Klaus Mann - Mephisto

Klaus Mann - Mephisto

Klaus Mann - Mephisto

Von Oliver Cech

"Mephisto" von Klaus Mann ist ein zeitkritisches Panorama der Zustände im Dritten Reich – mit deutlich satirischen Elementen, erstmals erschienen 1936. Jens Harzer, Träger des Iffland-Rings liest den Kultroman ungekürzt.

Klaus Mann
Mephisto

tacheles! Roofmusic 2019
2 MP3-CDs
Laufzeit ca. 13 Std. 43 Min.
ISBN: 9783864845840

Dem „jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutsch-sprachigen Theaters“, so heißt es, wird der Iffland-Ring verliehen – auf Lebens­zeit! Als Bruno Ganz vor zwei Monaten gestorben ist, war also die Frage: An wen geht er nun, der Iffland-Ring? Auf Jens Harzer ist die Wahl gefallen; geboren 1972 in Wiesbaden. Harzer gehörte 16 Jahre dem Ensemble von Dieter Dorn an, erst an den Münchner Kammerspielen, dann am Bayerischen Staats­schauspiel. 2009 wechselte er an das Thalia Theater Hamburg. Im Film hat er zuletzt zusammengearbeitet mit Tom Tykwer und Wim Wenders.

Wenn Sie Jens Harzer bisher verpasst haben, auf der Bühne und im Film, dann gibt jetzt ein neues Hörbuch Gelegenheit, diesen Schauspieler kennenzulernen. Ungekürzt hat Harzer einen der großen Romane über das Dritte Reich auf­genommen: „Mephisto“ von Klaus Mann. Ein halb biographisches Buch über einen Schauspieler, der einen Teufelspakt mit den Nationalsozialisten eingeht. „Mephisto“ ist ein zeitkritisches Panorama der Zustände im Dritten Reich – mit deutlich satirischen Elementen. Erstmals erschienen 1936 im Amsterdamer Exilverlag Querido, wurde die Verbreitung des Romans in der Bundesrepublik 1966 verboten. 1981 erschien - trotz Verbots - eine Neuausgabe, und "Mephisto" stieg auf zum Kultbuch.

Überleben als Künstler?

"„Wehe, dieses Land ist beschmutzt, und niemand weiß, wann es wieder rein werden darf. Durch welche Buße und durch welch gewaltigen Beitrag zum Glück der Menschheit wird es sich entsühnen können von so riesiger Schande? Was schön gewesen ist, wurde besudelt; was wahr gewesen ist, wurde niedergeschrien von der Lüge. Die dreckige Lüge maß t sich die Macht an diesem Lande. Sie brüllt in den Versammlungssälen, aus den Mikrophonen, aus den Spalten der Zeitungen, von der Filmleinwand."

Klaus Mann, ca. 1935

Klaus Mann, ca. 1935

Wie kann man überleben in einem Land, in dem die Wahrheit keine Stimme mehr hat – überleben als Künstler? Gar nicht, fand der Schrift­steller Klaus Mann. Um seiner Verhaftung zu entgehen, verließ er Deutsch­­land im März 1933, wenige Woche nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, – und flüchtete ins Exil. Mit wachsendem Entsetzen verfolgte Klaus Mann aus dem Ausland, wie es den National­sozialisten gelungen ist, Deutschland Schritt für Schritt gleichzuschalten, auch kulturell. 1936 hat er diesen Vorgang beispielhaft erhellt in Mephisto. Roman einer Karriere. Das Buch schildert den Aufstieg eines Schauspielers; als Protegé Hermann Görings wird er Intendant, Staatsrat – und kultureller Repräsentant des Dritten Reiches.

"Wie geht es Ihnen, mein lieber Höfgen?", fragte der Propagandaminister anmutig lächelnd den Intendanten. Auch der Intendant lächelte, aber nicht gleich bis zu den Ohren hinauf – sondern mit einer Vornehmheit, die fast schmerzlich wirkte. „Ich danke Ihnen, Herr Minister.“ Er sprach leise, etwas singenden Tones, dabei äußerst akzentuiert."

Dem eigenen Leben entnommen

Als Exilant kannte Klaus Mann die Vorgänge im Dritten Reich lediglich aus zweiter Hand, durch Zeitungen und durch die Berichte anderer Flücht­linge. Die Hauptfiguren seines Mephisto-Romans dagegen waren ihm fast allzu vertraut. Denn er hat sie seinem eigenen Leben entnommen, teil­weise sogar dem Familienkreis! Klaus Manns Vater Thomas etwa tritt hier auf als Geheimrat Bruckner, eine Nebenfigur. Und die Hauptfigur, Hendrik Höfgen als schillernder Höfling der Macht, ist ein unver­­­hohlenes Porträt von Gustaf Gründgens, mit dem Klaus Mann in den 20er Jahren selbst auf der Bühne gestanden hatte. Eine Zeitlang war der Schauspieler Gründgens sogar Teil der Familie, als Schwager von Klaus Mann. Gerade diese frühere Nähe gibt der Figur des Karrieristen Höfgen im Roman nun eine wirkungs­volle Tiefenschärfe.

"Die Sentimentale sagte mit seelenvollem Blick zum Intendanten, für den sie eine geheime, jedoch nicht gar zu geheime Zuneigung im Busen trug: „Ich habe Ihnen noch gar nicht gesagt, Hendrik, wie wunderschön ich Ihren Hamlet finde.“ Er drückte ihr schweigend die Hand, wobei er einen Schritt näher an sie herantrat, und ebenso innig zu blicken versuchte, wie es ihr von Natur gegeben war. Der Versuch musste missglücken. Seine fischigen Juwelenaugen gaben so viel sanfte Wärme nicht her."

Eine gültige Analyse

„Mephisto wird ein kaltes und böses Buch. Vielleicht wird es den harten Glanz des Hasses haben“, hat Klaus Mann in sein Tagebuch notiert. Der Hass des Autors auf den früheren Weggefährten Gründgens gibt dem Roman seine Vitalität und Wahrhaftigkeit, bis heute. Wie zahlreiche Über­setzungen und hohe Auflagen des Buches in anderen Ländern beweisen, funktioniert „Mephisto“ jedoch auch ohne Kenntnis der historischen Figur Gründgens, ohne biographische Bezüge. Denn getragen von seinem Ab­scheu gegenüber den künstlerisch begabten Mitläufern der Nazis, ist Klaus Mann hier eine gültige Analyse gelungen. Eine Analyse der Mecha­nismen, durch die Kunst und Macht eine unheilige Allianz eingehen können.

"Dann erhob er die Stimme. Sie hatte einen leuchtenden, raffiniert geschulten Metallton und war bis in die entferntesten Winkel des großen Saales hörbar und wirksam, als sie ausrief: „Herr Ministerpräsident! Hoheiten und Exzellenzen! Meine Damen und Herren! Wir sind stolz, ja, wir sind stolz und froh – dass wir dieses Fest heute in diesem Hause mit Ihnen, Herr Minister­präsident, und mit ihrer wundervollen Gattin begehen dürfen.“"

Schlüssig, rund und ohne Manierismen

Jens Harzer

Jens Harzer

Für die neue Hörbuch-Fassung von „Mephisto“ hat Jens Harzer sich hörbar in die Sprachwelt Klaus Manns vertieft. Schlüssig und rund gelingen ihm die darstellenden Passagen, hellwach, dabei ohne Manierismen. Aus dieser Grundhaltung gestaltet Harzer auch die wörtliche Rede der Figuren: Zurückhaltend in der Charakterisierung, wechselt Harzer die Sprechhal­tung nur in Andeutungen. Sein Hendrik Höfgen erstarrt so nicht zur Karikatur des großen Mimen und schwachen Menschen Gustav Gründgens – sondern gibt den Hörern die glaubhafte Figur eines Schauspielers, der für seine Kunst lebt und gerade dadurch zum Mittäter wird.

"Alle Augen waren auf Hendrik Höfgen gerichtet. Alle bewunderten ihn. Er gehörte zur Macht. Er war ihres Schimmers teilhaftig – solange der Schimmer hielt. Von ihren Repräsentanten war er einer der Feinsten und Gewandtesten. Seine Stimme brachte, anlässlich des 43en Geburtstages seines Herrn, die überraschendsten Jubeltöne hervor. Er hielt das Kinn hoch gereckt; seine Augen schimmerten. Seine sparsamen und kühnen Gesten hatten den schönsten Schwung. Er vermied es aufs Sorgsamste, ein wahres Wort zu sagen. (…) Eine geheime Verabredung verlangte es so. In diesem Saale – wie im ganzen Land."

Klaus Mann: "Mephisto" (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 25.04.2019 06:03 Min. Verfügbar bis 24.04.2020 WDR 3

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Stand: 23.04.2019, 12:44