Klaus Modick - Sunset - Feuchtwanger, Brecht und das kalifornische Exil

Klaus Modick - Sunset - Feuchtwanger, Brecht und das kalifornische Exil

Klaus Modick - Sunset - Feuchtwanger, Brecht und das kalifornische Exil

Von Monika Buschey

Lion Feuchtwanger im kalifornischen Exil – Jahrzehnte später versucht der Schriftsteller Klaus Modick eine Annäherung: Er portraitiert den großen Romancier, lässt ihn über sich und seine Freundschaft zu Bertold Brecht nachdenken.

Klaus Modick
Sunset
Feuchtwanger, Brecht und das kalifornische Exil -
der Roman einer ungewöhnlichen Freundschaft

Ungekürzte Lesung von Moritz Stoepel
Der Diwan Hörbuchverlag
Thomas Kori-Lindner, Fotograf
Christopher Herrmann, Komponist
5 Audio CDs
ISBN 978-3-941009-51-6

Am Ende war er der letzte der deutschen Emigranten – der Romancier Lion Feuchtwanger konnte sich nach dem Krieg nicht zu einer Rückkehr ins Heimatland entschließen. Der Schriftsteller Klaus Modick hat sich für Feuchtwangers Leben im kalifornischen Exil interessiert, für seine Gedanken über die Freundschaft zu Bert Brecht ins besondere. Als die Nachricht von Brechts Tod in Kalifornien eintrifft, ruft sich Feuchtwanger die gemeinsamen Erlebnisse ins Gedächtnis zurück und denkt nach über Tod und Vergänglichkeit.

Klaus Modick - Sunset

WDR 3 Mosaik 10.01.2019 05:41 Min. Verfügbar bis 10.01.2020 WDR 3

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In-die-Knie-Gehen

Lion Feuchtwanger, Porträtaufnahme, um 1950

Lion Feuchtwanger,

"(Musik) Zwischen Himmel und Meer gähnt der Morgennebel, zieht Strand und Uferstraße in seinen silbergrauen Schlund, scheint aber vor den Palmen zurückzuweichen… Die Sonne, ein mildweißer Fleck im Osten erst, wird bald den Vorhang zerreißen… Dann wird die Horizontlinie dort liegen, wohin jetzt die Fingerspitzen des Mannes weisen, der - die Arme waagerecht ausstreckt, das Kreuz durchgedrückt – langsam in die Knie geht."

Das "In-die-Knie-Gehen" ist zunächst ganz wörtlich gemeint – der alternde Dichter bei der Morgengymnastik. Im Verlauf des Tages mehren sich die Zeichen, die auf einen umfassenderen Niedergang hindeuten.

"Ach, Brecht. War er denn so krank? Seinen letzten Brief hatte er zwar aus einem Krankenzimmer der Charité geschrieben, wegen einer Virusgrippe, aber der hatte doch noch recht optimistisch geklungen."

Der Versuch einer Annäherung

Klaus Modick

Klaus Modick

Der Schriftseller Klaus Modick unternimmt den Versuch einer Annäherung an die Gedankenwelt Feuchtwangers. Besonders beschäftigt ihn, so sieht es Modick, das Verhältnis zu Brecht. Er begleitet den 72 jährigen Romancier durch einen kalifornischen Sommertag des Jahres 1956:

Kniebeugen, Frühstücken, Rasieren, Spazierengehen. Außerdem muss er sich auf den Kondolenzbrief an Brechts Witwe Helene Weigel konzentrieren. Gelegenheit, der gemeinsamen Jahre zu gedenken und sich immer tiefer in die Erinnerungen hinein zu wühlen. Ein frühes Stück von Brecht hatte ihn begeistert.

Es hieß "Baal", hatte aber nichts mit dem alten Gott zu tun, sondern war eine wüste, vor Vitalität strotzende Sache, … war, wie der Kerl selbst. … Hat Brecht denn genug gelebt? Sind Sie satt geworden, fragt er den Toten.

Gemeinsame Tage

Lion Feuchtwanger, Bertold Brecht, 1935

Feuchtwanger & Brecht

Die Erinnerung holt gemeinsame, am Gardasee verbrachte Tage hervor. Feuchtwanger hatte sein Roman-Manuskript mit dem Titel "Erfolg" dem kritischen Freund zu lesen gegeben. Die beiden gehen in flottem Tempo spazieren und streiten sich, weil Feuchtwanger es gewagt hatte, den Jüngeren in dem neuen Werk auf seine Weise zu portraitieren.

"Sie fühlen sich also getroffen? Schmunzelte Feuchtwanger.
Allerdings! schrie Brecht, aber nicht gut! Das ist eine miese Karikatur, das ist Rufmord. Sie machen mich zum Gespött der literarischen Öffentlichkeit! Was gibt es da zu grinsen?
Feuchtwanger ging schneller.
Sie müssen das ändern, keuchte Brecht. Wenn Ihnen meine Freundschaft etwas bedeutet, müssen Sie das ändern.
Dafür ist es zu spät, sagte Feuchtwanger, das Buch wird bereits gedruckt."

Zwei denkbar unterschiedliche Temperamente

Die beiden Schriftsteller reiben sich aneinander. Provokation und gegenseitige Inspiration zugleich. Die Freundschaft setzt sich in den Jahren des Exils fort. Klaus Modick hat beider Lebenssituationen genau studiert, er reichert das Vorgefundene farbig an, so dass ein lebendiges Doppelportrait entsteht. Mehr noch, die Stimmung unter den Emigranten - gegenseitige Unterstützung, vor allem jedoch Neid, Klatsch, Verrat - alles das wird sorgsam ausgebreitet: Die Anekdoten, die Gerüchte, die heimlichen Affären. Und immer wieder findet der Erzähler in die Gegenwart Feuchtwangers zurück, August 1956.

Marta Feuchtwanger, 1926

Marta Feuchtwanger

"Benommen und barfuß schlurft er hinüber ins Arbeitszimmer, setzt sich an den Schreibtisch, nimmt ein Blatt Papier, greift zum Bleistift, um als Stenogramm festzuhalten, was Traum und Erinnerung ihm zugetragen haben."

Auch das eigene Leben, ohne den Bezug zu Brecht, gilt es auszuloten: Sein internationaler Erfolg, der ihn selbst überrascht.

Böse Zungen sagen, er könne nicht so schnell schreiben, wie er übersetzt werde. Die Liebe zu seiner Frau, der schönen Martha, die schroffe Ablehnung durch den Vater, der grimmig verfolgt, wie sein Sohn in ein Milieu hinein wächst, das ihm zutiefst suspekt ist.

Moritz Stoepel

Moritz Stoepel

Die Stimme von Moritz Stoepel und dezente musikalische Akzente tauchen die Geschichte in eine hörspielähnliche Atmosphäre.

Moritz Stoepel setzt alles daran, jeder Figur eine eigene Stimme zu geben. Die ruhigen und gelassenen Beschreibungen der Natur - das Meer, der Nebel, der Strand – bilden den Kontrast. Die Musik, sparsam verwendet, gibt dem Geschehen einen träumerischen Glanz. Am Ende darf die Gedankenreise in Ton und Wort sanft und doch effektvoll ausklingen.

"Vorbei! … Aus der offenstehenden Tür des Salons weht Geruch nach Papier und Staub. Von Osten sickert die Tinte der Nacht durch den Nebel.(Musik)"

Stand: 10.01.2019, 06:05