Karl Ove Knausgård - Aus der Welt

Buchcover: Karl Ove Knausgård: Aus der Welt

Karl Ove Knausgård - Aus der Welt

Von Tobias Wenzel

Ein junger Aushilfslehrer im äußersten Nordnorwegen sehnt sich nach der Kindheit und verliebt sich in seine Schülerin. In seinem Debütroman probiert sich Karl Ove Knausgård mit der Unbändigkeit eines Kindes aus und lässt seine spätere Meisterschaft aufblitzen.

Karl Ove Knausgård: Aus der Welt
Aus dem Norwegischen von Paul Berf.
Luchterhand Literaturverlag, München 2020.
928 Seiten. Gebunden: 26 Euro, als eBook: 19,99 Euro.

Karl Ove Knausgård: "Aus der Welt"

WDR 3 Buchkritik 19.10.2020 06:03 Min. Verfügbar bis 19.10.2021 WDR 3


Download

Der stimmungsvolle Debütroman Knausgårds

"Manchmal schloss ich nachts die Schule auf, ging durch das flache, unbeleuchtete Gebäude, betätigte dabei einen Lichtschalter nach dem anderen und sah, wie das Licht die Dunkelheit über mir aufriss, als wäre ein Schwarm schlummernder Insekten geweckt worden und schwärmte nun gereizt in die Räume aus."

So stimmungsvoll beginnt Karl Ove Knausgårds Debütroman "Aus der Welt", den er mit Ende zwanzig geschrieben hat. Der Ich-Erzähler Henrik blickt zurück auf das Leben seiner Eltern, auf seine Kindheit und auf die neun Monate, die er Aushilfslehrer in einem 300-Seelen-Dorf im äußersten Norden Norwegens war.

"Aus der Welt" handelt vom Reiz, unreif zu sein, von der Sehnsucht nach der Kindheit und dem Versuch, sie in der Erinnerung wieder wachzurufen. Kurz vor dem Schreiben seines Erstlings las der Autor Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Außerdem bewunderte er Nabokov für dessen Roman "Lolita".

Der Lehrer verliebt sich in seine Schülerin

Der 26jährige Henrik ist in ein Dorf direkt ans Meer in Nordnorwegen gezogen, um dort vorübergehend als Lehrer zu arbeiten. Er verliebt sich in seine 13jährige Schülerin Miriam. Die beiden schlafen miteinander, fühlen sich aber ertappt. Und so verlässt Henrik fluchtartig das Dorf und zieht ins südschwedische Kristiansand, an den Ort seiner Jugend, wo er ganz am Ende des Romans Miriam wiedersieht. Knausgård hat bei dem Thema erst gezögert:

O-Ton Karl Ove Knausgård:
"Ich habe mir damals zwei Wochen lang den Kopf zerbrochen, ob ich so etwas schreiben darf. Ich hatte Angst vor den Reaktionen, dachte das sei ein Problem: ein 26 Jahre alter Mann und ein 13 Jahre junges Mädchen. Aber als mein Buch dann erschienen ist, gab es in der norwegischen Presse keine Kontroverse dazu. Heutzutage wäre das natürlich ganz anders gelaufen."

Der Bezug zum eigenen Vater

Auch Karl Ove Knausgård hat seine Jugend in Kristiansand verbracht. Und auch er war als junger Mann Aushilfslehrer in einem nordnorwegischen Dorf. Aber der Roman ist Fiktion und die Missbrauchsgeschichte, so Knausgård, eine reine Erfindung. Diese Geschichte über den Lehrer, der seine Schülerin verführt, wird im ersten Drittel des Buchs erzählt. Danach widmet sich der Ich-Erzähler Henrik seinen Eltern und seiner Kindheit und Jugend. Wenn Henrik von seinem wütenden Vater, einem verwahrlosenden Alkoholiker, berichtet, speist sich diese Fiktion auch aus Knausgårds Blick auf den eigenen Vater. Der Vater im Roman ist als Hommage Knausgårds an Ingmar Bergman nach einer seiner Figuren benannt:

O-Ton Karl Ove Knausgård:
"Ich habe damals Bergman und seine großartigen Romane für mich entdeckt. Bergman interessierte sich für die Idee der kindlichen Autorität. Da geht es um die männliche Autorität, die etwas Kindliches hat. Ich habe das bei Bergmann gelesen und hatte mit einem Mal das Gefühl, damit den Schlüssel in der Hand zu haben, um meinen eigenen Vater zu verstehen. Und darüber wollte ich schreiben."

Im Roman rekonstruiert Henrik, wie sein Vater seine Mutter kennenlernte und wie der nur dann Interesse an ihr hatte, wenn sie keines an ihm zu haben schien.

Eindrucksvolle Stimmungen und Maßlosigkeit

"Aus der Welt", über 900 Seiten lang im Deutschen, ist ein hochinteressantes, wenn auch maßloses Debüt. Interessant deswegen, weil Knausgård hier und da schon das Können andeutet, das ihn später zum Autor von Weltrang werden lässt: Herausragend ist Knausgård in "Aus der Welt" immer dann, wenn er Stimmungen beschreibt und den Einfluss der Umwelt auf den Ich-Erzähler, etwa, wenn von der Dunkelheit in Nordnorwegen im Dezember die Rede ist und der einen Stunde pro Tag, die Licht bringt.

Maßlos ist der Debütroman nicht nur aufgrund seiner Länge, sondern auch aufgrund der unbändigen Erzählweise. So lässt Knausgård durchaus komisch seinen Ich-Erzähler über sechzig Seiten von einer verstörenden Welt träumen:

"Dir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Kant, Immanuel, liest du. 1724 – 1804. Deutscher Arzt und Schriftsteller. [...]
Was steht da?
Kant, liest du, war zu seinen Lebzeiten vor allem dafür bekannt, die örtliche Betäubung eingeführt zu haben."

Knausgårds Lektor hat zwar damals seinen Newcomer angefleht, diesen Traum, der nicht zum Rest des Romans passt, zu streichen. Aber Knausgård ist stur geblieben. Nicht etwa, weil er glaubte, das Buch werde durch den Traum besser, sondern vielmehr, weil er damals von phantastischer Literatur angetan war und sich einfach mal in diesem Genre ausprobieren wollte:

O-Ton Karl Ove Knausgård:
"Dieses Buch ist für mich Ausdruck literarischer Freiheit. Und danach strebe ich bis heute. Nichts planen, nicht nachdenken, einfach schreiben und dem folgen, was da entsteht. Seit meinem Debüt habe ich gewusst, dass es einen Ort für mich und mein Schreiben gibt. Für den Leser ist mein erstes Buch dagegen vielleicht einfach zu viel des Guten."

Ein junger Autor, der sich austobt

"Aus der Welt" wäre ein wirkungsvolleres Buch geworden, wenn Knausgård es massiv gekürzt hätte. Denn in voller Länge spürt man doch immer wieder, wie der Ich-Erzähler – und dahinter wohl auch der junge Knausgård – von sich selbst berauscht ist. Seine essayistischen Einschübe zum Beispiel sind nicht so genial, wie er selbst zu glauben scheint. Und trotzdem macht es großen Spaß, dieses Debüt zu lesen und sich anstecken zu lassen vom Elan eines Autor, der sich austobt in einer fiktiven Welt, die von Knausgårds eigener Zeit als junger Aushilfslehrer in Nordnorwegen inspiriert ist:

O-Ton Karl Ove Knausgård:
"Es war unglaublich intensiv. Trinken, schreiben, unterrichten. Es war wie ein verdammter Roman."

Stand: 17.10.2020, 13:59