Navid Kermani - Was jetzt wichtig ist

Navid Kermani - Was jetzt wichtig ist

Navid Kermani - Was jetzt wichtig ist

Von Christian Kosfeld

Navid Kermani ist ein brillanter Denker und Redner, der immer wieder engagiert und emotional Debatten anstößt. Ein Hörbuch mit vier aktuellen, bedeutenden Reden von Navid Kermani.

Navid Kermani
Was jetzt wichtig ist.

Ungekürzte Autorenlesung.
Dankesrede Dönhoff Preis, Dankesrede Staatspreis Nordrhein-Westfalen,
Trauerrede für Rupert Neudeck, Rede zum 20. Jahrestag des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur
Argon,
ISBN 978-3-8398-7124-9

Ein brillanter Denker und Redner

Die öffentliche Rede ist eine bedeutende Kunst, die in Zeiten von Twitter-Erregungszuständen und Youtube-Schnipseln besonderes Gewicht bekommt.

Navid Kermani ist ein brillanter Denker und Redner, der nicht nur Bögen von der Religionsgeschichte und europäischen Kultur in Gegenwart und Politik schlagen kann, sondern engagiert und emotional Debatten anstößt. Das stellen auch die vier Reden auf diesem Hörbuch unter Beweis. 2016 erhielt er den Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung. In seiner Rede erinnerte er sich an eine Reise mit seiner Familie durch New Hampshire in den USA. Kermani erzählt, wie freundlich, offen die Menschen ihm und seinen Kindern begegneten, hilfs- und gesprächsbereit. Und doch hat ein Großteil von ihnen Donald Trump und dessen aggressive Abschottungspolitik gewählt. Navid Kemani denkt über vermeintliche Gewissheiten, über Protestbewegungen und über die amerikanische Singer-Songwriter Kultur nach.

"Und vielleicht nimmt das "north country fair" den Fremden auch deshalb so freundlich auf, weil dort alle Mensch einmal fremd gewesen sind. Es mag ein paar Generationen her sein, aber jeder Mensch hat dort einmal ein Dach überm Kopf, eine warme Suppe gebraucht. Es sind keine Rednecks, dafür scheint die Sonne im Nordosten auch zu kurz. Es sind Bauern, Jäger, kleine Leute und in den Städten Arbeiter, in deren Mitte das Volkslied politisch geworden ist, Woody Guthrie, Cisco Houston, Pete Seeger, die großen weißen Sänger der dreißiger und vierziger Jahre, die mit dem vollen, geradezu religiösen Pathos der Bürgerrechtsbewegung für ein gerechtes Amerika eintraten, das Amerika der Gewerkschaften, das Amerika sozialer Reformen, das Amerika, das sich seiner Schuld an den Ureinwohnern bewusst wird, das Amerika, das sich am frühesten gegen die Rassengesetze gestellt hat."

Das Ideal eines vereinten Europa

Navid Kermani

Navid Kermani

Am Ende steht ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Lagerbildung und Polarisierung, für die offene Gesellschaft und das Ideal eines vereinten Europa.

"Eine politische Union, die nationale Unterschiede bewahrt, mehr noch: Unterschiede sogar fördert, die Verschiedenheit in unseren Ländern, Städten und Klassenzimmern als Reichtum begreift und zugleich durch gemeinsame Ideale, verbindliche Rechtsnormen, demokratische Institutionen und sozialen Ausgleich zusammengehalten wird – was könnte auch und besonders jungen Menschen heute mehr einleuchten, ja sie begeistern, was entspräche mehr ihrem Lebensgefühl?"

Wie schwer das Wort "Deutsch" in Auschwitz wiegt

In seiner Rede zum 20jährigen Bestehen des Lehrstuhls für jüdische Geschichte in München erinnert sich der Orientalist an seinen Besuch in Auschwitz. Er gehörte zu einer deutschen Besuchergruppe, und Navid Kermani beschreibt, wie schwer das Wort "Deutsch" in Auschwitz wiegt, wie dieses Menschheits-Verbrechen unsere Kultur und Identität für alle Zeiten bestimmt.

"Instinktiv holte ich Luft, bevor ich den Aufkleber an die Brust heftete, auf dem schwarz auf weiß ein einziges Wort stand: deutsch. Das war es, diese Handlung, von da an wie ein Geständnis der Schriftzug auf meiner Brust: deutsch. Ja, ich gehörte dazu, nicht durch die Herkunft, durch blonde Haare, arisches Blut oder so einen Mist, sondern schlicht durch die Sprache, damit die Kultur. Wenn es einen einzigen Moment gibt, an dem ich ohne Wenn und Aber zum Deutschen wurde, dann war es nicht meine Geburt in Deutschland, es war nicht meine Einbürgerung, es war nicht das erste Mal, als ich wählen gegangen bin. Schon gar nicht war es ein Sommermärchen. Es war letzten Sommer, als ich den Aufkleber an die Brust heftete, vor mir die Baracken, hinter mir das Besucherzentrum: deutsch."

Was jetzt wichtig ist

Kermani redet über sich selbst in Auschwitz, über Paul Celan und Marcel Reich- Ranicki, Willy Brandts Kniefall in Warschau und unsere Gegenwart. Und er zitiert einen Rabbi: "Es gibt nichts Ganzeres als ein gebrochenes Herz". In seiner so brillanten wie emotionalen Rede denkt er darüber nach, dass gerade die Gebrochenheit der bundesdeutschen Identität ihre Stärke und Vitalität ausmacht, denn sie bedeutet Verantwortung. Auf der CD sind neben der Rede zur Verleihung des Staatspreises des Landes NRW auch Kermanis Gedanken bei der Trauerfeier für Rupert Neudeck zu hören. Der Journalist setzte sich Zeit seines Lebens für notleidende Menschen in aller Welt ein, gründete das Hilfswerk Cap Anamur, das tausende Geflüchtete aus Seenot rettete. Hörbar bewegt denkt Kermani an den Freund und engagierten Humanisten zurück. Er nimmt dabei sich selbst und uns alle in den Blick, wenn wir die Nachrichten von Not und Flucht verdrängen. Dass heute humanitäre Hilfe, gesellschaftliches Engagement verunglimpft wird, sei eigentlich widersinnig, meint Kermani. Denn gerade das Mitgefühl mache den Menschen aus. "Was jetzt wichtig ist" lautet der Titel dieser CD. Gut, dass uns Navid Kermani immer wieder daran erinnert.

"Man muss die Mitleidlosigkeit aushalten. Sie fällt uns schwer, denn sie entspricht uns überhaupt nicht, entspricht weder den Anlagen, die Gott uns mitgegeben hat, noch der Fürsorge, die wir durch unsere Eltern erfahren haben, und schon gar nicht der Zivilisation, in der wir aufgewachsen sind. Das Mitgefühl ist der natürliche, der menschliche Impuls, nicht die Gnadenlosigkeit. Einem Menschen in Not die Hand zu reichen, ist nichts, was wir lernen müssen, es ist etwas, was wir im Lauf unseres Lebens verlernt haben."

Navid Kermani: "Was jetzt wichtig ist" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 27.02.2020 06:06 Min. Verfügbar bis 26.02.2021 WDR 3

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Stand: 25.02.2020, 20:20