Michael Kleeberg - Glücksritter: Recherche über meinen Vater

Buchcover: Michael Kleeberg: Glücksritter: Recherche über meinen Vater.

Michael Kleeberg - Glücksritter: Recherche über meinen Vater

Von Hermann Wallmann

Mit wechselndem Erfolg seinem Glück hinterherlaufen – Michael Kleeberg sucht in seinem Vaterbuch nach Aufklärung auch über sich selbst.

Michael Kleeberg: Glücksritter: Recherche über meinen Vater.
Galiani Verlag, Berlin 2020.
235 Seiten, 20 Euro.

Michael Kleeberg: "Glücksritter: Recherche über meinen Vater"

WDR 3 Buchkritik 15.09.2020 06:10 Min. Verfügbar bis 15.09.2021 WDR 3

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Glück und Freiheit

Michael Kleeberg hat seinem Buch als Motto vorangestellt den optimistischen Schluss des Grimm‘schen Märchens von Hans im Glück, der, nachdem das Gewonnene wieder zerronnen ist, "mit leichtem Herzen und frei von aller Last" davonspringt. Aber es folgt noch ein zweites Zitat. Es stammt aus der berüchtigten Reichenberger Rede, die Adolf Hitler 1938 vor HJ-Jugendlichen gehalten hat: "Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben – und sie sind glücklich dabei." Diese Spannung will ausgehalten sein, und Michael Kleeberg, ein Mann von "sechzig" Jahren, kommt gar nicht umhin, weit auszuholen. Es sind drei Anlässe, die den Sohn in die Pflicht nehmen.

Nach der Rückkehr aus einem Urlaub ist er zufällig auf Indizien gestoßen, dass sein Vater naives Opfer eines "Vorschussbetruges" geworden ist.

Kurz nach dieser Entdeckung bekommt der Vater eine aussichtslose Krebsdiagnose. Und: Michael Kleeberg war – wie er sagt: "aus irgendeinem Grund" - noch zur Buchmesse 2014 gefahren, obwohl der 84-jährige Vater bereits im Sterben lag.

Gemeinsamkeiten mit dem Vater

Die "Recherche", die der Sohn dann anstellt, zeichnet ein Bild des Vaters, der auf seine Weise und in wechselnden Berufen und mit wechselndem Erfolg dem Glück hinterhergelaufen ist. Der Sohn muss dabei erkennen, dass ihn mehr mit dem Vater verbindet, als ihm lieb ist, Beide wollen "raus" aus ihrem Milieu, wollen nach oben:  

"Es war das erste Mal, dass ich meinen Vater und mich gemeinsam unter dem Begriff 'Kleine Leute' fasste, es sollte tröstlich und solidarisch klingen, aber die Wahrheit dahinter war, dass ich ein ebensolcher bindungsloser freier Radikaler wie mein Vater geworden war und mittlerweile selbst erlebt hatte, dass Menschen wie uns das jeweilige Serail verschlossen bleibt, weil wir nie gelernt haben oder lernen wollten, wie man hineinkommt, uns aber für zu gut hielten, uns mit den anderen Draußen-gebliebenen zu solidarisieren."

Einblick in die Familiengeschichte

Immer wieder zeigt Michael Kleeberg, dass er nicht nur das Subjekt der Recherche ist, sondern auch deren Objekt: ein Glücksritter er selber! Seine Suchbewegungen hat er in fünf Kapitel gegliedert, deren Überschriften auf Psychologisches oder Literarisches anspielen und somit Echoräume eröffnen, die über das Private hinausgehen.

Strukturell hat der Roman durchaus etwas von einem klassischen Drama – mit der ausholenden Familiengeschichte als Peripetie und einem Schlussakt, der mit "Rosebud" überschrieben ist. Damit spielt Michael Kleeberg auf den Film "Citizen Cane" an: Bei Orson Welles ist "Rosebud", die Rosenknospe, eine poetische Chiffre für die geraubte Kindheit. Ein vergleichbares Schlüsselsymbol für seine Herkunftsfamilie findet Michael Kleeberg nicht:

"Ich habe mich oft, eigentlich mein ganzes Leben lang, über diese Traumatisierungen befragt. Meine Tante, die dem potentiellen Vergewaltiger gegenüberstand, mein Vater auf seiner einsamen Odyssee, mein Onkel, der in den Pistolenlauf des Waffen-SS-Mannes blickte, meine Mutter, die ihre Nächte im Bombenhagel in den Luftschutzkellern verbrachte, was selbst in der Verdüsterung der Demenz ihre letzte Erinnerung an ihre Kindheit geblieben ist. 'Meine Herrschaften, die Christbäume stehen am Himmel. Jetzt gehts gleich los. Bitte Ruhe bewahren', sagte der Luftschutzwart. 'Oh Gott', kreischte eine Frau, 'Jetzt haben sie sich Licht gemacht, jetzt kommen die Brandbomben!'"

Der "Kleeberg'sche Mensch"

Vor dem Hintergrund dieser von den Zeitläuften buchstäblich "gebrochenen" Familiengeschichte entwickelt Michael Kleeberg sogar so etwas wie die Vorstellung eines "Kleeberg’schen Menschen" mit den Merkmalen: "allein, autonom, mit dem Kopf durch die Wand" – und bittet um Verständnis für diesen Trotz. Das sei Michael Kleeberg gewährt. Problematisch wird es dort, wo er diesen Familismus gleichsam ontologisch legitimiert. Kleeberg "versteht", dass sein Vater noch 2011 die Kriegsschuld Deutschlands 1939 anzweifelt, eine Perspektive, die er als Achtjähriger "internalisiert" habe, Kleeberg schüttelt aber durchaus den Kopf darüber, dass ein ganzes Volk damals den "Weg in die Unmenschlichkeit" beschritten habe. Und dennoch fragt er sich,   

"Ob die Praxis, dass Menschenrechte nur für die gelten, die dazugehören, die ‚auf unserer Seite‘, ‚auf der richtigen Seite‘ stehen, nicht für die, die ausgegrenzt werden, ob diese Praxis eine deutsche Besonderheit ist oder etwas allgemeiner Menschliches."

Der Wunsch nach Erlösung und Trost

"Glücksritter" – das ist ein buchstäblich heterogenes Buch. Michael Kleeberg arbeitet mit Tagebuchaufzeichnungen seiner Mutter, er sondiert in Archiven, er zitiert aus wissenschaftlichen Arbeiten. Frei und gelöst ist die Trauerarbeit recht eigentlich erst in den letzten beiden Kapiteln. Michael Kleebergs sehnlicher Wunsch, es möge auch im Leben seines Vater so etwas gegeben haben wie Erlösung, bleibt unerfüllt. Aber es gibt etwas anderes.

Kleeberg erinnert sich an seinen Vater als einen begnadeten Erzähler und Zeichner von "Trostgeschichten", wie er sie nennt, an ein Talent, das sein Vater entwickelt habe in den Lagern der "KinderLandVerschickung". Am Ende seiner Recherche – die wie "Citizen Cane" aus Rückblenden besteht – versucht Michael Kleeberg ein emblematisches Bild seines Vaters zu zeichnen, auf dem er ihn wiedererkenne. Riskant, dass er dieses nostalgische Genrebild "ausklingen" lässt mit den letzten Zeilen aus Rainer Maria Rilkes zu Tode zitiertem Panther-Gedicht. Aber dann muss man nur die Seite umblättern – und stößt auf ein Schwarz-Weiß-Foto des unsterblich jungenhaften Vaters, das – oder der? – alle Geheimnisse für sich behält...

Stand: 13.09.2020, 22:43