die technischen. Jenseits der Grenzen der selbstbezüglichen Systeme beginnt Umwelt. Deren Gegebenheiten sind wiederum nur zu verstehen, sofern man anerkennt, dass es sich um je eigenwertige, selbstreferentielle und geschlossene Regelkreise handelt. Luhmanns erkenntnisleitende Begriffe lauten: Operation, Prozess, Kommunikation. Was seine systemtheoretischen Untersuchungen an Einsicht erbringen, fügt sich nicht ins Raster - in die wissenschaftliche Unterscheidung von "wahr" und "falsch" etwa oder die ethische von "gut" und "böse".

"Absehbar sind Steigerungen der Komplexität, der Irritierbarkeit, der Unzuverlässigkeit, des Entscheidungsbedarfs und des Risikos gesellschaftlicher Operationen. Das biblische Verbot, nicht von diesem Baum der Erkenntnis zu essen, hatte seinen guten Sinn gehabt. Nach dem Sündenfall bleibt allerdings nur eine Politik der Schadensbegrenzung - etwa unter Titeln wie Takt, Humor, Ironie."

Ratten im Labyrinth

Luhmann zeichnete lebenslang aus, dass er das Herumpfuschen in der Welt und die ihm zugrunde liegenden analytischen Annahmen mit vollendeter Distanz musterte. Auf seine so takt- wie humorvolle Weise ist er gnadenlos. Luhmanns ironische Spitzen richten sich hier vor allem gegen Seinesgleichen, die denkende und forschende Kaste. Das Konzept von System/Umwelt, Innen/Außen lässt den Beobachtenden nicht außen vor. Auch er ist nur Ratte im Labyrinth. Was ihm bleibt, ist zu reflektieren, von welchem Platz aus er die anderen Ratten beobachtet. Der Ausgang seiner vermittelnden Anstrengungen ist ungewiss. Denn Kommunikation entsteht unter der Voraussetzung wechselseitiger Intransparenz, die die Intransparenz der Systeme für sich selber einschließt. Man kennt sich mit sich selbst und mit anderen nicht aus. Deshalb wird geredet, geschrieben, gedruckt, gefunkt - oder auch Politik gemacht.

Gibt es ein System der Intelligenz?

So lautet die titelgebende Frage eines der Aufsätze. Die Antwort gleich zu Beginn lautet "Nein". Intelligenz ist kein System, sondern ein Medium: die Fähigkeit, das endlose Oszillieren zwischen Positionen auszuhalten; das unabdingbare Verwickeltsein in Paradoxien zu entfalten; die eigene Rationalität nicht zu sabotieren. Das formale Wissen, das Luhmann dem semantischen Gestrüpp entgegensetzte, war immer elastisch, auf prozessuale Entwicklung angelegt. Aber seine nun erschienenen letzten Aufsätze beben geradezu vor Ironie. Hier fallen Wissen und Haltung in eins: Wie die Systemtheorie bringt Ironie alle Widersprüche im Welt- und Selbstverhältnis zum Ausdruck. Sie kennt kein wahr oder falsch - sie lässt fraglich erscheinen. Ironie fordert dazu auf, den Gesichtspunkt zu wechseln und verweist auf unaufhebbare Kontingenz: kein Sinn-Grund in Sicht. Das aber entlastet. Es macht leicht. Und es ist zum guten Schluss alles andere als reaktionär. Hier spricht im Gewande des System-Verwalters der ultimative Anarchist.

Niklas Luhmann - Die Kontrolle von Intransparenz

WDR 3 Buchrezension | 08.12.2017 | 06:13 Min.

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Stand: 08.12.2017, 09:19