Christoph Poschenrieder - Kind ohne Namen

Christoph Poschenrieder - Kind ohne Namen

Christoph Poschenrieder - Kind ohne Namen

Von Barbara Geschwinde

Das "Kind ohne Namen" ist ein ungeborenes Kind. Es steht im Mittelpunkt des Romans von Christoph Poschenrieder, der eine Liebesgeschichte, ein Entwicklungsroman und zugleich ein kluges Lehrstück über Manipulation ist.

Christoph Poschenrieder
Kind ohne Namen
Diogenes Verlag, Zürich 2017
288 Seiten
22 Euro

Es ist der fünfte Roman, den der 53jährige Christoph Poschenrieder vorlegt. Er spielt in einem Dorf, das weit entfernt scheint von der Zivilisation. Die Straße endet hier und es gibt kein Handynetz im Tal. Aber im Herbst 2015 kommen auch hier ein paar Flüchtlinge an; nur gut eine Handvoll, aber genug, um den scheinbaren, oberflächlichen Frieden im Dorf zu erschüttern. Während einige Dorfbewohner Angst vor der Überfremdung haben, wittern andere schon das große Geschäft. Und ein jeder weiß seine Interessen wirkmächtig zu inszenieren.

Christoph Poschenrieder - Kind ohne Namen

WDR 3 Mosaik | 15.01.2018 | 04:59 Min.

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Die Kulisse einer glücklichen Kindheit

"Ich habe das Dorf verlassen, nachdem ich es für die Kulisse einer – alles in allem – glücklichen Kindheit benutzt hatte. Barfuß laufen, fremde Kirschen essen, das erste Herumfummeln am eigenen und am anderen Geschlecht, Natur überall, das Gefühl, neben dem frisierten Mofa des Nachbarn das lauteste Geschöpf in einem stillen Hain zu sein. Mir tun die leid, die nicht auf dem Dorf aufwachsen; und die, die ihr ganzes Leben dort verbringen müssen."

Zurück im Dorf

Die nüchterne Bilanz von Xenia, der Protagonistin des Romans. Sie hat das Dorf verlassen, um in der Stadt zu studieren. Nach einem Jahr allerdings hat sie das Experiment abgebrochen und ist in ihre Heimat zurückgekehrt. Den eigentlichen Grund dafür erfährt der Leser sofort; ihre Mutter und die übrigen Dorfbewohner jedoch nicht: Xenia ist schwanger. Solange sie ihre Schwangerschaft geheim halten kann, arbeitet Xenia im Wirtshaus. Hier erfährt sie alles über das Leben im Dorf, denn am Stammtisch verhandeln die Gäste das aktuelle Geschehen. Der brisanteste Gesprächsstoff ist die bevorstehende Ankunft von Flüchtlingen, die natürlich von den meisten mit Skepsis, Angst und Ablehnung erwartet wird.

Christoph Poschenrieder

Christoph Poschenrieder

Ein anderes Thema im Dorf ist der Burgherr. Er thront in seiner Festung oberhalb der Siedlung und nimmt eine herausragende Stellung innerhalb der Gemeinschaft ein.

"Der Burgherr macht einen altmodischen Eindruck – wie er redet, wie er sich kleidet -, ist aber ganz modern: Ideologien streift er ab und zieht er über, wie er sie braucht, wie einen Pullover. Angeblich war er eine große Nummer in der Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre. Getratscht wird viel: vom Saulus zum Paulus, sagen die Leute. Ich bin ja ein und ausgegangen bei ihm. Frau und Kinder hat er nicht, nur "Gefolgsleute", wie er den Schwarm nennt, den er um sich hat".

Jungs in Tarnanzügen

Die sogenannten Gefolgsleute des Burgherren sind ein Trupp paramilitärischer Jungs, die in Tarnanzügen und mit Holzgewehren durch den Wald ziehen und irgendwie vom Burgherren finanziert werden. Einer dieser lächerlichen Pseudo-Soldaten ist Xenias missratener Bruder. Die Personenkonstellation in "Kind ohne Namen" weist eindeutige Parallelen zu der in der Novelle "Die schwarze Spinne" von Jeremias Gotthelf auf. In dieser Novelle gibt es eine todbringende schwarze Spinne, die das Unheil verkörpert und nur durch einen Pakt mit dem Teufel aufgehalten werden kann, indem ihr ein ungetauftes Kind geopfert wird. Das Setting, also die unterschiedlichen Vorstellungen von Gut und Böse hat Christoph Poschenrieder als Ausgangssituation genommen und an die heutige Zeit angepasst.

"Die Personen und Begebenheiten in diesem Roman sind imaginär, aber nicht ohne Bezug zur Realität."

Eine Art aggressive Willkommenskultur

Diese Worte stellt Christoph Poschenrieder seinem Roman voran und spielt damit auf den Entstehungszeitraum an, den Herbst 2015, als Tausende von Flüchtlingen in Deutschland Schutz suchten.
Erzählt hat er erstmals aus der Perspektive einer Frau, der von Xenia.
Die Mutter von Xenia vertritt eine Art aggressive Willkommenskultur und schließt zugleich mit dem Burgherr einen Pakt, damit die Unterkünfte für Flüchtlinge langsamer gebaut werden. Damit will sie erreichen, dass sich die Dorfgemeinschaft stufenweise an den Zuzug von Fremden gewöhnen kann. Das Opfer ist ebenso wie in Gotthelfs Novelle ein ungetauftes Kind. Dass ihr eigenes Enkelkind dieses Opfer sein wird, ahnt Xenias Mutter allerdings nicht als sie den Pakt besiegelt, analysiert ihre Tochter treffend:

"Mutter hat das Kind ihrer Tochter verschachert, damit ihr Sohn eine Flüchtlingsunterkunft abbrennt. Nicht geplant, aber es sieht ganz so aus. Damit muss man erst mal klarkommen. Ich, sie. Mutter sieht mich an wie in diesem Gemälde von Munch, mit aufgerissenem Mund, die Hände an die Wangen gepresst."

Gut und Böse

Damit wird das Dilemma deutlich: Gut und Böse sind nicht eindeutig. Xenias Mutter, die sich für die Aufnahme von Flüchtlingen engagiert, also zweifelsfrei zu den Gutmenschen gehört, verheddert sich in dubiosen Schachzügen und Strategien, die letztendlich allen Schaden zufügen. Auch Xenia, die sich scheinbar um die Neuankömmlinge im Dorf kümmert, hat eigentlich nur den schönen Ahmed im Sinn. Als sie einen amtlichen Brief an ihn verschwinden lässt, schlägt ihre Hilfsbereitschaft endgültig in Eigennutz um. Spielerisch greift Christoph Poschenrieder Elemente der Bezugsnovelle auf und schafft mit Eleganz und Humor eine märchenhafte moderne Parabel. Seine Freude am Spiel mit der Sprache ist ansteckend. Ob das Handynetz zu Luftwurzeln wird oder das Dorf Tyfenelren heißt mit TY am Anfang. Ein Name, den niemand aussprechen kann und hinter dem sich das Dorf Tiefenellern bei Bamberg verbirgt. "Kind ohne Namen" ist zugleich ein Entwicklungsroman, eine Liebesgeschichte und ein kluges Lehrstück über das Manipulieren von Menschen.

Stand: 15.01.2018, 09:46