Egon Erwin Kisch - Was ich heute fand!

Hörbuchcover: Egon Erwin Kisch: Was ich heute fand!

Egon Erwin Kisch - Was ich heute fand!

Von Monika Buschey

Eine Hommage an den "rasenden Reporter" Egon Erwin Kisch aus Prag: Texte aus drei Jahrzehnten von einem brillanten, vielseitigen Autor, der sich für Frieden und soziale Gerechtigkeit engagierte.

Egon Erwin Kisch: Was ich heute fand!
Gesprochen von Bernd Stephan
GoyaLIT
2 CDs, 169 Minuten Laufzeit, 13 Euro.

Egon Erwin Kisch: Was ich heute fand (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 22.10.2020 05:40 Min. Verfügbar bis 22.10.2021 WDR 3


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Der kreative Umgang mit der Wahrheit

"Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Journalist nichts von den Geheimnissen seiner Technik ausplaudern soll."

Ein Egon Erwin Kisch allerdings findet sehr eigene Auslegungen für Gebote, die andere sich für ihn ausgedacht haben.

"An ungeschriebene Gesetze halte ich mich ebenso wenig wie an geschriebene."

In seinem Fall unbedingt ein Erfolgsrezept, denn er findet schnell seinen eigenen Weg und den unverwechselbaren Stil. In jungen Jahren, so heißt es, habe Kisch außerdem recht kreativen Umgang mit der sogenannten Wahrheit gepflegt. Was bedeuten soll, dass er um der guten Geschichte willen ein Ereignis dramatisch aufgeladen und farbig ausgeleuchtet hat. Es liest sich dann einfach besser, ist sein Argument. Ob es wirklich stimmt, dass die Polizei in damals vergleichsweise harmlosen Zeiten einen flüchtenden Übeltäter in ihm gesehen hat? Wer weiß.

 "Ich war umzingelt!"

Ein fiktiver Briefwechsel während des ersten Weltkriegs

Ein Schwadroneur und heiterer Geschichtenerzähler ist er darüber nicht geworden. Egon Erwin Kisch hat zwei Weltkriege erlebt, den Faschismus, das Exil. Und er hat sich engagiert. Sein Schreiben, auf genauer Beobachtung beruhend, als Gegengewicht zu Pateipropaganda und Kriegshetze. Der imaginäre Briefwechsel mit dem Teilnehmer des Ersten Weltkriegs, Adolf Hitler, belegt eindrucksvoll, mit wie raffinierten Mitteln Kisch zu Werke geht.

"Lieber Kollege Meldegänger! Besten Dank für die prompte Antwort. Sicherlich hast Du nur deshalb, weil ich mich als Dein engerer Fachkollege aus dem Krieg legitimierte, so rasch geantwortet, noch dazu aus Bayern, wohin Du doch eigentlich zur Erholung gefahren bist."  

Mit leisem Hohn zählt Kisch die erfundenen Heldentaten auf, die der selbsternannte Führer vollbracht haben will.       

"Aber es gibt auch Leute, die wissen, was es mit dem Kriegsheldentum auf sich hat, die wissen, dass man auch mit dem wirklich verliehenen EK I oder mit dem pour le mérite ein Feigling sein kann, der Mordwut entfesselt und sie nicht einzudämmen wagt, der jämmerlichste Feigling, nämlich einer, der seinen Mut gegen Wehrlose betätigt. Schreib mir bald wieder, Adolf, ich werde Dir die Antwort nicht schuldig bleiben. Mit unveränderten Gefühlen Egon Erwin Kisch."

Verhaftung und Flucht, aber keine Resignation

Dass so einer zu den Verhafteten der ersten Stunde gehört, die nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933  in aller Frühe des folgenden Tages aus dem Bett geholt werden, verwundert nicht.    

"Das Zimmer in der Motzstrasse hatte ich genau vier Wochen vorher bezogen – an dem Tage, an dem Herrn Hitler die Macht über Deutschland von Herrn Hindenburg übergeben worden war. Von Hindenburg, den die Sozialdemokraten einige Monate vorher mit ungeheurer Agitation zum Reichspräsidenten kandidiert hatten."

Unter den Mitgefangenen erkennt Kisch die intellektuelle Elite der Stadt, Schriftsteller, Künstler, Politiker von der anderen Seite.         

"Bleich ob ihrer Ohnmacht erleben die Gefangenen den ersten amtlichen Greul."

Kisch kommt noch einmal davon. Er emigriert über Paris nach Mexiko. Er resigniert nicht. Er beobachtet, bleibt neugierig, schreibt. Die Geschichten hinter den Kulissen der großen Politik interessieren ihn besonders. Nach dem Krieg besucht er einen Flickschuster in Zürich. Während der Kriegsjahre 1916, 17 hat der Schuster ein Zimmerchen an einen gewissen Wladimir Iljitsch Uljanow vermietet. Später nannte er sich Lenin.     

"Was für ein Mieter war der Herr Uljanow?
Mein Gott, ich war zufrieden mit ihm. 28 Franken hat er monatlich für das Zimmer bezahlt. Das war genug im Krieg. Und er hat uns nicht viel zu schaffen gegeben."

Texte und Gedichte eines abenteuerlichen Lebens

Das Hörbuch versammelt Texte aus den verschiedensten Zusammenhängen, ein bisschen wie Kraut und Rüben. Hilfereich wäre es gewesen, die Titel im Booklet wenigstens mit einer Jahreszahl zu versehen, aus der sich hätte schließen lassen, an welchem Ort und in welcher Phase eines abenteuerlichen Lebens sie entstanden sind.

Bernd Stephan fühlt sich in den jeweiligen Duktus geschmeidig ein, er liest mit Gespür für die Zwischentöne, für die ironischen Hintergrundschraffuren im Text. Die Gedichte von Egon Erwin Kisch, aus dem Ärmel geschüttelte Stabreimereien, finden selten Beachtung. Im Hörbuch schon. Sie sind einfach so schön kurz und lassen sich mühelos zwischen die größeren Textblöcke schieben.

"Was ich heute fand!
Ich hielt die Frau, sie mich umfasst, wir fühlten die Liebe erglühn
Fast fürcht ich, es sei ein schwerer Traum, ein Scheingespinst, das sich vor mir erhöbe
Denn heute fand ich – ich fass es kaum – die Liebe, die Liebe, die Liebe!"

Stand: 17.10.2020, 14:23