Andreas Bernard - Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur

Andreas Bernard - Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur

Andreas Bernard - Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur

Von Martin Hubert

Im Rückgriff auf Medien- und Kulturtheorie analysiert Andreas Bernard die digitale Selfiekultur unserer Tage und verweist dabei auf einen historischen Wandel.

Andreas Bernard
Komplizen des Erkennungsdienstes.
Das Selbst in der digitalen Kultur

S. Fischer Verlag, 2017
240 Seiten
24,00 Euro

Das Selbstbild im digitalen Zeitalter

Bernard greift auf Kultur-und Medientheoretiker wie Michel Foucault oder Friedrich Kittler zurück, wenn er das Selbstbild im digitalen Zeitalter in Beziehung setzt zu älteren Kulturtechniken.

"Was an den Verfahren heutiger Selbstrepräsentation und Selbsterkenntnis auffällt ist der Umstand, dass sie allesamt auf Methoden zurückgehen, die in der Kriminologie, Psychologie und Psychiatrie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erdacht worden sind."

Profile

Vor allem interessiert Andreas Bernhard der Umgang mit dem menschlichen "Profil". Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen Psychologen Profile zu Testzwecken zu entwerfen. Sie wollen die kindliche Seele zergliedern und verhaltensauffällige Schulkinder identifizieren. Später machte das Profil in der Kriminologie Karriere. Profiler analysieren die Schauplätze von Verbrechen und versuchen daraus, das Verhaltensmuster und die Persönlichkeit des Täters zu rekonstruieren. Im psychologischen wie im Verbrecherprofil ging es darum, abweichendes Verhalten zu erkennen. Aus einzelnen Indizien und Signalen soll ein Gesamtbild der Person entstehen, um sie kontrollierbar zu machen. In den Social-Media-, Dating- und Bewerbungsprofilen der digitalen Kultur dagegen liefern die User nach Bernard Ihre Daten freiwillig, um dazuzugehören.

Andreas Bernard

Andreas Bernard

"Über ihre Profile bemühen sich die Nutzer der sozialen Medien, die eigene Persönlichkeit Tag für Tag kongruent abzubilden, und in diesem selbstbestimmten Akt liefern sie den Konzernen und deren Werbekunden beiläufig eine Fülle an Informationen. Aktiver und passiver Zugriff auf das Format ergeben eine merkwürdige, mit den herkömmlichen Kategorien der Datenschützer nicht mehr zu begreifende Allianz. In den heutigen Profilen auf Facebook, LinkedIn oder Instagram verquicken sich Selbstdarstellung und Fremdsteuerung, Subjektivität und Objektivierung auf unauflösbare Weise."

Disziplinarmacht, Kontrollmacht, Präventionsmacht

Eine ähnliche Umkehrung und Vermischung alter Muster findet Bernard auch bei der digitalen Verortungstechnologie und der quantified-self Bewegung. Frühere Lokalisierungstechniken in Militär und Polizei dienten dazu, eigene und feindliche bzw. verbrecherische Kräfte zu lokalisieren, zu dirigieren und zu kontrollieren. Heute geben Millionen von digitalen Usern ihren Ort und ihr Bewegungsmuster über die Satellitenverbindung ihrer Smartphones freiwillig kund. Frühere Techniken der Psychometrie oder des Behaviorismus suchten mühsam nach Parametern wie Blutdruck, Puls oder Reiz-Reaktionsmustern, um den Zustand von Körper und Psyche in messbare Zahlen verwandeln zu können. Heute registrieren die Anhänger der quantified-self-Bewegung per digitalem Armband permanent selbst ihren biologischen Zustand und ihre Aktivität. Dankbar greifen Versicherungen und Krankenkassen zunehmend auf diesen Datenschatz zur Gesundheitskontrolle zurück. Bernard konstatiert, dass das Subjekt offenbar nicht mehr wie früher durch direkte Zwangs- oder versteckte Kontrollmaßnahmen in Schach gehalten werden muss. Es mache sich im Netz frei verfügbar und verstehe das auch noch als Akt der Selbstermächtigung und der autonomen Vernetzung.

"Von der Disziplinarmacht des 19. über die Kontrollmacht des 20. scheint der Weg seit der Wende zum 21. Jahrhundert also zu einer dritten Ausprägung geführt zu haben, die man Präventionsmacht nennen könnte oder Internalisierungsmacht. Sie sorgt dafür, dass Archive der Erfassung oder Normvorstellungen des Lebens nicht mehr von einer äußeren Instanz durchgesetzt werden müssen, sondern bereits kollektiv verinnerlicht sind. Ein Profil anlegen, den eigenen Standort mitteilen! Gläsern werden! Imperative, die sich inzwischen von selbst verstehen, die sich von Weisungen in Wünsche verwandelt haben."

Prävention und Verinnerlichung

Bernard interessiert sich nicht für die Gegenbewegungen gegen diesen Trend und nicht dafür, wie die digitalen Medien in verschiedenen Kulturen unterschiedlich angeeignet werden. Er analysiert auch nur knapp, auf welchen Mechanismen diese neue Macht der "Prävention und Verinnerlichung" beruht und warum sie sich durchsetzt. Am plausibelsten ist noch sein Verweis auf den zugespitzten ökonomischen Konkurrenzkampf im neoliberalen Kapitalismus, der das mobile Individuum verlangt. Eine überzeugende Gesamttheorie des digitalen Selbst liefert Bernards Buch daher nicht. Trotzdem ist es lesenswert. Denn es macht eindringlich bewusst, was sich historisch geändert hat, wenn heute Millionen Menschen nicht die Furcht, sondern die Sorglosigkeit vor der Überwachung verinnerlicht haben.

Andreas Bernhard - Komplizen des Erkennungsdienstes

WDR 3 Buchrezension | 10.11.2017 | 04:46 Min.

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Stand: 05.11.2017, 18:05