Etgar Keret - Tu's nicht. Erzählungen

Buchcover: "Tu’s nicht" von Etgar Keret

Etgar Keret - Tu's nicht. Erzählungen

Von Ferdinand Quante

Es geht um Leben und Tod, Liebe und Verluste. Die neuen Erzählungen des noch immer als Geheimtipp gehandelten Etgar Keret sind herzerfrischend und verstörend gut.

Etgar Keret: Tu's nicht. Erzählungen.
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner.
Aufbau-Verlag, Berlin 2020.
233 Seiten, 20 Euro.

Etgar Keret: "Tu's nicht"

WDR 3 Buchkritik 18.11.2020 06:06 Min. Verfügbar bis 18.11.2021 WDR 3


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Mehr als bloße Knalleffekte

Krasse Geschichten müssen vielschichtig und intelligent erzählt werden, wenn sie mehr bieten wollen als ein paar derbe Knalleffekte. So gesehen geht Etgar Keret in fast jeder Erzählung volles Risiko. Er lässt sich nämlich gerne extreme Sachen einfallen, die er plausibel und sinnfällig machen muss. Zum Glück gelingt ihm das. Zum Glück des Lesers.

Eine Geschichte heißt "Autokonzentrat" und handelt von einem namenlosen Mann und einem seltsamen Ding, einem Metallblock, der mitten in seinem Wohnzimmer steht. Wenn Besucher kommen, sind sie natürlich gleich neugierig, was es mit dem Block auf sich hat.

"Manchmal sage ich 'Das ist was von meinem Vater', manchmal 'Das ist ein Erinnerungsstück', oder, 'Das ist ein Mustang 68 mit Schiebedach', oder auch 'Das ist rotglühende Rache', und manchmal sogar 'Das ist der Anker, der dieses ganze Haus am Platz hält, ohne das wäre alles schon längst in den Himmel abgesegelt'."

Der Wunsch nach einem Familienleben

Vater, Auto, Rache, Erinnerung. Der starre Block scheint ein ziemlich dynamisches Etwas zu sein, aufgeladen mit einer Energie, die den Mann zum Reden bringt. Aus beiläufigen Nebensätzen erfährt man dann auch eine Reihe trauriger Tatsachen aus seiner Kindheit: Die Mutter bei einem Autounfall getötet, weil der Vater betrunken am Steuer saß. Er und sein Bruder mussten ins Heim, der Vater kaufte sich einen Ford Mustang, der nun also als Block im Wohnzimmer steht. Düster und verstörend das alles, doch in der Erzählung geht es erst mal munter weiter.

Der Mann lernt eine Frau namens Janet kennen. Sie haben Sex, der Mann fühlt sich gut, aber er will mehr als das – ein Familienleben nämlich, das er nie gehabt hat. So bittet er Janet, beim nächsten Besuch ihre siebenjährigen Zwillinge mitzubringen. Kaum sind sie da, fragt einer der beiden nach dem Metallblock.

"Ich sage, das ist ein Autokonzentrat, das ich bei mir im Wohnzimmer für den Notfall aufhebe, falls mein Pick-up kaputtgeht. 'Und was machst du dann?', fragt David mit riesigen, weitaufgerissenen Augen. 'Dann vermische ich es mit genug Wasser so lange, bis es fertig ist, und fahre damit zur Arbeit.'"

Die fast ganze Wahrheit über den Metallblock

Die Zwillinge nehmen ihn beim Wort, und als ihre Mutter und der Mann noch schlafen, setzen die beiden Jungen das Autokonzentrat mitsamt dem Wohnzimmer unter Wasser. Janet ist außer sich und ohrfeigt eins ihrer Kinder. Der Mann greift ein, stößt sie weg, sie stürzt – es ist das Ende ihrer kurzen Beziehung. Der Mann will’s nicht wahrhaben und stellt sich vor, wie er Janet zurückgewinnt, um ihr dann zu sagen, was es mit dem Metallblock und seinem Vater auf sich hat.

"Ich werde ihr von jener Nacht am Schrottplatz erzählen. Was für ein Genuss es für mich war, diesen Wagen, den er so schrecklich liebte, zu einem Haufen Nichts zusammengequetscht zu sehen. Ich werde ihr alles erzählen, dann versteht sie vielleicht. Fast alles. Außer einem – dass die Leiche von meinem Vater, als ich sein Auto zum Schrottplatz in Cleveland gebracht habe, noch warm im Kofferraum lag."

Skurril aber dennoch schlüssig

Die Offenbarung ist haarsträubend, aber kein bloßer Knalleffekt, weil der Verlauf der gerade mal acht Seiten langen Geschichte diesen monströsen Schlusspunkt rundum beglaubigt. Das Tolle an Etgar Keret aber ist, dass seine skurrilen, fantastischen, manchmal auch ganz dem Alltag abgeschauten Erzählungen, in denen es um Leben und Tod, um verzweifelte, gefährdete oder kaputtgegangene Liebe geht, immer schlüssig sind und zugleich etwas Rätselhaftes bewahren.

Da sind ein Mann und eine Frau, die ihr Leben ganz auf einen Hund fokussieren. Der Hund wird zum Bindeglied ihrer erodierenden Beziehung, und die beiden steigern ihre tierische Fürsorge ins Wahnhafte.

Da ist ein Pärchen, dessen Beziehungskonflikt ausgerechnet beim Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem wieder aufbricht. Eine private Katastrophe mit dem Holocaust zu verbinden ist ein erzählerischer Drahtseilakt, der vielleicht nur einem Etgar Keret gelingen kann.

Ein Vergnügen zwischen Alltag und Abgrund

Keret hat übrigens auch ein erfreulich komisches Talent. Ein Vater hat seinem Sohn zum Geburtstag eine Flugdrohne gekauft und stellt fest, dass die nötigen Batterien fehlen. Der Vater, der seit der Trennung von seiner gehassten Frau den Jungen nur selten sieht, geht mit dem kleinen Geburtstagskind ins Kaufhaus unter dem Vorwand, er dürfe sich dort was aussuchen, tatsächlich aber, um heimlich die Batterien zu besorgen. Das Geschenk eines perfekten Vaters soll schließlich perfekt sein. Als der Junge nach einem Streifzug durch die Spielzeugabteilung zurückkommt, hat der Vater an der Kasse gerade Wechselgeld in Empfang genommen. 

"'Was hast du gekauft, Papa?'
'Nichts', sage ich, 'bloß Kaugummi.'
'Wo ist er?', fragt Lidor.
'Hab ihn verschluckt', schwindle ich.
'Aber man darf ihn nicht verschlucken', sagt Lidor. 'Das kann im Bauch kleben bleiben.'
'Also willst du nun ein Geschenk oder was?', wechsle ich das Thema. 'Jetzt such dir doch was aus.'
'Ich will eine Kasse', sagt Lidor und deutet auf die Registrierkasse.
'Die Kasse verkaufen sie nicht', sage ich. 'Such dir was anderes aus.'
'Ich will die Kasse', beharrt Lidor. 'Papa! Du hast’s versprochen!'"

 Wie der Mann aus dieser Nummer herauskommt, ist ein Vergnügen für sich, wobei ja alle Erzählungen dieses Bandes leichthändig geschrieben scheinen und die schrecklichen Ereignisse und Momente auf eine manchmal verstörende Weise unterhaltsam sind. Denn das kann Etgar Keret wie kaum ein anderer: Alltag und Abgrund ineinander zaubern. 

Stand: 17.11.2020, 15:22