Wang Ting-Kuo - Der Kirschbaum meines Feindes

Wang Ting-Kuo - Der Kirschbaum meines Feindes

Wang Ting-Kuo - Der Kirschbaum meines Feindes

Von Insa Wilke

Der Debütroman „Der Kirschbaum meines Feindes“ erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der sein Glück sucht und entsetzlich scheitert. Ein nur scheinbar unpolitisches Buch.

Wang Ting-Kuo
Der Kirschbaum meines Feindes

Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling
Arche Literatur Verlag, Zürich-Hamburg 2019
283 Seiten
22 Euro

Ein lebender Mythos der Wohltätigkeit

Am Anfang tritt ein Mann in ein Café ein und wird seines Lebens nicht mehr froh werden. Es handelt sich um den "werten" Herrn Luo, den "guten", den "anrührend bescheidenen" und "hochanständigen" Herrn Luo, der ein lebender Mythos der Wohltätigkeit ist. Der Erzähler, der dieses Café eröffnet hat, um Herrn Luo zu zeigen, dass es einen Menschen auf der Welt gibt, der ihm niemals vergeben wird, kommentiert:

"Die Welt da draußen brauchte diese Harmonie, das Örtchen sonnte sich noch im Licht, das von diesem Helden ausstrahlte."

Ein trügerisches Licht

Unzulänglichkeit und Unverfälschtheit sind die beiden Worte, die der taiwanesische Schriftsteller Wang Ting-Kuo seiner im Rückblick erzählten Geschichte wie ein Menetekel eingeschrieben hat. Drei Lügen also: Denn weder ist Herr Luo ein Held noch ist der Erzähler von Wangs Debütroman "Der Kirschbaum meines Feindes" so unverfälscht, wie es sein "Boss" behauptet. Der ist wiederum selbst ein sündiger Immobilienhändler, der seinen Kunden blühende Landschaften auf erdrutschgefährdete Abhänge malt. Und Aki, die Ehefrau und Retterin des Erzählers ist auch nicht so unzulänglich, wie sie es mantraartig so lange wiederholt, bis auch ihr Mann von ihrer und seiner Unzulänglichkeit überzeugt ist.

Das Geheimnis um Herrn Luo und sein Vergehen rutscht irgendwann wie der Berghang des Bosses ins Vergessen. Denn es ist die unheimliche und doch ganz leicht und hell erzählte Geschichte über die zerstörerische Schwerkraft sozialer Herkunft, um die es bei Wang Ting-Kuo geht.

Wang Ting-Kuo

Wang Ting-Kuo

Wangs Kurgeschichten-Band "So heiß, so kalt" räumte im Jahr 2013, berichtet sein Übersetzer Johannes Fiederling, ein Dutzend Literaturpreise ab. Am Mythos des Autors hatte wohl auch mitgewirkt, dass er sich bis 2004 eine 25jährige Schreibpause auferlegt hatte, in der er selbst offenbar sehr erfolgreich in der Immobilienbranche gearbeitet hat.
Sein erster Roman fand im Jahr 2015 nun ebenfalls beachtliche Aufmerksamkeit im chinesischsprachigen Raum, sowohl in Taiwan, also der Republik China, als auch auf der anderen Seite der Taiwan-Straße, in der Volksrepublik China.

Man versteht das sofort, denn auch in der feinen deutschen Übersetzung von Johannes Fiederling zeigt sich die maliziöse Doppelbödigkeit von Wangs Sprache und Erzählweise. Herr Luo ist es, der dem Paar den ersten Kaffee kredenzt und der Erzähler weiß, was erwartet wird:

"Nicht bloß salopp ein paar Lobesworte zu verlieren, nein, man musste den bitteren Geschmack des Lebens an sich umarmen, erst dann war man in der Lage, mit allen Sinnen feierlich das reichhaltige Aroma in sich aufzunehmen, der einsamen Seele dieser Bohne nachzuspüren und anschließend den geheimnisvollen Rülpser zu unterdrücken, der in einem aufwallte, und stattdessen, überaus zaghaft und scheu, wie er war, andächtig zwischen Speiseröhre und Kehle hin und her wandern zu lassen."

Zwei Staubkörnchen vermählen sich

Hier geht es nicht nur um eine Vorausdeutung auf die Entfremdung zwischen ihm und Aki. Es geht darum, dass der Erzähler von ganz unten kommt, was man erst im zweiten Teil des Romans erfährt. Es geht um die ängstliche und manchmal auch fast somnambule Erfüllung von Erwartungen, um sich hochzuarbeiten. Traumatisch war es als Kind für ihn, seinen sozialen Status zu erkennen. Das Trauma verbindet ihn mit Aki, der er eines Tages begegnet und die seine Frau und sein Glück wird.

"Zwei Staubkörnchen vermählen sich, ein Schwammkürbis heiratet eine Winterbambussprosse. Unendlich romantisch und bittertraurig zugleich."

Ein Gefühl der Unzulänglichkeit

Bitter: die beiden glücklich Liebenden, die beieinander geborgen sind, können eben nicht "unverfälscht" miteinander umgehen, weil sie sich unzulänglich fühlen. Dieses Gefühl der Unzulänglichkeit und die ihr auf dem Fuß als Überlebenstechnik folgende Unfähigkeit, sich gegenseitig seine Ängste, Schwächen und Wünsche zuzumuten, zeigt Wang Ting-Kuo sehr subtil als Folge eines harten Gesellschaftssystems.

Ganz leise und im Hintergrund entwickelt Wang dieses Thema von der sogenannten "niedrigen Herkunft". Sie verleihe einem vielleicht eine "aus Kummer geborenen Energie", wie es im Roman heißt, die es Wangs Figuren ermöglicht, sich aus der finanziellen Not zu retten. Aber die Einsamkeit dieses Existenzkampfes verhindert die Befreiung von unbewussten Prägungen. Das unterstreicht Wang mit den Anspielungen auf Hemingways Klassiker "Der alte Mann und das Meer". Die Figuren in diesem späten Debüt verwandeln sich in das Geräusch von Wellen, wie Aki einmal sagt, Wellen, „die den Strand nicht finden“. Ein dicht erzählter Text über das Drama zwischen zwei Menschen, dem man seine cartoonartigen, eher poppigen Ausflüge in die Welt der Immobilienbranche allein für die starken Anfangsszenen nachsieht.

Wang Ting-Kuo: "Der Kirschbaum meines Feindes"

WDR 3 Buchrezension | 26.09.2018 | 05:02 Min.

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Stand: 23.09.2018, 20:38