"Vierunddreißigster September" von Angelika Klüssendorf

Buchcover: "Vierunddreißigster September" von Angelika Klüssendorf.

"Vierunddreißigster September" von Angelika Klüssendorf

Von Christoph Vratz

Angelika Klüssendorf führt uns in ihrem neuen Roman in die ostdeutsche Provinz. Erzähler und Chronist Walter ist tot, offenbar ermordet von Hilde, seiner Frau. In der gelungenen Hörbuch-Fassung geben Walter Kreye und Corinna Harfouch das Paar.

Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September
Ungekürzte Lesung mit Corinna Harfouch und Walter Kreye.
Osterwold Audio, 2021.
4 CDs, 304 Minuten Laufzeit, 22 Euro

Buchvorlage erschienen beim Piper Verlag, 224 Seiten, 22 Euro.

"Vierunddreißigster September" von Angelika Klüsseldorf

Lesestoff – neue Bücher 21.10.2021 04:54 Min. Verfügbar bis 21.10.2022 WDR Online Von Christoph Vratz


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Eine Welt ohne Hoffnung

"Die Laternen warfen Splitter aus Licht, es war sechs Uhr morgens, der Dorfanger lag still da. Stille wie vor dem Weltende. Nur eine Taube hüpfte am Zaun entlang, ihr fehlte ein Fuß."

Eine düstere Welt, symbolbeladen und abgründig. Der Briefkasten von einem Silvesterböller zerfetzt, ein nahegelegener Garten verwildert, und Walter, nach vierzig gemeinsamen Ehejahren, schwer krank. Hilde lebt in einer Welt ohne Hoffnung.

"Hilde nahm den Weg durch den Wald, der an dem versumpften Teich endete und sie an eine alte Abbildung aus der Kreidezeit erinnerte. Kahle Äste ragten über die Eislandschaft, der Morast lag unter einer dicken Schneeschicht begraben."

Ankunft auf dem Friedhof

Ist diese Lebenssituation, diese Einöde in der brandenburgischen Provinz, ein Grund dafür, dass Hilde zur Mörderin wird?

"Hier geschah der Mord, schwer zu begreifen. Inzwischen weiß ich, dass man Hilde verdächtigt. Sie soll mir den Schädel gespalten haben, mit einem Beil. Warum habe ich die anderen Toten gefragt, warum? Gab es einen Grund?"

Ankunft an einem der zentralen Orte in Angelika Klüssendorfs Roman "Vierunddreißigster September", angekommen auf dem Friedhof.

"Der Friedhof ist sonnenüberflutet. Die Toten sind auf ewig zusammengewürfelt. Ein Albtraum, könnte man denken, aber wir können genauso wenig träumen, wie wir noch einmal sterben können."

Viele dunkle Beziehungsjahre

Charakterlich hatte Walter gerade erst die Kurve bekommen – mit knapp 70 – er war so sanft, so einfühlsam geworden, wie Hilde ihn sich immer gewünscht hatte. Doch die Erinnerungen an viele dunkle Beziehungsjahre überwiegen. All die Gummibäume, die ihr Walter alle Jahre wieder am Hochzeitstag geschenkt hat, sind Ausdruck von Lieb- und Einfallslosigkeit. Ein Griesgram mit gestörtem Verhältnis zur Vergangenheit:

"Ein pedantischer Zug hatte sich in Walters Mundwinkeln festgesetzt wie eine Flechte. […] Walters Gesicht wurde vollends unversöhnlich, wenn über die DDR berichtet wurde, alles Lügen, sagte er und schaltete den Fernseher aus."

Nach dem Mord an ihrem Mann ist Hilde plötzlich verschwunden. Walter aber schaut von unten auf die Erde zurück, aus seinem Grab heraus.

"Obwohl Tote nicht riechen können, stelle ich mir den Geruch des Sommers vor. An mein Vorleben kann ich mich kaum erinnern, aber der Geruch des Sommers auf dem Land hat etwas Universelles. Stillgelegte Gleise, violett leuchtendes Unkraut, Alleen von Obstbäumen, reife Kirschen in verwilderten Grasstreifen. Große Ferien auf dem Land."

Gelungene klangliche Umsetzung eines skurrilen Romans

Corinna Harfouch und Walter Kreye verleihen Angelika Klüssendorfs tragikomischem Roman in der Hörbuch-Version ihre Stimmen. Sie finden einen idealen Ton für die scheinbaren Harmlosigkeiten, für die melancholischen Wendungen und doppeldeutigen Bezüge: Harfouch dank eines langsamen Sprechtempos und mit einer gelungenen Mischung aus Herbheit und Wärme; Kreye aufgrund seiner Fähigkeit, harte Laute so angenehm weich klingen zu lassen – und mit einem dunkelsamtigen Timbre.

"Das möchte ich den Menschen im Dorf zurufen: Sterbt nicht aus Überdruss. Es ist wie ein doppelter Tod. Erst das wie tot geführte Leben, dann der Tod selbst, der euch nichts von diesem Schrecken nimmt. […] Tot sind wir alle."

Eine insgesamt gelungene klangliche Umsetzung dieses Romans voller Bitterkeit und Bissigkeit – und voller Skurrilitäten, die bereits mit dem Titel beginnen: "Vierunddreißigester September"…

Stand: 20.10.2021, 16:52