Buchcover: "Man leben von einem Tag zum anderen. Briefe 1935-1948" von Irmgard Keun

"Man lebt von einem Tag zum andern" von Irmgard Keun

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Dieser Briefband veranschaulicht, dass Anstand und Solidarität auch unter einer Diktatur möglich sind. Franz Hammer und Irmgard Keun tauschten sich in den 1930er Jahren aus, als seien die Zensoren der Nationalsozialisten nicht allgegenwärtig. In ergänzenden Briefen schreibt die Schriftstellerin von der Not und den Ängsten im zertrümmerten Köln. Atemberaubend und beklemmend sind diese Dokumente. Eine Rezension von Stefan Berkholz.

Irmgard Keun: Man lebt von einem Tag zum andern
Herausgegeben von Michael Bienert.
Quintus-Verlag, Berlin 2021.
176 Seiten, 24 Euro.

"Man lebt von einem Tag zum andern" von Irmgard Keun

Lesestoff – neue Bücher 01.02.2022 05:16 Min. Verfügbar bis 01.02.2023 WDR Online Von Stefan Berkholz


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Zwei Entwurzelte

Zweieinhalb Jahre nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten finden zwei Unbehauste und Entwurzelte in Briefen zueinander. Franz Hammer lebt als Kommunist im thüringischen Eisenach, "diesem geist- und trostlosen Nest", wie er schreibt.

1933 bedeutet für ihn das Ende seiner noch gar nicht begonnenen Schriftstellerkarriere, sein erster Roman kann nicht erscheinen. Irmgard Keun lebt zu dieser Zeit in Köln, später jagt sie dann in rasender Hast durch Europa. Letztlich leben beide wie im Wartestand.

"Nur das graue Wirrwarr macht traurig. Was könnte man nur tun? Immer nur schreiben? Was meinen Sie denn? Man muss doch was tun. Ist Warten eigentlich was Sinnvolles?"

Verbotene Veröffentlichungen

So Irmgard Keun Anfang September 1935. Sie war eine mutige, eigenständige, tatkräftige und auch hoffnungsfrohe Frau, die freilich früh Alkoholprobleme hatte und daran schließlich zerbrach.

Sie ließ sich nicht eingemeinden in die nationalsozialistische Reichsschrifttumskammer – und veröffentlichte trotzdem und verbotenerweise und unter eigenem Namen weit mehr als dreißig Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften zwischen Dezember 1933 und Januar 1936, abschätzig spricht sie von "meinen harmlos bleichen Geschichten". Im Oktober 1935 platzt ihr der Kragen:

"Warum man mich nicht in den Reichsverband aufgenommen hat? Ich weiss es nicht. Ich bin rein arisch, mein Stammbaum nimmt gar kein Ende. Es kotzt mich an, sowas sagen und schreiben zu müssen."

Briefe in einer düsteren Zeit

Erstaunlich ist es, wie rasch hier zwei Gefährdete Vertrauen zueinander finden, wie offen und politisch eindeutig sie sich in diesen Briefen in düsterer, überwachter Zeit austauschen. Auf ihrer Flucht durch Europa schreibt Irmgard Keun im Februar 1937 aus Lemberg in Polen:

"Wie geht es Ihnen? Wie geht es in Deutschland? Mir kommt es vor, als sei ich schon viele, viele Jahre unterwegs. Mein Leben ist vielleicht interessant aber furchtbar ermüdend. Allmählich habe ich halb Europa durchhetzt. (…) Man lebt von einem Tag zum andern, hat nie Geld."

Anstand und Freundschaft unter einer Diktatur

Es war eine kurze, intensive Brieffreundschaft zwischen Franz Hammer und Irmgard Keun, sie dauerte eigentlich nur anderthalb Jahre, vom Juli 1935 bis zum Februar 1937. Diese zwanzig Briefe wirken wie Leuchtzeichen aus trüber Zeit, Anstand und Freundschaft waren auch unter einer Diktatur möglich.

Ergänzend hat der Herausgeber Michael Bienert zehn weitere Briefe Keuns hinzugefügt, in denen sie unter anderem panisch von den Bombenangriffen auf Köln und Umgebung berichtet. Im Oktober 1944 schreibt sie an eine Freundin.

"Dann kam akute Luftgefahr. Grossangriff auf Bonn und Umgebung. Godesberg bekam auch mit. Ich stand mit anderen Leuten in einer Kellerecke (der Keller war zu ebener Erde) auf einem Kohlenhäufchen und hatte mehr Angst als jemals zuvor. Noch am nächsten Tag war ich ganz verzweifelt und fassungslos vor Entsetzen. (…) Sobald ich schiessen höre, packt mich ein Grauen vor der ganzen Welt."

Was verloren gegangen ist

Und nach Kriegsende dann die Trümmerwüste in Köln und der verzweifelte und zugleich doch auch hoffnungsfrohe Versuch, aufzubauen. Atemberaubend und beklemmend auch diese Beobachtungen vom April 1946.

"Der ganze Schutt ist fortgeräumt, d.h. er liegt noch vorm Haus – aber nicht mehr drin. (…) Es kommt mir wie ein Märchen vor, dass aus diesen Trümmern ein Zimmer entstehen konnte (…). Glasfenster und Tür sind schon drin. (…) Das Zimmer sieht etwas wie ein Soldaten-Mannschaftsraum in klein aus."

Ein kleines, sehr feines Buch liegt vor, differenziert und materialreich vom Herausgeber Michael Bienert kommentiert und begleitet. Als Leser bekommt man wieder eine Ahnung davon, was verloren gegangen ist durch die Zeit zwischen 1933 und 1945.