Thomas Kling - Werke in vier Bänden

Buchcover: Thomas Kling - Werke in vier Bänden

Thomas Kling - Werke in vier Bänden

Von Björn Hayer

Eine Rampensau weit vor der Erfindung des Poetry Slam – eine Werkausgabe versammelt Gedichte und Essays des wegweisenden Stilisten Thomas Kling.

Thomas Kling: Werke in vier Bänden
Suhrkamp, Berlin 2020.
2692 Seiten, 148,00 Euro.

Kein Gedicht ohne Zuhörende

Er war ein Popstar der spätmodernen Lyrik, einer, dessen dynamische Intonation und ausdrucksstarke Mimik einen Saal zum Beben bringen konnte. "Das Gedicht", so schreibt er einmal, "baut auf Begegnung", setzt also zur vollen Entfaltung Zuhörende voraus. Performances und Vorträge sind ja bekanntlich eine flüchtige Kunst. Umso wertvoller ist daher die just erschienene Werkausgabe.

Thomas Kling - Werke in vier Bänden

WDR 3 Mosaik 29.12.2020 05:10 Min. Verfügbar bis 29.12.2021 WDR 3


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"Was darf das Gedicht dieser Jahre keinesfalls sein? Ich meine laut: Rezeptions- und Unterhaltungsindustrie. Wenn sie sich dann noch mit der Literatur verpappt, verglühen beide gemeinsam."

 Zu viel schalkhafte Ironie geht nicht

Obwohl Thomas Kling perfekt das Showbusiness beherrscht, zielt er, wie er hier in einem seiner Essays festhält, nie auf bloßes Amüsement. Stattdessen heißt das Prinzip: von schalkhafter Ironie kann es nie genug sein. Wo sich Elegisches oder Stimmungsvolles durchschlägt, folgt schon bald die Irritation, der Riss – selbst in seiner frühen Lyrik macht sich dies bemerkbar. Sie trägt noch sehr die Spuren jugendlicher Begeisterung für die Jahrhundertwendepoesie eines Georg Trakl oder eines Charles Baudelaire.

Nach seiner kurzen Décadence-Phase findet der 1957 in Bingen am Rhein geborene Schriftsteller seine Bestimmung in der experimentellen Lyrik. Inspiriert von der Wiener Schule, allen voran seiner Förderin Friederike Mayröcker, arbeitet Kling wie ein Laborant. Sein Signé: Sprachspiele, Synästhesien, Bilder, Farben, Töne, die sich überlagern, das Gedicht als Ereignis für alle Sinne.

"trostlos
wie leergeklaubte beerensträucher
rechts und links
kastanienfrüchte detonieren."

Immer auf der Suche nach etwas Neuem

Indem die herbstliche Untergangsimpression in ein kriegerisches Spektakel übergeht, stellt Kling einen Wesenszug seiner Arbeiten heraus, nämlich seine Vorliebe für Montagen unterschiedlicher Bildbereiche und Stilkoloraturen. Überraschungen sind gewollt und werden gezielt erzeugt. Wenn der Dichter somit über die Großthemen der Lyrik – Natur, Liebe, Tod, Einsamkeit – schreibt, sucht er stets das Neue und Unverbrauchte, manchmal auch das Widersprüchliche – sowohl im Werk als auch im Leben.

Auf der Bühne gibt er den Rockpoeten, im Privaten ist ihm auch das Eremitische sympathisch. Einem Mann mit derlei vielen Seelen in der Brust ist alles Konventionelle fern. Als Variationskünstler bleibt er immer unberechenbar. Wer würde schon meinen, dass jene Zeilen der Feder eines genialen Ästheten entstammen:

"Hochverehrtes Publikum,
steht nicht da und glotzet dumm!
Macht auf die Ohren, schließt den Rachen,
wenn wir euch Appetit nun machen."

Gedichte als Hilfe fürs Gedächtnis

Dieser parodistisch-verspielte Dichter ergänzt jenen, der gekonnt mit Stimmen der europäischen Kunst- und Literaturgeschichte jongliert. Klings Texte sind durchdrungen von Zitaten. Wer sie erkennt, bemerkt den Intellektuellen. Dass wir heute wieder Oskar Pastior, Christine Lavant oder Emmy Hennings lesen, ist auch Thomas Kings Verdienst. Denn lange Zeit hatte der Literaturbetrieb ihre Stimmen vergessen.

Nicht nur ihnen verhilft der Dichter zu neuer Gegenwärtigkeit. In einer weitaus umfassen-deren Weise stellt die Vergangenheit einen Echoraum seiner Miniaturen dar. Für Kling gilt, wie er selbst es einmal konstatiert: "Das Gedicht ist Gedächtniskunst". Vergangenes dringt immer wieder in das Hier und Heute vor. Mal in Form schwarzer Fassaden, die die Spuren des Kriegs in Dresden veranschaulichen, mal als staubige Madonna in einer Kirche Siziliens, die von alten Zeiten kündet. Die Präsenz des anderen ist ein zentrales Moment in Klings Œuvre.

"Zinken ist Zacke, mit der sägeähnlichen Bergzinne verwandt, und
meint das Einschneidende, Eingeschnittene: den Einschnitt. Hinweis
auf mit der Klinge eingekerbtes Zeichen.
[…]
Zinken ist Zeichen;"

Lebendigkeit von Klings Worten für die Ewigkeit festgehalten

Diese Verse über den Einschnitt erweisen sich als programmatisch für Klings Poetik. Warum? Weil sie belegen, wie er gegen das Makellose und Konformistische anschreibt. Dichtung versteht sich als Störung, als Wachrütteln. Klings Worte sollten wirken, sie sollten ein Ereignis sein.

Dass dies bis heute der Fall ist, verdankt sich ebenfalls dem unersättlichen Engagement des Büchnerpreisträgers Marcel Beyer. Als Herausgeber der vorliegenden Werkausgabe leistet er dem Fortleben der Klingschen Verskunst einen enormen Dienst. Hier wird sie in ihrer Vitalität für die Ewigkeit festgehalten.   

Stand: 28.12.2020, 14:23