Buchcover: "Der Erinnerungsfälscher" von Abbas Khider

"Der Erinnerungsfälscher" von Abbas Khider

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Ergreifend und tröstlich – Abbas Khiders Roman "Der Erinnerungsfälscher" erzählt so bewegend wie amüsant vom Leben in der Fremde und von der Genese eines Schriftstellers. Eine Rezension von Andrea Gerk.

Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher
Hanser Verlag, 2022.
128 Seiten, 19 Euro.

"Der Erinnerungsfälscher" von Abbas Khider

Lesestoff – neue Bücher 25.01.2022 04:59 Min. Verfügbar bis 25.01.2023 WDR Online Von Andrea Gerk


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Keine vollständige Erinnerung

Said Al Wahid, die Hauptfigur in Abbas Khiders neuem Roman ist – wie der Autor - vor vielen Jahren aus dem Irak über viele Umwege nach Deutschland gekommen. Nun lebt er mit seiner deutschen Frau Monica und dem kleinen Sohn in Berlin Neukölln und möchte Schriftsteller werden. Aber sobald er über sein Leben schreiben will, scheitert er daran, sich überhaupt zu erinnern:

"Sein ganzes Leben bestand aus wahllos sich überlagernden Bildern, kurzen Sätzen, lückenhaften Szenen und Anekdoten. Nichts schien vollständig zu sein, kein einziges Erlebnis in seiner Erinnerung."

Als Said einen Arzt aufsucht, empfiehlt der ihm eine Psychotherapie im Behandlungszentrum für Folteropfer:

"Typisch, dachte Said. Wenn ein Migrant mit etwas kommt, das man in Deutschland nicht begreift, nennt man es 'Trauma'. Was soll man tun, wenn das ganze Leben ein einziges Trauma ist? Soll man das Leben in ein „Behandlungszentrum für Folteropfer“ schicken?// Es gibt Orte im Gedächtnis, die sind wie Minenfelder, sie können einen in Stücke reißen. Ein Leben kann schön und erträglich sein – wenn man diese Orte meidet."

Auf einmal sind die Geschichten da

Anstatt sich in Therapie zu begeben, findet Said im Internet den Begriff "Erinnerungsverfälschung", er beschließt, das Fehlende einfach zu erfinden und auf einmal sind die Geschichten da. So erinnert sich Said an Stationen seiner Flucht, wie er über Jordanien, Libyen und Griechenland nach München kommt, wo er die "deutsche Sprache mit ihren Millionen Ausnahmeregelungen lernt" und studiert.

Er erzählt von zermürbenden Kämpfen um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, von alltäglichem Rassismus in Behörden, in der Kneipe oder am Flughafen, wo er – mit seinem langen Haar und der "schattigen Hautfarbe" bei den Grenzbeamten alle Alarmsignale auslöst:

"Er könnte Drogenbaron oder Dschihadist sein – ein Typ wie aus einem Hollywoodfilm. Ein Mann mit einem arabischen Namen in einem deutschen Reisepass noch dazu. Das ist zu viel für die Wahrnehmungsorgane der deutschen Gesetzeshüter."

Zurück nach Bagdad

Wo auch immer Said hingeht, auch wenn er nur einen kurzen Gang zum Supermarkt macht, hat er seinen Reisepass dabei. Auch als ihn nach einer Lesung in Mainz sein Bruder anruft, weil die Mutter im Sterben liegt. Said macht sich nach langer Zeit auf den Weg nach Bagdad und damit beginnt auch eine Reise in seine traurige Geschichte.

Denn als Saddam Hussein Ende der 70er Jahre an die Macht kam, wird Saids Vater, ein Beamter, als "Verräter" hingerichtet. Die Familie darf nur "leise weinen" und verliert alles: Einkommen und soziale Achtung. Jahre später, als der Irak längst "bärtig und verschleiert" geworden ist, wie es im Buch heißt, kommt Saids Schwester und ihre Familie bei einem Bombenattentat ums Leben.

"Möglicherweise hat die Mutter es eilig, den Rest der Familie im Jenseits wiederzusehen. Keiner der Überlebenden ihrer Sippe hat eine Ahnung, wo der Leichnam des Vaters beerdigt wurde. Von den Körpern der Schwester und ihrer Familie fand man kaum noch Überreste. Im Irak, das weiß Said, drehen sich die Minutenzeiger nicht über Ziffern, sondern über Wunden."

Ein lebensbejahender und tröstlicher Roman

Abbas Khider gelingt in diesem schmalen Buch das Kunststück, spürbar werden zu lassen, wie tief Krieg, Folter und Verlust einen Menschen prägen und wie absurd und lustig das Leben trotz allem oder gerade deshalb sein kann.

Etwa, wenn Said in einer Neuköllner Kneipe einkehrt, sich gleich darauf ein Rassist zu ihm an den Tisch setzt und eine haarsträubende Diskussion über Asylbewerber und Abschiebung anfängt. Als Said entnervt das Lokal verlässt, läuft der andere ihm wenig später hinterher, nur um vom Wirt auszurichten, dass der es schön fände, wenn der neue Gast bald einmal wiederkäme.

Abbas Khider zeigt in seinem Roman nicht nur, dass jedes Erinnern im Prinzip immer auch Fiktion ist, sondern er handelt auch von der heilsamen Kraft eines solchen "konstruktiven" Erinnerns, also dem Erzählens. So ist "Der Erinnerungsfälscher" ein wunderbar intensiver und auf vielen Ebenen ergreifender und trotz oder wegen all dem Schmerz, der sich wie ein Grundton durch den Text zieht, ein zutiefst lebensbejahender und tröstlicher Roman.